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Görges und Kerber im Finale? : Tag der deutschen Damen in Wimbledon

Mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität: Julia Görges in Wimbledon Bild: dpa

Zwei deutsche Damen stehen im Halbfinale von Wimbledon: Angelique Kerber will das nächste stürmische Talent ausbremsen. Und Julia Görges arbeitet mit Strategie an ihrem Spiel gegen Serena Williams.

          Angelique Kerber bestreitet das Wimbledon-Finale gegen Julia Görges! Für diese Prognose wären jeder Experte und jeder Laie vor dem Turnier ausgelacht worden. Jetzt, da nur noch Jelena Ostapenko und Serena Williams zwischen einem deutschen Endspiel auf dem heiligen Rasen stehen, erscheint dieses Aufeinandertreffen alles andere als unrealistisch. Kerber hat im Viertelfinale gegen Daria Kassatkina bewiesen, wie gut sie stürmisch angreifende Talente ausbremsen kann. Das sollte ihr auch gegen die 21 Jahre alte Lettin Ostapenko möglich sein (14 Uhr/ F.A.Z.-Wimbledon-Liveticker und Sky).

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Und Julia Görges demonstrierte in den Runden zuvor, dass sie sowohl den Aufschlag als auch die spielerischen Variationsmöglichkeiten besitzt, Serena Williams zum Laufen zu bringen. Was die Voraussetzung ist, um die siebenmalige Wimbledonsiegerin zu bezwingen (Zweites Spiel auf dem Centre Court ab frühestens 15.30 Uhr/ F.A.Z.-Wimbledon-Liveticker und Sky). Die 36 Jahre alte Amerikanerin kann nach ihrem Mutterschaftsurlaub wegen noch fehlender Fitness durchaus auf dem falschen Fuß erwischt werden.

          Mit beiden Beinen auf dem Boden

          „Es ist verrückt, die Chance auf ein deutsches Finale zu haben“, sagte Görges. Es steht nicht zu befürchten, dass sie am Donnerstag von der Größe des Augenblicks davongetragen wird und leichtfertig die Chance verspielen wird. Kaum eine Spielerin im Damentennis steht so fest mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität. Logik, Struktur, Klarheit bestimmen ihre Gedanken.

          Und sie hat das notwendige Selbstvertrauen entwickelt, seitdem sich auf ihrem neuen Weg mit ein wenig Verzögerung der durchschlagende Erfolg eingestellt hat. 2015 glaubte Görges, etwas Neues probieren zu müssen. Sieben Jahre lang hatte sie ihrem Trainer Sascha Nensel die Treue gehalten, in guten wie in schlechteren Zeiten. „Man wechselt den Trainer nicht wie eine Unterhose“, hatte sie gesagt, als sie 2013 von Position 18 auf Platz 73 der Weltrangliste zurückgefallen war. Aber dann stellte sich bei ihr das Gefühl ein, dass sie ihr Potential nicht ausschöpfe, dass eine andere Herangehensweise sie weiter bringen könnte. „Ich wollte einfach eine andere Sicht der Dinge.“

          Auf dem Weg nach vorn: Angelique Kerber spielt zuerst um den Finaleinzug

          Sie wusste auch, wessen Sicht sie gerne hätte. In einem Bundesligamatch für Rot-Blau Regensburg beeindruckte sie der Mannschaftscoach Michael Geserer sehr. „Ich fand es toll, wie er mit mir gesprochen und was er über mein Spiel gedacht hat“, erinnerte sich Görges in einem Interview mit dem Online-Portal Tennis-Net. Da der Familienvater aber nicht ständig mit dem Tennis-Zirkus reisen wollte, dauerte es ein wenig, bis die Form der Zusammenarbeit gefunden war. Görges entschloss sich, aus ihrer norddeutschen Heimat nach Regensburg an den Wohnort ihres Trainers zu ziehen, Geserer stimmte zu, zumindest einige Monate im Jahr mitzureisen.

          „Team Jule“ macht stark

          Ein mindestens so wichtiger Bestandteil des „Teams Jule“, wie Görges ihren Tennis-Kleinbetrieb nennt, ist Physiotherapeut Florian Zitzelsberger. Mit ihm ist sie liiert. „Drei Freunde reisen durch die Weltgeschichte“, überschreibt Görges die für sie so glückliche Konstellation. Sie sei ein komplett anderer Mensch geworden, viel positiver, könne nun die angenehmen Seiten der anstrengenden Tour sehen. „Wenn man frisch auf die Tour kommt, denkt man: Wow! Man möchte alles gewinnen. Man macht sich Druck.“ Heute habe sie ein anderes Verhältnis zu ihrem Beruf. „Es geht einerseits darum, die Erfahrung auszuschöpfen. Gleichzeitig aber auch ums Genießen.“

          Auch ihr Spiel hat sich total verändert. „Ich bin eine andere Spielerin als früher, bewege mich sechs, sieben Mal gut und warte auf meine Chance. Früher bin ich nach dem dritten Schlag auf den Winner gegangen, obwohl das noch nicht gepasst hat.“ Nun sei sie so zäh, dass sie es sich leisten könne, lange abzuwarten, um dann wieder in die Offensive zu kommen. „Kombiniert mit dem, was ich an Taktik und Matcherfahrung dazubekommen habe, ist das ein gutes Paket.“

          Das ist nicht übertrieben. Seit Herbst 2017 gelangen ihr drei Turniersiege. Damals verdrängte sie auch Angelique Kerber als beste Deutsche in der Weltrangliste. Eine Tatsache, die ihr nicht wichtig war. Sie hat ein viel zu gutes, von Zuneigung und Respekt geprägtes Verhältnis, als dass sie eine besondere Konkurrenz-Situation sieht. Das spiegelt sich auch in ihrem Kommentar vor dem Halbfinale in Wimbledon: „Es ist speziell, mit Angie im Halbfinale zu stehen, aber ich denke, Angie hat einen viel besseren Job in den letzten Jahren gemacht als ich. Sie stand schon in fast jedem Halbfinale.“

          Für Görges ist es im 42. Grand-Slam-Turnier eine Premiere. Wie schon die Teilnahme am Viertelfinale. Es muss ja nicht das letzte bleiben. Görges kündigt an: „Eigentlich wollte ich mit 30 aufhören. Aber ich hänge noch ein paar Jährchen dran.“ Alles andere wäre auch töricht, wenn man gerade den Höhepunkt seiner Schaffenskraft erreicht hat.

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