30.07.2002 · Im reifen Springeralter von 30 Jahren feierte Anke Piper in ihrer Heimatstadt den größten Erfolg ihrer Karriere: EM-Gold im Turmspringen.
Von Cai Philippsen, BerlinNur gut, dass es bei Lutz Buschkow nicht auf die Haltungsnote ankam. Als seine Trainerkollegen den Coach von Anke Piper in voller Montur ins Wasser warfen, gab es einen großen Platscher.
Seine Sportlerin hatte die Wasseroberfläche vorher graziler durchschnitten. Fünf Mal sprang die Berlinerin von der zehn Meter hohen Plattform ab, fünf Mal spritze das Wasser kaum auf. Kampfrichter, Zuschauer und vor allem Lutz Buschkow waren gleichermaßen begeistert.
Das Golden Girl des Nachmittags
Mit 30 Jahren nach einer wechselhaften Karriere mit einigen Höhe- und vielen Tiefpunkten noch einmal ganz an die europäische Spitze zu springen, damit hätte niemand gerechnet. Gold vom 10-m-Turm mit 337,05 Punkten, „das war noch sensationeller als die Silbermedaille von Andreas Wels am Vortag“, sagte Bundestrainerin Ursula Klinger.
Zum ersten Mal in ihrer nunmehr 15 Jahre andauernden Laufbahn behielt die Synchron-Europameisterin von 2000 im Einzel die Nerven, sprang fehlerfrei. Sie war gleich in doppeltem Sinne das Golden Girl des Nachmittags. Mit 30 Jahren ist sie schon eine Sprung-Oma. Ihre Konkurrentinnen sind deutlich jünger. Die zweitplatzierte Italienerin Tania Cagnotto (331,32) mit 17 Jahren fast halb so alt. Dritte wurde die 26 Jahre alte Ukrainerin Olga Leonowa (321,93). Für Anke Pipers Teamkollegin Annett Gamm lief es alles andere als gut. Mit 290,55 Punkten kam sie nur auf Rang zehn.
Hohes Risiko im hohen Alter
Ihre Karriere hatte Anke Piper nach gesundheitlichen Problemen und sportlichen Enttäuschungen eigentlich schon 1993 beendet. 1995 kam sie wieder zurück und nach der verpassten Qualifikation für Sydney 2000 erhöhte sie noch einmal das Risiko. „Als Älteste mit so einer hohen Gesamtschwierigkeit noch einmal anzugreifen, damit ist sie ein Vorbild für alle“, sagte Ursula Klinger.
„Ich habe gezeigt, dass ich noch Wasserspringen kann“, sagte Anke Piper fast trotzig. Und der Chef der Wasserspringer Walter Alt outete sich prompt als Zweifler: „Jeder hat gedacht, sie packt es nicht mehr.“
Mit Männersprung zum Titel
Das größte Risiko und der Schlüssel zum Erfolg, der auch durch die überraschend schwache Ukrainern Olena Schupina (4./ 311,46) möglich wurde, lag im dritten Sprung: Der doppelte Rückwärtssalto mit eineinhalbfacher Schraube aus dem Handstand ist eigentlich ein Männersprung. Buschkow hatte lange gebraucht, seine vorsichtige Athletin zu überzeugen, einen so schwierigen Sprung in das Programm ein zu bauen.
„Ich musste schon ein paar Mal den Handstand abbrechen, weil mit die Arme vor Nervosität so gezittert haben“, berichtete Anke Piper. Diesmal hielten die Nerven am Rand der Betonplattform unter dem Hallendach. Nach dem dritten Sprung war sie nur haudünn hinter den beiden Führenden, im vierten setzte sie sich an die Spitze und ließ sich im letzten Sprung Gold nicht mehr nehmen.
Einspringen verboten
Den so entscheidenden wie ungewöhnlichen Psychotrick zum Titelgewinn ließ sich Trainer Lutz Buschkow einfallen. Er untersagte Anke Piper einfach das Einspringen. „Ihr Trainer war ganz cool, dass er ihr das Einspringen verboten hat, fand ich toll“, meinte Bundestrainerin Ursula Klinger.
Anke Piper selbst war alles andere als begeistert. „Ich war sauer. Ich hatte einfach nur Angst, dass mir im Wettkampf die Sicherheit fehlt“, meinte die ehrgeizige Sportlerin. Buschkow meinte einfach, die erste Serie vom 10-m-Turm sei meist die beste, „dann ist eben heute die Serie im Wettkampf deine erste und die wird auch gut laufen“.
Nur noch kurzfristige Ziele
„Dass ich hier gewonnen habe, ist unfassbar für mich. Ich brauche noch ein paar Tage bis ich das begriffen habe“, meinte die Rechtsanwaltsgehilfin, die ihre Arbeitsstelle auf die Hälfte reduzierte und damit auf einiges Geld verzichtete, um sich noch einmal intensiv vorbereiten zu können.
Sobald Anke Piper ihr Medaillenglück realisiert hat, will sie sich Gedanken über die Zukunft und die WM 2003 oder gar Olympia 2004 machen. „Ich denke nur noch in kurzen Schritten. Ich bin in einem Alter, in dem man sich nur noch kurzfristige Ziele setzt.“