FRANKFURT. Als Welt- und Europameister sowie deutscher Rekordnationalspieler verfügt Lothar Matthäus über einen der exquisitesten Lebensläufe im internationalen Fußball. Doch alles, was sich nach dieser steilen Karriere ergeben hat für den einstigen Weltstar, bleibt bislang hinter den Marksteinen vergangener Jahre zurück. Sein neuester Anlauf, irgendwann zurückzukommen auf die große Bühne, bringt ihn vorerst noch weiter weg von alten Sphären. Nach Wien, Belgrad und Budapest sucht der 44 Jahre alte Matthäus nun sein Glück in Brasilien. Aus den Kontakten zum Erstligaklub Atletico Paranaense ist jetzt definitiv eine feste Verbindung geworden, die spektakuläre Züge trägt. Denn der Franke aus Herzogenaurach wird der erste Europäer auf einem Trainerstuhl in der Campeonato Brasileiro sein, was in den dortigen Medien aufsehenerregend als "Bombe" gesehen wird. "Es macht mich stolz, daß mich ein Klub aus dem Land des Weltmeisters verpflichtet hat. Es ist die Bestätigung meiner bisherigen Trainerarbeit", sagte Matthäus gestern gegenüber dieser Zeitung.
Zusammen mit Franz Beckenbauer, Berti Vogts und Sepp Meier drehte er die vergangenen Tage in Kapstadt einen Werbespot für die Weltmeisterschaft, was ihn nicht davon abhielt, den Vertrag mit dem Verein aus der Millionenstadt Curitiba im Süden Brasiliens unter Dach und Fach zu bringen. Ein weiteres Engagement als ungarischer Nationaltrainer, welches zum Ende des Jahres ausgelaufen war, hat sich damit erledigt, obwohl ein lukratives Angebot zur Weiterbeschäftigung auf dem Tisch gelegen haben soll. Ihn reize die tägliche Arbeit mit einer Mannschaft, so Matthäus zu seiner Entscheidung, nun vom 1. Februar an zunächst für ein Jahr die Mannschaft des Sechsten der vergangenen Spielzeit in Brasilien zu übernehmen. Atletico Paranaense war 2005 sogar bis ins Finale des südamerkanischen Landesmeisterpokals, der Copa Libertadores, vorgedrungen. Die Saison in der ersten Liga, zu der 22 Teams gehören, beginnt am 16. April. Im nationalen Pokal steht die erste Runde am 15. Februar auf dem Programm. Bis dahin soll der Kapitän der deutschen Weltmeisterelf von 1990 die ersten Strukturen gelegt haben, um an neuer Wirkungsstätte erfolgreich durchzustarten. "Die Mannschaft ist gut aufgestellt, alles sieht sehr professionell aus", sagt Matthäus. "Beide Parteien glauben, den richtigen Partner gefunden zu haben."
In der vergangenen Woche hatte der Deutsche Curitiba und den dortigen Klub zu seinen ersten Verhandlungen besucht, was in der aufstrebenden, wirtschaftlich boomenden Stadt eine Welle der Begeisterung entfachte. Viele Fans legten für Stunden ihre Arbeit nieder und strömten zum Vereinsgelände. Stadion, Trainingszentrum und die Strukturen des Klubs seien "vom Allerfeinsten", wie Matthäus bei seinem ersten Rundgang feststellte. Doch so positiv die ersten Eindrücke ausfielen - ein vielversprechender Trainerjob in der brasilianischen Liga kann sich am Ende zu einem kurzen Vergnügen entwickeln. Im vergangenen Jahr wurden 38 Übungsleiter gefeuert. Ein bekannter brasilianischer Journalist kommentierte im Fernsehsender "SportTV" die Verpflichtung von Matthäus am Mittwoch schon mal äußerst negativ: "Als Spieler war er toll. Als Coach ist er aber eine Null." Den neuen Trainer von Paranaense ficht das nicht an: "Ich mag besondere Herausforderungen", sagt er. Ob der Deutsch-Brasilianer Paolo Rink, ehemaliger Profi von Bayer Leverkusen und ein Kind Curitibas, zu seinem Assistenten werde, wollte Matthäus indes nicht bestätigen. "Ich suche jemanden mit mehr Trainererfahrung, der natürlich Deutsch und Portugiesisch spricht."
Nachdem in den vergangenen Monaten vieles darauf deutete, daß der Weltstar von einst nicht mehr als ungarischer Nationaltrainer arbeiten wollte, war natürlich wieder darüber spekuliert worden, ob Matthäus nun endlich den Weg zurück nach Deutschland finde. Doch auch die vergangene Runde im Trainer-Suchspiel war wieder an ihm vorbeigegangen: Hannover, Nürnberg, Kaiserslautern, Wolfsburg, Köln, Schalke, überall wurden Kollegen vorgezogen. Zwar wurde der Franke hier und da in alter Tradition als möglicher Kandidat gehandelt, doch das war es dann auch schon. Es gebe deutsche Klubs, so Matthäus, die ihn gerne nähmen, aber Angst davor hätten, "weil mein Name polarisiert". Seine harte Tour auf dem zweiten Karriereweg führt zur nächsten Station, diesmal noch weiter weg von der Heimat und unter einem ganz neuen Slogan: "Die Brasilianer lieben Fußball wie ich."
Michael Ashelm