08.08.2004 · Doping, Korruption, Verkehrschaos, Anschlagsgefahr. Olympia in Athen steht unter kritischer Beobachtung. Sechs gute Gründe, warum die Olympischen Spiele dennoch ein unvergeßliches Ereignis werden.
Von Christian EichlerAchtung, es folgt der Aufschrei einer schwindenden Gattung: des olympischen Optimisten. Diese Spezies sieht sich umzingelt von den Schwarzsehern und ihren immergleichen Fragen: Olympia? Muß das sein? Warum in Griechenland? Ist das denn sicher? Und wieso im brütenden August? Werden die überhaupt fertig? Fällt da nicht der Strom aus? Und so weiter. Jahrelang. Jetzt ist es genug.
Noch fünf Tage bis zu den Spielen: Zeit, daß Sportteile wieder wie Sportteile aussehen und nicht wie Baubranchen-Fachmagazine oder Security-Hotlines. Die Griechen sind fertig, das Wetter ist nicht viel heißer als in Deutschland, nun sollte es endlich ums Eigentliche gehen. Für alle, die es vielleicht vergessen haben vor lauter Bauverzögerungszwischenständen und Sicherheitskraftzählungen: Olympia ist Sport. Olympia ist das Beste im Sport. Und es gibt gute Gründe dafür, daß Athen 2004 eine großartige Show, ein unvergeßliches Ereignis bieten wird. Hier sind sechs dieser Gründe.
Erstens: Es sind Spiele vor der Haustür
Vor der virtuellen Haustür zumindest, denn Athen liegt nur eine Stunde vor unserer Zeitzone. Das bedeutet ein Olympia, das die Menschen durch den Tag begleitet und Tagesgespräch wird; das von Frühstück bis Spät-Snack verschmilzt mit dem Medienalltag der Olympiafans daheim. Im Büro, in der Küche, in der Kantine läßt sich mit einem Auge oder einem Ohr verfolgen, wie sich Ereignisse zuspitzen, Sensationen ankündigen, deren Verlauf man dann einen ganzen Feierabend lang begleiten kann. Um am Ende mit einem abgeschlossenen, erfüllten olympischen Tag ins Bett zu gehen - ohne das blöde Gefühl, das Beste im Schlaf zu verpassen, weil die Spiele irgendwo anders auf der Welt gastieren, wo es während der europäischen Nacht immer noch oder schon wieder hell ist. Olympia auf europäischer Zeitebene, das hat man seit München 1972 nur ein einziges Mal erleben können, 1992 in Barcelona (Moskau 1980 war nur ein olympischer Torso). Und nach nunmehr zwölf Jahren, in denen die Spiele in Amerika und Australien landeten, haben viele Ältere vergessen und viele Jüngere noch gar nicht erlebt, daß Olympia vor der Haustür, als Begleiter durch den Tag, etwas ganz anderes ist.
Zweitens: Es sind Spiele mit einer neuen deutschen Athleten-Generation.
Von ein paar Evergreens abgesehen, die ihren vierten bis siebten Olympiafrühling erleben und in Athen eine großartige Spätvorstellung versprechen wie Franziska van Almsick oder Birgit Fischer, tauchen immer mehr frische, neue Gesichter auf. Meist sind es Sportler, die nicht mehr aus dem Systemdenken und den östlichen wie westlichen Kaderschmieden des Kalten Krieges, Nebenschauplatz Olympia, stammen. Es sind keine austauschbaren Talente, die zur Addition für einen Medaillenspiegel hin getrimmt wurden, sondern individuelle Typen, die Angriffslust, Spaß am Wettkampf, Lust auf Sport ausstrahlen. Und das ist es ja, was man als Zuschauer in Wirklichkeit sehen will: Menschen, die etwas, das sie gut können, mit Lust und Laune tun; also eben nicht die deutsche Fußball-Nationalelf. Es sind Eigenschaften, mit denen man Erfolg haben kann, wie zwei deutsche Weltmeister in jungen olympischen Sportarten, Sabine Spitz (Mountainbike) und Henrik Stehlik (Trampolin). Auch in zwei weiteren Nesthäkchen des olympischen Sports, die binnen weniger Jahre zu Höhepunkten der Spiele wurden, ist Deutschland mit attraktiven Sportlern aussichtsreich vertreten: Triathlon und Beachvolleyball.
Drittens: Es sind Spiele für zwei Jahrhundertsportler.
Für die vielleicht ersten neuen des 21. Jahrhunderts: Kenenisa Bekele und Michael Phelps. Das sind zwei Naturereignisse des olympischen Sports, wie sie nur alle Jubeljahre auftreten - Athleten, die alte Grenzen mit einer enormen Leichtigkeit verschieben. Der Äthiopier Bekele will, was seit 1980 keinem gelang: beide Langstrecken der Leichtathleten gewinnen, 5000 und 10
Viertens: Es sind Spiele für die Vielfalt.
Diese Vielfalt des Sports wird sonst vom Fernsehen nicht mehr abgebildet, nur bei Olympia. Nur hier werden mediale Mauerblümchen ins Rampenlicht gesetzt, nur hier kann ein Fechter oder Gewichtheber oder Geher groß herauskommen. Und seine Sportart und deren Reiz auch, zumindest für einen Tag alle vier Jahre. In einem Fernsehangebot, in dem immer mehr Sport aus immer weniger Sportarten gezeigt wird, dürfte die Bandbreite der menschlichen Bewegung und die Dramaturgie der olympischen Artenvielfalt einen Gegenpol setzen, der viele Zuschauer neu begeistern wird.
Fünftens: Es sind Spiele für die Geschichte.
Im majestätischen Marmorstadion von 1896, auf der historischen Marathonstrecke und beim Abstecher ins antike Olympia wird Athen 2004 ein Gespür für die einmalige Tradition des Ereignisses verbreiten. Sport als Verbindung zur Wiege der europäischen Zivilisation: Das verspricht Spiele nicht nur mit Unterhaltungs-, auch mit Bildungswert.
Sechstens: Es sind Heim-Spiele.
Den Schwebezustand der Griechen nach dem EM-Erfolg unter Otto Rehhagel scheint der grandiose Doppelbogen des Olympiastadions abzubilden, das Architekt Calatrava von einer banalen Alt-Arena in ein modernes Kunstwerk verwandelte. Dieser Bogen wird den Spielen die Krone aufsetzen. Athen wird leuchten.
Freude statt Kontrollwahn
Nun gut, siebtens räumt auch der olympische Optimist einige Dinge ein, die der olympischen Leuchtkraft ein wenig den Strom abdrehen könnten, Begleiterscheinungen wie Doping, Korruption, Verkehrschaos, Anschlagsgefahr. Doch muß man sich davon schon vorauseilend den Spaß verderben lassen? Haben wir den Kontrollwahn so weit getrieben, daß man die ursprüngliche Freude, die Olympia ausmacht, gar nicht mehr wahrnimmt? Athen 2004, das ist wie eine Party, bei der lange vor Beginn alle naselang nörgelnde Gäste vorbeischauten und über die Vorbereitungen lästerten. Wer macht das sonst: monatelang vor dem Fest beim Gastgeber nachprüfen, ob der Partykeller aufgeräumt ist und schon Bier im Kühlschrank steht? Nun ist es soweit, Freitag abend geht es los, das Bier wird kalt sein. Nun muß man das Fest auch feiern.