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Verbruggen gegen Armstrong : Unter den Bus geschubst

Inzwischen erbitterte Gegner: IOC-Ehrenmitglied Verbruggen und der ehemalige Radprofi Armstrong Bild: AP

Hein Verbruggen wehrt sich per SMS gegen den Vorwurf, Doping vertuscht zu haben - Lance Armstrong kündigt weitere Enthüllungen an.

          Per E-Mail und mit SMS-Nachrichten widerspricht Hein Verbruggen dem Vorwurf, er sei Komplize von Lance Armstrong beim Doping gewesen. „Seit wann muss man Armstrong glauben?“ schrieb das Ehrenmitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) einem Reporter des niederländischen Fernsehsenders NOS. „Seit er bei Oprah Wilfrey gesagt hat, dass es niemals ein Arrangement mit der UCI gegeben habe? Oder seit er mit Filmen und Interviews Geld macht, in denen er saftige Geschichten andeutet?“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Armstrong behauptet, Verbruggen habe beim ersten seiner sieben Tour-Siege daran mitgewirkt, einen positiven Befund von Kortison mit einem rückdatierten Rezept zu legitimieren. Die Aussicht, dazu von der Wahrheits-Kommission angehört zu werden, die der Internationale Radsportverband (UCI) einrichten will, schreckt den 72 Jahre alten Verbruggen nicht. „Eine unabhängige Kommission war nie ein Problem für mich“, heißt es in seiner SMS. „Es gibt nichts zu bemänteln.“

          Verbruggen bestreitet nicht, vor vierzehn Jahren mit dem damals 27 Jahre alten Armstrong gesprochen zu haben, als dieser sein Comeback als Radprofi nach einer Krebserkrankung gab. „Was er sagt, ist nicht logisch, denn es gab keinen positiven Doping-Fall nach Meinung der zuständigen Einrichtung“, schreibt er an NOS. „Diese Einrichtung war nicht die UCI, sondern das französische Ministerium. Seit einem Jahr redet man von der Komplizenschaft zwischen UCI und Lance Armstrong und seiner Mannschaft, und jetzt sind wir zurück bei einem Kortison-Fall von 1999, der nicht einmal von der UCI kam.“

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          Begegnungen bei der Tour de France: Wer hat was zu vertuschen? : Bild: AFP

          Das französische Anti-Doping-Labor in Chatenay-Malabry hatte im Jahr nach dem Festina-Skandal, der fast für den Abbruch der Tour de France gesorgt hatte, ein Nachweisverfahren für Kortison entwickelt und Spuren des Hormons in den Proben einer Reihe von Fahrern nachgewiesen. Als bekannt wurde, dass auch bei Armstrong Spuren der Substanz gefunden worden waren - weit unterhalb des Grenzwertes - berief der Amerikaner eine Pressekonferenz ein, auf der er mit starken Worten Doping-Verdächtigungen entgegen trat und einzelne Journalisten beschimpfte und herausforderte.

          Armstrong sagt, er könne Verbruggen versenken

          Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete damals unter der Schlagzeile: „Einen Doping-Fall Armstrong gibt es nicht - aber eine Glaubwürdigkeitskrise.“ Als Armstrongs Masseurin Emma O‘Reilly die Rückdatierung des Rezeptes Jahre später bekannt machte, beleidigte Armstrong sie als Alkoholikerin und Prostituierte.

          Nun brachte die „Daily Mail“ die beiden in Florida zusammen; Armstrong bat um Verzeihung und kündigte weitere Enthüllungen in der Kommission an, die der neue UCI-Präsident Brian Cookson einberufen will. Er habe Beweise, mit denen er Verbruggen versenken könne, versprach der Amerikaner. „Die Vorstellung, dass ich einen dieser Typen schützen würde, so wie sie mich behandelt haben, ist aberwitzig“, sagte er über Verbruggen und dessen Nachfolger Pat McQuaid. „Ich hasse sie. Sie haben mich unter den Bus geschubst. Ich bin fertig mit ihnen.“

          Verbruggen wehrt sich nicht zum ersten Mal gegen massive Vorwürfe. Im Februar schrieb er an die fünfzehn Mitglieder der IOC-Exekutive, unter ihnen der damalige IOC-Präsident Jacques Rogge, ein Freund Verbruggens, dass die UCI unter seiner Führung niemals Doping-Fälle unterschlagen habe: „Nicht nur wäre das nicht erlaubt, es gab einfach nichts zu unterschlagen. Armstrong ist nie positiv getestet worden.“

          Vorwürfe auch von anderer Seite

          In der Tat überführte die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) Armstrong aufgrund der Aussagen von Mannschaftskameraden und Helfern; ihm wurden seine sieben Tour-Siege aberkannt, und er wurde lebenslang gesperrt. Seine einstigen Helfer Floyd Landis und Tyler Hamilton, beide geständige Doper, behaupten, während der Schweiz-Rundfahrt 2001 habe Armstrong ihnen erzählt, dass er positiv auf Epo getestet worden sei und deshalb mit Verbruggen verhandele. 125.000 Dollar, die Armstrong der UCI spendete, sollen damit im Zusammenhang stehen. Die BBC hatte Verbruggen 2008 vorgeworfen, er habe für einige Millionen Dollar von japanischen Veranstaltern die Bahnrad-Disziplin Keirin in die Olympischen Spiele aufgenommen. Das IOC betraute ihn mit der Vorbereitung der Sommerspiele desselben Jahres in Peking.

          „Wenn die Vorwürfe zutreffen, muss er seine Mitgliedschaft niederlegen“, sagte das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg laut Deutscher Presse-Agentur über den Fall Armstrong. „Wenn wir im IOC null Toleranz gegen Doping predigen, müssen wir das auch leben.“ Die Website „Inside The Games“ zitierte das IOC mit der Weigerung, von Verbruggen abzurücken. „Es ist schwierig, den Vorwürfen eines Radfahrers, der die Welt jahrzehntelang getäuscht hat, Glaubwürdigkeit zuzugestehen“, heißt es in einer Erklärung. „Wir erwarten als sauber zu betrachtende Ergebnisse von dieser Untersuchung statt Gerüchte und Beschuldigungen.“

          Quelle: F.A.Z.

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