14.06.2002 · Vor dem Achtelfinale gegen Paraguay ist der Einsatz von Michael Ballack wegen einer Muskelverhärtung fraglich, beim Abschlusstraining fehlte er.
Von Frank Hellmann, Seogwipo„Diese Mannschaft hat einen großen Traum, den sie sich erfüllen will“, sagte Oliver Kahn pathetisch einen Tag vor dem WM-Achtelfinale gegen Paraguay (Samstag 8.30 Uhr MESZ/ARD). Der Kapitän spricht gar vom „Finale“ und dem „WM-Titel“, denn er spüre die besondere Motivation, „so wie die Mannschaft spricht, so wie sie trainiert.“
Klar ist: Kahn und Kollegen planen längst über das Achtelfinale hinaus. Auch die mögliche Prämie von 35.800 Euro für den Einzug ins Viertelfinale gilt nur als Nebensache. Die Nationalspieler wollen sich in Seogwipo bei schwülwarmer Witterung gegen die Südamerikaner durchsetzen.
Ballack fehlt beim Abschlusstraining
„Bei der WM gibt es keine Schmerzen,“ sagt Kahn und das erwartet er auch von seinem künftigen Münchner Club-Kollegen Michael Ballack. „Ich bin voll fit“, hatte Ballack noch am Donnerstag gesagt, um wenige Stunden später wegen einer Muskelverhärtung in der Wade nicht zu trainieren.
Auch am Abschlusstraining der DFB-Auswahl am Freitag abend im Stadion von Seogwipo konnte er nicht teilnehmen. Stattdessen wurde der Leverkusener im Manschaftshotel „Paradise“ behandelt.
Außerdem machte er Aquajogging. DFB-Physiotherapeut Klaus Eder zeigte sich dennoch zuversichtlich: „Wir sind guter Dinge, dass es klappt.“
Ballack plagt das „Matthäus-Syndrom“
Rudi Völler hätten diese unliebsame Nachricht am liebsten unterschlagen, musste aber schließlich einräumen, dass „Michael rund um die Uhr behandelt wird.“ Erst am Spieltag soll ein finaler Test entscheiden, ob ein Mitwirken möglich ist. Der Teamchef selbst diagnostizierte das „Matthäus-Syndrom“: „Irgendwann macht plötzlich der Muskel zu - so wie es früher der Lothar bei einer WM gespürt hat. Das sind die Nachwirkungen des Kamerun-Spiels.“
Ballack hatte wegen einer langwierigen Fußverletzung und einer strapaziösen Saison bereits in der WM-Vorbereitung kürzer treten müssen. Der künftige Münchner wirkte deshalb in den ersten drei Vorrundenspielen gehemmt. Wer für Ballack notfalls zum Einsatz kommen würde, wollte Völler nicht verraten. Eine Alternative wäre jedoch der Dortmunder Sebastian Kehl, der im bisherigen WM-Verlauf noch nicht gespielt hat. Kahn will einen Ausfall Ballacks nicht wahrhaben: „Das wäre fatal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht spielt.“
Warnung an Roque Santa Cruz
Tortz der neuen Sorgen - überzeugt vom Weiterkommen sind sie alle - da sind Mahnungen über den unberechenbaren Kontrahenten mit dem extravaganten Torwart-Pendant Jose Chilavert unangebracht. Kahn hält es einen Tag vor dem Spieler eher für angebracht, seinen Mitspieler aus München zu warnen. „Roque Santa Cruz ist eines der größten Talente dieser Welt. Doch er wird nicht den Fehler machen, gegen uns zu treffen. Dann braucht er nicht mehr in die Bayern-Kabine zu kommen.“
Ein Tor des neben Chilavert bekanntesten Spieler aus Paraguay wäre auch deshalb nicht passend, weil Kahn am Spieltag seinen 33. Geburtstag feiert. „Die Mannschaft weiß, welches Geschenk sie mir machen muss.“ Kahn hat erkannt, „dass die zweite Reihe brennt“.
Verlangen nach der Viererkette
Will heißen: Marko Rehmer, Jens Jeremies und Marco Bode, die für die gesperrten Dietmar Hamann , Carsten Ramelow und Christian Ziege ins Team rücken, bringen genügend neue Motivation mit. Und ein neues Abwehrsystem: „Flexibilität ist immer gefragt“, gibt sich der Teamchef ganz diplomatisch, was das kollektive Verlangen der Kicker nach der Viererkette betrifft. Kahn: „Damit haben wir gut gestanden und die Aufgaben im Mittelfeld vereinfachen sich.“
Der Forderungen des immer dominanter auftretenden Führungs-Torhüters kann sich auch Rudi Völler nicht entziehen. In der Aufstellung für das Achtelfinale scheint neben der Unsicherheit um Ballack nur noch die Besetzung der Sturmposition neben Miroslav Klose fraglich.
Nach der schwachen Vorstellung von Carsten Jancker rechnet sich Oliver Bierhoff weiter große Einsatzchancen aus. „Es heißt ja immer Klose und Neuville auf der einen, und Bierhoff und Jancker auf der anderen Seite.“ Dabei wähnt sich Bierhoff im Vorteil. Sein Plädoyer: „Ich fühle mich in Form. Ich habe schon bei anderen Turnieren gezeigt, dass ich warten kann.“
Ernsthafte Endspiel-Diskussion
Unterschwellig hat sich irgendwie ein bisschen Selbstgefälligkeit ausgebreitet. Zu selbstverständlich klingen die Formulierungen der Optimisten mit finalen Zielen, denen auch Bierhoff schon anhängt. „Vor dem Turnier haben wir vom Endspiel geflachst. Jetzt ist es ein bisschen ernster.“
„Du darfst nicht locker in das Achtelfinale gehen“, verlangt Völler. Kahn scheint das auch zu ahnen: „Wir dürfen nicht denken, wir haben die WM überstanden. Wenn wir nur einen Millimeter nachlassen, ist das gefährlich. Im Weltfußball hast du keine Chance, wenn du gegen die Kleinen nicht hundert Prozent gibst. Wir haben ja bei den anderen Favoriten gesehen, wohin das führt.“ Beim Kapitän würde es zu arger Verärgerung und einem verdorbenen Geburtstag führen.