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Wimbledon-Finale : Raonic ist eine Bedrohung für das Establishment

Der Kanadier Milos Raonic will im Wimbledon-Finale der Spielverderber sein. Bild: AFP

Milos Raonic will das britische Tennis-Fest verderben, indem er Andy Murray im Wimbledon-Finale besiegt. Die Chancen stehen gar nicht schlecht – dank der Hilfe eines Altmeisters.

          Es ist genau drei Wochen her, dass sich Andy Murray und Milos Raonic das letzte Mal auf einem Tennisplatz gegenüberstanden. Die beiden schüttelten die Hände, und Raonic sagte zum Abschied: „Ich hoffe, es gibt in Wimbledon Revanche.“ Die Hoffnung hat sich erfüllt, an diesem Sonntag fordert der 25 Jahre alte Kanadier den Lokalhelden im Wimbledon-Finale heraus (15.00 Uhr / Live bei Sky und im Wimbledon-Ticker bei FAZ.NET). Und die Experten geben ihm gute Chancen, das britische Tennis-Fest verderben zu können.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Seit seinem ersten Aufschlag auf der Profitour vor neun Jahren wird Raonic als Bedrohung für das Tennis-Establishment begriffen. Der 1,95 Meter große Athlet ist in der Lage, den Ball mit seinem Service bis auf 235 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen. Als er 2014 in Wimbledon erstmals bis ins Halbfinale vordrang, hatte er sein Spielvermögen so weit entwickelt, dass Raonic auch bei längeren Ballwechseln mit den Besten mithalten konnte. Seit Anfang dieser Saison ist der Kanadier nicht nur fähig, mitzuhalten, sondern das Geschehen auch zu diktieren. Im Finale von Brisbane zerpflückte er Roger Federer, und im Halbfinale von Melbourne beherrschte er Andy Murray bis tief in den vierten Satz hinein. Doch der Schotte schaffte es irgendwie, den Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen.

          Als Raonic das alte Missgeschick bei den French Open widerfuhr, gegen einen schwächeren Gegner noch zu verlieren, war die Zeit für ihn reif, etwas dagegen zu tun. Er verpflichtete zunächst nur für die Rasensaison John McEnroe. Der Altmeister der psychologischen Tennis-Kriegsführung sollte ihm zeigen, was ihm noch fehlte, um ein absoluter Siegertyp zu werden. Mit ausgiebigem Schlagtraining hielt sich die Tennis-Ikone nicht lange auf. „Milos kann jeden Schlag, das beste Spiel seiner Karriere machte er gegen Federer in Brisbane, ich habe keinen Anteil an seiner spielerischen Klasse. Aber ich kann ihm weiterhelfen, dass er seine Fähigkeiten bis zum Ende des Spiels ausschöpft“, sagte McEnroe gegenüber der BBC.

          Seine Erkenntnis: Raonic verliert zu viel Energie beim Versuch, in den entscheidenden Spielphasen seine Emotionen zu unterdrücken. „Ich sage ihm immer: Steh dazu, dass du Druck spürst, steh zu deinen Gefühlen, und nutze sie.“ Der Kanadier bestätigt, dass ihm genau dieser Hinweis in Wimbledon weitergeholfen hat. „Die großen Momente in einem Spiel gingen einfach so an mir vorüber. Jetzt spiele ich sie viel bewusster, viel aktiver. Nervosität ist für mich ein gutes Gefühl, es lässt mich aggressiver spielen. Ich neige dazu, mich in meine Schale zurückzuziehen.“

          Roger Federer musste sich im HalbfinaleRaonic geschlagen geben.
          Roger Federer musste sich im HalbfinaleRaonic geschlagen geben. : Bild: AFP

          Das bedeutet nicht, dass Raonic jetzt in Wimbledon auf dem Platz herumschreien oder ständig mit geballter Faust herumlaufen würde. Das entspräche nicht seinem Charakter. Aber im Halbfinale schaffte er es, gegen Federer im vierten Satz eine Präsenz und Unbeugsamkeit zu vermitteln, obwohl die Begegnung gegen ihn zu laufen schien. „Mental war das bestimmt das beste Spiel meiner Karriere. Ich gab Federer nie das Gefühl, mich am Kragen zu haben, obwohl ich in manchen Phasen wirklich nicht gut spielte. Und als er mir plötzlich Ende des vierten Satzes Chancen gab, war ich bereit, sie wahrzunehmen.“

          Milos Raonic analysiert und plant seine Tennis-Laufbahn mit einer für einen 25-Jährigen erstaunlichen Tiefe und Konsequenz. Ernährungsberater, Physiotherapeuten und Mentaltrainer gehören schon lange zu seiner Entourage, schon zu einem Zeitpunkt, als er sie sich noch gar nicht richtig leisten konnte. „Ich habe keine Kosten gescheut, um das Beste aus mir herauszuholen.“ Der vorletzte Vorbereitungsschritt auf dem Weg zur Nummer eins war im vergangenen Jahr die Verpflichtung von Carlos Moya. Der Spanier, ehemals Nummer eins der Welt, verfeinerte sein taktisches Spiel. Nun ist McEnroe dazugekommen, der im Mentalen das allerletzte Mosaiksteinchen gefunden hat.

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          Raonic ist reif für einen Grand-Slam-Titel, und er weiß das. Die letzten Niederlagen gegen Murray in Melbourne und Queens irritieren ihn überhaupt nicht mehr. „In Melbourne gelang es Andy plötzlich, mir sein Spiel aufzuzwingen, weil ich zu passiv wurde. Das muss ich unbedingt verhindern. Und dazu habe ich einen größeren Werkzeugkoffer als damals.“ Ihm ist bewusst, dass er an diesem Sonntag gegen den ganzen Tennis-Tempel anspielen muss, dass das Publikum ihren Lokalhelden Murray bedingungslos anfeuern wird. R

          aonic wurde gefragt, ob er glücklich mit der Rolle des Schurken oder des Spielverderbers sei. Seine Antwort: „Ich weiß nicht, ob ich die Schurkenrolle bekomme. Aber ich muss mich mit allem auseinandersetzen, was auf mich zukommt. Als Erstes muss ich mit mir selbst klarkommen, als Zweites mit Andy. Auf den Rest habe ich keinen Einfluss. Deshalb werde ich dem keine große Beachtung schenken.“ Kein Zweifel: Raonic ist für die Revanche bestens gerüstet, physisch und mental.

          Quelle: F.A.S.

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