http://www.faz.net/-gtl-75gyp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.01.2013, 18:03 Uhr

Vierschanzentournee Katerstimmung bei deutschen Skispringern

Nach dem ersten Teil der Vierschanzentournee macht sich Enttäuschung bei der deutschen Mannschaft breit. Vom Ziel Gesamtsieg müssen sich Trainer Werner Schuster und sein Team schon vor dem ersten Springen in Österreich verabschieden.

von , Innsbruck
© REUTERS Große Hoffnung, am Ende war es leider nichts: Bundestrainer Werner Schuster winkt schon mal ab

Die Karawane ist weitergezogen. Und ausgerechnet in den Reihen der beiden Mannschaften, die eigentlich dieser Vierschanzentournee ihren Stempel aufdrücken wollten, war die Stimmung bei der Ankunft in Innsbruck gedrückt. Während die um gleich drei Sieganwärter dezimierten Österreicher durch ihren letzten verbliebenen Topmann, den zweitplatzierten Gregor Schlierenzauer, immerhin noch die greifbare Chance auf den Triumph vor Augen haben, verabschiedete sich das Team des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) vorzeitig von allen Wunschträumen: Auch bei diesem Anlauf springt es mal wieder nicht um den Gesamtsieg.

Marc Heinrich Folgen:

Severin Freund, der beste deutsche Mann, liegt im Klassement zur Halbzeit schon vier Plätze hinter dem Überraschungsführenden Anders Jacobsen aus Norwegen zurück und scheint nicht mehr in der Lage, im zweiten Abschnitt der Tournee das Blatt noch zu seinen Gunsten zu wenden. „Er ist immer noch in einer sehr guten Verfassung, aber es ist ihm nicht mehr so leicht von der Hand gegangen. Seine Sprünge kommen nicht mehr konstant“, stellte Werner Schuster fest. Der Bundestrainer hinterließ nach der Darbietung in Garmisch-Partenkirchen einen bedrückten Eindruck. Während er seine Zwischenbilanz zog, liefen ein Stockwerk darunter in der Disco im Teamhotel letzte Vorbereitungen für eine abendliche „Katerparty“ - auf der sich mancher Protagonist aus dem deutschen Tross in seiner zerknirschten Verfassung sicherlich ohne weiteres unter die Gäste hätte mischen können.

Enttäuschung beim Trainer

Es lag nicht an einer über Gebühr langen Silvesterfeier, dass sich die deutschen Athleten bei der Neujahrsveranstaltung mehrheitlich in einer Form präsentierten, die bei weitem nicht an die Klasse der Topleute Jacobsen und Schlierenzauer heranreichte. Von einer „gewissen Kluft“ zur Führungsgruppe sprach Schuster. Er machte aus seiner Enttäuschung über das Abschneiden, bei dem Youngster Andreas Wellinger als Neunter der größte Lichtblick war, keinen Hehl: „Unser Anspruch ist ein anderer.“ Der 43-Jährige sagte, er sei sich „eigentlich sicher“ gewesen, „dass unser Potential dazu genügt, um unter die Top drei zu kommen“. Als Ursachen für den Rückschlag kämen körperliche und mentale Anstrengungen in Frage, außerdem sei offenbar noch nicht jeder in der Lage, den gestiegenen Erwartungsdruck auf den Schanzen in Taten umzusetzen. „Im Laufe einer Saison haben sich Spitzenspringer immer mal einen Tag eine Auszeit genommen. Wir werden alles daran setzen, dass es bei einem Tag bleibt“, sagte Schuster, der am freien Mittwoch mit der Mannschaft auf Einladung eines Sponsors ein Fahrsicherheitstraining im Schnee absolvierte, um sich „aktiv zu erholen und an etwas anderes zu denken“.

- © AFP Vergrößern Martin Schmitt ist „nicht tot zu kriegen und heiß auf gute Wettkämpfe“

Fast mehr noch als die Schwächephase seiner Leader Freund und Richard Freitag, der völlig von der Rolle ist, machte Schuster die Tatsache zu schaffen, dass er, um die vom Reglement nun vorgeschriebene Reduzierung auf sechs Teilnehmer zu erfüllen, mit dem 19 Jahre alten Karl Geiger ein Talent zugunsten Martin Schmitts aus dem A-Team aussortieren musste. „Das tut verdammt weh“, sagte er. „Es ist unbefriedigend für meine Person, an einem Tag, an dem es nicht gelang, in die Spitze zu kommen, solch eine Entscheidung treffen zu müssen. Sie beeinflusst nicht den Verlauf der Tournee, aber unsere Entwicklung.“

Der von ihm propagierte Weg der Verjüngung des DSV-Kaders und des „Umbruchs mit Bedacht“ sah an diesem Wochenende eigentlich einen Start des 34 Jahre alten Schwarzwälders im zweitklassigen Continentalcup im polnischen Ort Zakopane vor. Bei günstigem Verlauf hätte er dort einen weiteren Weltcup-Startplatz für den Verband verdienen können. Doch Schmitts sportliche Wiederauferstehung, die ihn auf den zwölften Platz der Gesamtwertung führte, ließ dem Coach keine andere Wahl: „Nach dieser Darbietung gebietet es der Respekt, nicht irgendwelche taktischen Überlegungen vorne anzustellen.“ Schmitt selbst ist momentan der wohl am besten gelaunte Akteur im DSV-Lager: „Ich bin nicht tot zu kriegen und heiß auf gute Wettkämpfe“, sagte der Routinier, der mit dem für ihn unverhofften Trip nach Innsbruck besonders gute Erinnerungen verbindet: Vor vier Jahren stand er dort als Dritter letztmals auf dem Tournee-Podium.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Streit beim Netzprojekt Tor Solidarität für Jacob Appelbaum

Das Netzprojekt Tor soll bestreikt werden. So heißt es in einem Aufruf, der als Unterstützung für den in Verruf gebrachten Aktivisten Jacob Appelbaum gedacht ist. Doch was passiert, wenn sich Tor einen Tag lang abschaltet? Mehr Von Jan Russezki

25.08.2016, 11:19 Uhr | Feuilleton
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Möbel für Hund und Katze Der will doch nur wohnen

Lange Zeit waren Kratzbaum und Katzenklo unschöner Bestandteil deutscher Haushalte. Doch nun hat die Designbranche Tiere für sich entdeckt und damit spezielle Kuschelkissen, Zelte, Betten. Mehr Von Anja Martin

25.08.2016, 09:22 Uhr | Stil
Kulinarische Integration Koch dich türkisch!

Integration mal anders: Wie zwei Deutsch-Türken den Deutschen Köfte und andere Köstlichkeiten näher bringen. Mehr Von Canan Topçu

24.08.2016, 12:55 Uhr | Stil
Bürgermeister von Johannesburg Black Like Me

Er hat ein Shampoo für Schwarze auf den Markt gebracht und ist steinreich geworden: Jetzt ist der Unternehmer Herman Mashaba Bürgermeister von Johannesburg. Ganz ohne die Regierungs-Partei ANC. Mehr Von Claudia Bröll, Kapstadt

23.08.2016, 12:32 Uhr | Wirtschaft

Ein neuer Stil für die Fußballfrauen

Von Daniel Meuren

Der Olympiasieg der Fußballfrauen ist erst vier Tage alt – und scheint so weit entfernt. Die neue Bundestrainerin Steffi Jones will vieles anders machen als Silvia Neid und zeigt das auch gleich. Mehr 13 18

Abonnieren Sie den Newsletter „Sport-Analysen“