„Paradise“ steht auf dem Schild an dem geteerten Weg, der sich von der Hauptstraße von Seogwipo ein paar Hundert Meter Richtung Südpazifik schlängelt. An der Abzweigung winkt ein Polizist, doch gleich dahinter stehen vier uniformierte koreanische Kollegen. Vor einer Absperrung hat die grimmig blickende Security Stellung bezogen. Das Quartett steht aufgereiht in einer Linie an einer Holzbarriere und wacht über jeden, der zum deutschen Mannschaftsquartier „Paradise Hotel“ auf Jeju Island will. An den Vieren kommt keiner vorbei.
Sie tragen gelbe Westen, rosa Gummiknüppel, blaue Uniform. Sie hantieren mit Spiegeln, um unter einfahrenden Autos nach Sprengstoff zu fahnden, sie durchsuchen Kofferräume. Unerlaubtes Eindringen zwecklos. Fast scheint es an diesem schwül-sonnigen Donnerstag so, als probten die vier Mann schon symbolisch die Viererkette, die an diesem Tag auch Thema der deutschen Nationalmannschaft ist. Die Kicker sind überzeugt, dass ihr gegen Kamerun aus der Not geboren Quartett ähnliche Sicherheitsgarantien auf dem Rasen wie die koreanische Polizei vor dem Quartier bietet.
Die Spieler fordern Viererkette
„Die Spieler sind alle einig, dass die Viererkette ein sehr, sehr gutes System ist“, sagte Jens Jeremies. Oliver Kahn empfahl schon unmittelbar nach den Kamerun-Spiel, „das Abwehrsystem genau zu überdenken.“ Für den Kapitän ist klar: „Mit der Viererkette haben wir gut gestanden.“ Auch Michael Ballack schlägt zwei Tage vor der Achtelfinal-Aufgabe gegen Paraguay (Samstag 8.30 Uhr MESZ/ARD und Live-Ticker FAZ.NET) ungewohnt deutliche Töne an. „Mit vier Mann hinten hat das besser geklappt.“
Die Mannschaft möchte zum ersten Mal mitreden, was Auf- und Einstellung angeht. In der Viererkette fehlt die Absicherung für die Abwehr, macht aber einen Mann für das Mittelfeld mehr. Ballack hält das deshalb für wichtig, „weil wir diesmal aggressiver und mehr auf Sieg spielen müssen.“ Motto: Agieren statt nur reagieren.
Der Trainerstab entscheidet
Doch auf solche taktische Empfehlungen des modernen Fußball wirken Teamchef und Bundestrainer eher gereizt. „Wir können beide Systeme spielen. Doch wir nehmen jeden Hinweis wohlwollend auf und prüfen den“, meinte Michael Skibbe süffisant, „doch die Mannschaft hat kein Mitspracherecht bei der Aufstellung.“ Das sei ausschließlich Sache des Trainerstabs.
Und der hat noch anderes zu tun, als über Taktik zu diskutieren. Die sportliche Führung hat den vermeintlichen unbekannten Kontrahenten aus Südamerika (Skibbe: „Die haben zwei Mal unentschieden gegen Argentinien gespielt und gegen Brasilien gewonnen.) ausführlich begutachtet. Neben Bundestrainer und Teamchef war auch Assistenztrainer Erich Rutemöller im World Cup Stadium Seogwipo am Mittwochabend dabei, als Paraguay trotz Unterzahl mit einer Energieleistung noch gegen Slowenien mit 3:1 siegte.
Lob für Paraguay
„Es gibt ein paar Parallelen zu uns. Sie haben eine unglaubliche Laufleistung gezeigt“, fand Skibbe, der zudem Erfahrung und Technik der Südamerikaner lobte. Paraguay sei nicht so einfach zur deutschen Frühstückszeit zu verspeisen, wie es die Spieler auf der Insel Jeju mit dem aus Deutschland mitgebrachten Müsli morgens tun.
Nein, einen Appetithappen gibt ein WM-Achtelfinale nicht her. „Man muss jeden Gegner ernst nehmen. Nur wenn man das hundertprozentig tut, hat man eine Chance.“ Und so erinnert Skibbe vorsorglich an die wehrhafte Tat der Südamerikaner vor vier Jahren, als Weltmeister Frankreich gegen Paraguay schon die Verlängerung und ein „Golden Goal“ benötigte, um weiterzukommen.
Die deutsche Möglichkeit, auch noch ein Viertelfinale zu bestreiten, wird dennoch als groß eingeschätzt. „Es gibt hier nur enge Spiele“, erklärt Jeremies, „doch wir werden noch ein paar Spiele in Korea haben.“ Kollege Ballack („Bei mir wird es von Spiel zu Spiel besser.“) ist überzeugt, dass „wir fußballerisch noch besser werden können“. Skibbe: „Wir sind überzeugt, dass wir weiterkommen.“
Einsatz für Rehmer, Bode, Jeremies und Neuville?
Überzeugend demonstrieren muss das dann eine auf mindestens drei, voraussichtlich aber vier Positionen veränderte Anfangself. Die aus der Mannschaft geforderte Viererkette könnte sogar Marko Rehmer auf rechts außen zum WM-Debüt verhelfen und Torsten Frings in seine zentralere Lieblingsrolle im Mittelfeld schieben. „Rehmer kann am Samstag in die Bresche springen“, deutet Skibbe an.
Die nach der Sperre für Christian Ziege und der Abreise von Jörg Böhme verwaiste linke Seite soll Marco Bode abschirmen. Fest steht auch, dass Jens Jeremies („Es ist gut, dass ein paar frische Spieler kommen.“) in eine zentrale Rolle rückt - er selbst plädiert für eine Verwendung im Mittelfeld, Völler erwägt offenbar noch eine ähnliche Interpretation wie die von Carsten Ramelow, als Absicherung in heiklen Fällen zwischen Abwehr und Mittelfeld.
Bleibt noch ein Frage im Angriff zu beantworten: Wer stürmt für den formschwachen Carsten Jancker? Oliver Bierhoff und Oliver Neuville fühlen sich gleichermaßen fit und fähig, stürmend dem Team zu helfen. Vielleicht sollte Völler abwechselnd beide getarnt als Zivilist vors Hotel und zur Probe zum koreanischen Wachdienst schicken: Wer sich dann als erster vorbei schleicht, darf zur Belohnung in Seogwipo mitspielen.