Er war die „Duz-Maschine“ und „Weißbier-Waldi“, der letzte Vertreter des Fußball-Stammtischs im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Hier kommt der ausrangierte Fußball-Reporter Waldemar Hartmann noch einmal zu Wort.
Es gibt große Verlierer im internationalen Sport im abgelaufenen Jahr: Totilas, Lance Armstrong, Jogi Löw. Dürfen wir auch Sie dazuzählen nach Ihrem Abschied von der ARD?
Da befinde ich mich ja in bester Gesellschaft. Und wenn ich mir so anschaue, was die erwähnten Verlierer so mitmachen mussten, zähle ich mich ja schon wieder zu den Gewinnern. Totilas soll geschlagen worden sein - so weit ging die ARD dann doch nicht. Lance Armstrong wurden alle Titel aberkannt - ich durfte meinen einzigen Titel „Weißbier-Waldi“ behalten. Und im Gegensatz zu Jogi werden meine Haare ganz seriös grau.
Wollen Sie damit andeuten, dass sich Bundestrainer Löw die Haare färbt, eine Art Gerhard Schröder des Fußballs?
Ich kenne Löws Geheimnis nicht. Aber wenn man nur zweite und dritte Plätze feiert, dann müssten eigentlich ein paar graue Haare durchschimmern. Aber er hat ja einen Vertrag mit Nivea, einem der großen Kosmetikkonzerne, vielleicht haben die ein Wundermittel an ihm ausprobiert.
Mal unabhängig von der Haarfarbe: Wie sehen Sie die Zukunft des Nationalteams und die von Löw?
Mit diesem Kader kann es nur darum gehen, einen großen Titel zu gewinnen. Wenn man jedes Qualifikationsspiel gewinnt, heißt das ja nicht viel. Qualifikationsspiele sind nicht gerade ein Witz, aber sie werden immer leichter und unbedeutender. Die Hoeneß-Generation hat noch gegen die Sowjetunion gespielt, und jetzt spielt Jogi gegen zwanzig Ex-Republiken. Der Balkan ist fünfmal größer geworden, und selbst Tschechien und die Slowakei sind jetzt zwei Länderspiele.
Sie halten Löw nicht für den Erfinder des Fußballs?
Wenn die Leute aus der Bundesliga von der „Jogi-Schule“ hören, dann verstehe ich, wenn sie sagen, hallo, die Götzes und die Özils und die Schürrles, die haben wir ausgebildet, der soll doch nicht so tun, als ob er denen das Kicken beigebracht hat. Wenn Jogi sein Vercoachen bei der EM gegen Italien auf die Füße fällt, darf er nicht sechs Wochen danach noch beleidigt sein. Das ist doch lächerlich. Fußball ist immer noch einer der härteren Männersportarten, aber wenn ich mir die Löw-Schule anschaue, dann denke ich immer, das ist eine Wohlfühloase, eine Reha-Zone, eine Art Waldorfschule, nach dem Motto, wenn der Mesut und der Toni nicht nach hinten arbeiten wollen, dann müssen sie das auch nicht, wenn es ihrer ganzheitlichen Entwicklung entgegensteht.
Warum sagt keiner offen, wir brauchen einen anderen Bundestrainer? Einen wie Klopp, der herauskitzeln kann, was fehlt.
Vielleicht kommt diese Diskussion, mal sehen. Aber Klopp werden sie kurzfristig nicht kriegen.
Was ist mit Horst Hrubesch, der mit den DFB-Junioren etliche Titel gewann?
Als Sammer vor vier Jahren beim DFB angefangen hat, habe ich mit ihm einen Spaziergang gemacht, da haben wir über seine Philosophie geredet: ,Was planst du beim DFB, was machst du anders?’ Da habe ich gesagt, von den Alten wird wohl zuerst der Horst ins Gras beißen, und da sagt Sammer zu mir: ,Da sieht man, dass du keine Ahnung hast, das ist unser bester Mann, einer, der die Sprache der Jungs spricht, der sieben oder acht Jahre Happel als Trainer hatte, der Titel gewinnt.’ Aber in unserer Medienglamourwelt hat es einer wie Hrubesch schwer. Er als Bundestrainer - ich weiß nicht, was Nivea dazu sagen würde.
Wie steht’s um die anderen Sportarten? Fußball macht alles platt, geht das so weiter?
