19.08.2004 · Erst gewannen die Vielseitigkeitsreiter Gold, dann wurde der Sieg des Teams nach einem Protest aberkannt. Am Ende aber hatte der deutsche Einspruch Erfolg. Danach wurde Bettina Hoy auch in der Einzelwertung Olympiasiegerin.
Erst gejubelt, dann gelitten - und nach einem Wechselbad der Gefühle doch noch mit Gold belohnt: Die deutschen Vielseitigkeitsreiter mußten am Mittwoch nicht nur im Spring-Parcours lange um ihren sensationellen dritten Olympiasieg nach 1936 und 1988 zittern, sondern auch nach dem lange umstrittenen Siegesritt von Bettina Hoy.
Ein angeblicher Regelverstoß mit fataler Wirkung - die in England lebende Amazone hatte die Startlinie zweimal überquert - war von der „Ground-Jury“ zunächst nachträglich mit 14 Strafpunkten belegt worden. Für eine gute Stunde waren die fassungslosen Deutschen das Gold wieder los weil sie vorübergehend auf Rang vier zurückgestuft wurden.
Unglaubliche Jubelszenen spielten sich schließlich ab, als Bettina Hoy mit Ringwood Cockatoo, Hinrich Romeike (Nübbel) mit Marius, Frank Ostholt (Warendorf) mit Air Jordan, Andreas Dibowski (Döhle) mit Little Lemon und Ingrid Klimke (Münster) mit Sleep Late doch wieder die großen Gewinner waren. Mit 133,80 Punkten lag man deutlich vor Weltmeister Frankreich (140,40) und Großbritannien (143,00). Und danach kam es noch besser - Bettina Hoy sicherte sich auch die Goldmedaille in der Einzelwertung.
Die Franzosen zeigten sich jedoch als schlechte Verlierer und machen weiterhin die Pferde scheu. „Wir werden am Donnerstag früh vor das Oberste Sportschiedsgericht CAS gehen und gegen die Entscheidung Protest einlegen“, sagte Olivier de Page, der technischer Direktor des französischen Verbandes.
„Papi, ich hab' Gold!“
Enorme Nervenstärke bewies Bettina Hoy in der Einzelentscheidung, als sie sich nach dem ganzen Hickhack um das Mannschafts-Gold nur einen Abwurf und zwei Fehlerpunkte für Zeitüberschreitung leistete und davon profitierte, daß der in Führung liegende Franzose Nicolas Touzaint als Schlußreiter mehrfach patzte. Silber gewann die Britin Leslie Law, Dritte wurde Kimberly Severson aus den Vereinigten Staaten. „Papi, ich hab' Gold!“, rief Bettina Hoy, nachdem sie an der Schulter ihres Mannes Andrew hemmungslos geweint hatte. „So was kann man sich in den wildesten Träumen nicht vorstellen“, sagte sie zu den Vorkommnissen. „Das ist einfach unglaublich.“
„Entscheidend war, daß die Zeitmessung nicht anging, als Bettina über die Startlinie geritten ist. Deshalb ist sie ein zweites Mal angeritten“, sagte Jens Adolphsen, Vorsitzender des Vielseitigkeits-Ausschusses der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Bettina Hoy hatte bei ihrem Mannschafts-Ritt die Lichtschranke des Parcours passiert, danach aber noch eine Volte geschlagen. Erst beim zweiten Anlauf startete die Zeitnahme.
„Das ging gar nicht anders, als diese Entscheidung zurückzunehmen“
Verbandspräsident Jürgen Thumann sprach sofort von einer „falschen Entscheidung“. Auch der ehemalige Springreiter-Europameister Paul Schockemöhle war entrüstet und monierte: „Man kann nicht eine falsche Richterentscheidung zu Lasten des Sportlers auslegen. Das ist eine Frechheit.“ Auch er war hinterher erleichtert: „Das ging auch gar nicht anders, als diese Entscheidung zurückzunehmen.“
Als vorletzte Starterin war Bettina Hoy mit dem Wissen in den Springparcours gegangen, daß sie mit einem fehlerlosen Ritt Gold holen würde. Zwanzig Jahre nach dem Gewinn der Mannschafts-Bronzemedaille in Los Angeles blieb die 41jährige ungerührt und leistete sich keinen Abwurf: „Je größer der Druck ist, desto besser reite ich. Ich habe mich vor vier Jahren unheimlich für meinen Mann gefreut, als er Gold mit dem Team holte. Daß ich das jetzt selbst erlebe, ist unglaublich“, sagte die Frau von Sydney-Olympiasieger Andrew Hoy (Australien).
„Das ist irre, oder? Das ist der totale Wahnsinn“, meinte ein überwältigter Bundestrainer Hans Melzer, ehe das Drama um den kurzfristigen Verlust der Goldmedaille seinen Lauf nahm. „Schon Bronze wäre der absolute Oberhammer gewesen“, jubelte ein überglücklicher Teamneuling Romeike. Der Triumph des deutschen Quintetts ist auch darum besonders hoch zu bewerten, weil das Team den kurzfristigen Ausfall von Ingrid Klimke durch die Verletzung ihres Pferdes wegsteckte.
Tod eines Pferdes
Einen Schock hatte zuvor der Tod des Pferdes Over and over ausgelöst, das die olympische Zukunft der ganzen Disziplin bedroht. Das im Gelände schwer gestürzte Pferd des Belgiers Joris Vanspringel ist eingeschläfert worden, weil die Schädigung durch den Bruch des Oberschenkelknochens am linken Hinterbein zu groß war. Wegen schwerer Stürze mit Todesfolge stand die früher Military genannte Pferdesport-Disziplin auf der Streichliste der IOC-Programmkommission.
„Ich glaube nicht, daß das zu neuen Diskussionen führen wird“, sagte Hanfried Haring, Präsidiumsmitglied im Welt-Reitverband (FEI). „Es ist sehr schade um das Pferd, aber solche Stürze können auch bei einem Ausritt passieren.“ Haring betonte: „Der Sturz lag nicht an der Strecke.“ Der Geländeritt war nach dem Druck des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von rund 20 Kilometer in Sydney auf etwa 5570 Meter verkürzt und auf die reine Querfeldeinstrecke reduziert worden. Für die nächsten Spiele 2008 in Peking steht die Vielseitigkeit bereits auf dem Programm.