Ich glaube schon. Die Fernsehrechte werden noch teurer werden, die Finanzausstattung der Vereine und Verbände wird noch besser. In anderen Sportarten, die Formel 1 ausgenommen, fehlen die nationalen Helden. Der Radsport hat sich selbst erledigt. Da haben früher nachmittags zwei, drei Millionen zugeguckt, wenn die nach Alpe d’Huez hochgefahren sind. Heute? Tot! Tennis? Tot! Wintersport? Zum Fernsehritual geworden. Ski alpin? Die Höfl-Riesch müht sich, vor allem der Höfl. Olympiasiegerin Rebensburg - ein kerniges Bayern-Mädel, dem der Glamour fehlt. Wenn man mal von der Neuner im Biathlon absieht, die zurückgetreten ist, dann ist das in den einzelnen Sportarten immer Handelsklasse 1b, mal mit einem Ausreißer nach oben wie die Petkovic im Tennis, die hat alles, aber die ist verletzungsanfällig und kommt nicht ganz nach oben. Und ein Hockey-Olympiasieger, der kann halt unerkannt eine Stunde über den Marienplatz spazieren.
Wie sieht es mit der Fernsehberichterstattung aus? Im Fußball scheint die Blondierung der Reporter nicht aufzuhalten. Lange Mähne, lange Beine, da können Sie natürlich nicht mehr mithalten.
Eher nicht. In der zweiten Liga ist, glaube ich, nur noch eine Damentruppe unterwegs am Montag. Es gibt ja auch ein richtiges Casting mittlerweile bei Sky, da ist Heidi Klum nichts dagegen. Vielleicht sollte ich auf meine alten Tage noch mal politisch aktiv werden und Gleichstellungsbeauftragter für Männer werden.
Würden wir davon abraten, wegen Übererfüllung der Klischee-Bedienung: Waldi, der Macho!
Dieser Vorwurf ist mir wurscht, Meine Frau sagt, Macho kommt aus dem Spanischen und heißt männlich. Sie wäre enttäuscht, wenn ich anders wäre. Beim Sky-Talk füllen ja auch immer zwei sehr langbeinige, wunderschöne Frauen die Wassergläser. Das habe ich bei der WM 2006 auch gemacht, da ging eine Blonde in den Trikots der Mannschaften einmal durch die Runde und füllte die Gläser. Ich bin damit erst im Halbfinale der „Sauren Gurke“ der öffentlichen-rechtlichen Frauen gescheitert, das war Sexismus damals, Waldis Frauenfeindlichkeit.
Ja, es geht voran, heute laufen die Mädels nackt durchs Bild.
Nackt sind sie noch nicht, aber man weiß ja nicht, was Sky noch so alles vorhat.
Sind Ihnen Boxer eigentlich lieber als Fußballer?
Ich glaube, dass der Begriff „Boxfamilie“ nicht bloß eine Erfindung ist. Unter dem letzten Eindruck, meinem Abschied nach dem Abraham-Kampf, ist meine Boxerseele noch ein bisschen mehr entflammt. Du merkst einfach, dass das archaischer ist, dass die Boxer noch einen anderen Wertebegriff haben, um nicht zu sagen: Ehre.
Sie haben für die ARD moderiert, und die ARD finanziert den Boxstall Sauerland. Können Sie unter diesen Umständen objektiv berichten? Wie ist das mit Nähe und Distanz?
Ich habe meinen Job immer nach journalistischen Grundsätzen gemacht, aber gerade beim Boxen kommt natürlich auch immer der Vorwurf, ihr habt das Produkt zu schön geredet.
Ihr Experte Henry Maske hat zuletzt beim Kampf Huck gegen Arslan arg rotiert beim Versuch, das umstrittene Urteil für Sauerland-Mann Huck einzuordnen.
Henry versucht, das Boxen als Wissenschaft zu sehen. Wenn er der iPod ist, bin ich der Kassettenrekorder. Er bemüht sich mit aller Kraft, eine objektive Wertung zu ermitteln und sie zu begründen. Er würde nie etwas gegen seine Überzeugung sagen. Er hat auch seinen Weg als Boxer skandalfrei gemacht, er ist klinisch sauber.
Könnte fast ein Fußballer sein heutzutage.
Bei denen ist es so, weil drei Berater dran gearbeitet haben. Bei Henry ist es echt.
Man hat Ihnen als „Duz-Maschine“ immer vorgeworfen, zur Kumpanei zu neigen.
Auch die Jungs, mit denen ich enger war, wussten genau, dass ich aus einem schlechten Spiel kein gutes machen kann. Die haben das akzeptiert. Die wollten die Schleimer gar nicht. Sammer ist ein klassisches Beispiel. Ich habe mich immer auf ihn gefreut, weil ich gewusst habe, da geht was! Es ist doch so, dass man eine Atmosphäre braucht, um miteinander zu reden. Ich darf die Tür nicht zusperren, ich muss sie aufkriegen. Wichtig ist, dass die dir was erzählen, und das kriegst du nicht mit aufgepflanztem Bajonett. Nähe, Distanz - das spielt alles keine Rolle. Wichtig ist, dass am Ende was dabei rauskommt. Ich wollte nie nur unterhalten, ich wollte auch Hardware liefern.
Und damals mit Völler, bei seinem legendären Wutausbruch vor laufender Kamera, was war da Ihr erster Gedanke?
Ich hab gedacht, jetzt ist der auf 180, wie großartig, wie geil! Ich hab innerlich gejubelt. Ich wollte das auskosten, solange es geht, solange er unter Dampf steht. Vor kurzem ist Oliver Kahn im ZDF das erste Mal aus sich herausgegangen, und Müller-Hohenstein hat gesagt, zeigen wir mal schnell einen Film, da kannst du dich beruhigen. Ich hab gedacht, ja Mädel, was machst du denn da? Jetzt hast du ihn endlich mal so, wie er auf dem Spielfeld war, und jetzt legst du einen Schaumteppich drüber, das kann doch nicht wahr sein!
Stimmt es eigentlich, dass Ihnen Harald Schmidt geraten hat, die Klischees zu bedienen?
Ja, er hat gesagt, versuch erst gar nicht, das zu ändern, du läufst gegen die Wand. Bediene es einfach, und alles ist gut. Und solange ich für meine Weißbierbotschaftertätigkeit bezahlt werde, macht es wenigstens auch einen Sinn.
Bleiben wir bei den Klischees: Stammtisch-Waldi - Sie hatten mit 23 Ihre erste eigene Kneipe. Sind Sie in Ihrem Herzen immer ein Wirt geblieben?
Der Stammtisch ist der älteste Kommunikationsort der Welt. Das Wirtshaus, die Theke, das war für mich erst ein Erwerbsort, später Infoquelle und Kommunikationsplatz. Stammtisch ist nicht nur, was mir das Feuilleton vorwirft: platt, dumm, bierselig.
Sie sind nicht nur bierselig, sondern tragen auch noch das zweite bayrische Stigma: Sie stehen der CSU ganz nah.
Ich bin ein Wertkonservativer. Aber, eigenartig, viele gute persönliche Bekanntschaften von mir sind von der anderen Fraktion. Steinbrück, Clement, sie kenne ich gut, von der Münchner Staatsregierung kenne ich keinen mehr.
Wie steht es mit Ihren Nehmerqualitäten? Sie haben eine Fülle negativer Kritiken einstecken müssen, auch unter der Gürtellinie. Wie gingen Sie damit um?
Es ist schwer zu ertragen, wenn das nichts mit sachlicher Kritik zu tun hat, sondern es nur noch ganz persönlich verletzende Angriffe sind. Man kann sich dagegen nicht wehren, weil die Pressefreiheit auch eine Art Freiheit des öffentlichen Todesurteils garantiert. Wenn ich einen Polizisten Bulle nenne, muss ich tausend Euro zahlen, aber wenn mich jemand öffentlich vernichtet, muss ich das hinnehmen. Was sonst so kam, musste ich lernen zu nehmen. Da gab es zwei therapeutische Behandlungen. Die eine war von Harald Schmidt.
Dem lieben Gott der Intellektuellen, mit dem Sie zwei Olympische Spiele in der ARD bestritten.
Ja, Bildungs-Harry und Weißbier-Waldi.
Wie war das mit der Schmidt-Therapie?
In „Bild“ hatte Kolumnist Wagner mal über Schmidt und mich geschrieben. „Wenn ich euch sehe, reicht es nicht, den Fernseher auszuschalten, ich muss ihn aus dem Fenster schmeißen.“ „Du regst dich da wirklich drüber auf“, hat Schmidt gesagt. „Klar“, sag ich. „Bist du bescheuert“, sagt er, „Kritik ist so wichtig, wie du sie nimmst!“ Das habe ich mir zum Credo gemacht. Das funktioniert nicht in der gleichen Minute, aber es hilft sehr auf Dauer. Und dann hat Giovanni di Lorenzo mal zu mir gesagt, er lese gar nichts über sich, keine Kritiken, weil er sich nicht mit den Augen anderer sehen wolle. Das habe ich auch verinnerlicht. Jetzt habe ich gelernt, mit Kritik umzugehen, jetzt, wo ich draußen bin und wahrscheinlich unbehelligt bleibe. Bisschen spät.