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Veröffentlicht: 23.11.2012, 13:04 Uhr

Vendée Globe Orientierungslos im Zickzackkurs

Noch nie sind beim Vendée Globe so schnell so viele Teilnehmer ausgeschieden. Wurden Warnungen ignoriert? Ist das Rennen durch Materialschwäche gefährlicher denn je? Oder sind die Skipper zu viel Risiko eingegangen? Schon melden sich Kritiker zu Wort.

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© JEAN MARIE LIOT Wer nicht permanent pusht, verliert - Materialschwächen führen dann schnell mal zum Crash

Müssen sich die Organisatoren des Nonstop-Segel-Marathons Sorgen machen? Ist das Vendée-Globe-Rennen durch offenkundige Materialschwächen der Yachten sogar gefährlicher denn je? Sind die Skipper beim Tuning ihrer Boote zu viel Risiko eingegangen? Schon melden sich Kritiker zu Wort. „Unsere Warnungen sind ignoriert worden“, behauptet ein erfahrener Boots-Designer in dem internationalen Magazin „Yachting World“.

Michael Ashelm Folgen:

Noch nie waren beim Vendée Globe so schnell so viele Teilnehmer ausgeschieden. Üblicherweise zerfällt das Feld unter den harschen Wetterbedingungen im Südpolarmeer; dann sind erst die meisten Ausfälle zu beklagen. Doch schon jetzt, auf dem Weg durch den Atlantik und zum Kap der Guten Hoffnung, scheiterten von den bisher sechs Ausgeschiedenen vier aufgrund eklatanter struktureller oder technischer Mängel ihrer Segel-Boliden.

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Der Pole Zbigniew Gutowski gab gerade entnervt auf, weil sein Autopilot an Bord der „Energa“ verrückt spielte. Tagelang segelte er orientierungslos im Zickzackkurs. Die Frage ist, weshalb Gutowski nicht ein Ersatzsystem, das zur Sicherheit üblicherweise eingebaut sein sollte, startete. Gab es für die Einrichtung einer Ersatz-Elektronik vielleicht kein Geld mehr? Bekannt ist nur, dass die Kampagne des Polen finanziell wacklig aufgestellt war. Das gilt auch für andere Segler in diesem Rennen.

Die Fälle von Bruch an Bord hängen gewöhnlicherweise mit Materialfehlern, falschen Berechnungen der Ingenieure oder einer zu extremen Konstruktionsweise zusammen. Weniger Gewicht, bedeutet auch immer mehr Tempo. Wie in der Formel 1 sind viele Test- und Trainingsfahrten nötig, um die Boote belastbarer zu machen. Gebrauchte Boote bergen das Risiko der Materialermüdung.

Der Pole Zbigniew Gutowski gab gerade entnervt auf, weil sein Autopilot an Bord der „Energa“ verrück © AFP Vergrößern Der Pole Zbigniew Gutowski gab gerade entnervt auf, weil sein Autopilot an Bord der „Energa“ verrückt spielte

„Der Mast von Samantha Davies hatte schon zwei ‚Round the World Races’ hinter sich und war somit am Ende seiner Lebenserwartung. Wenn dann noch ein kleiner Fehler in der Segelkonfiguration plus eine fiese Welle bei relativ wenig Wind zusammenkommen, kann leicht ein Mastbruch passieren“, urteilte der deutsche Weltumsegler Jörg Riechers aus der Ferne bei „Segelreporter.com“. Er brachte das Millionen-Budget für eine Teilnahme diesmal nicht zusammen und will aber in vier Jahren dabei sein.

Die Segler trimmen ihre Yacht 24 Stunden bei fast allen Wetterbedingungen auf maximale Geschwindigkeit. Volle Kraft voraus. Wer nicht permanent pusht, verliert. Materialschwächen führen dann schnell mal zum Crash. Beim Franzosen Marc Guillemot brach schon fünfzig Seemeilen nach dem Start der schwere Kiel. Bei seinem Landsmann Jérémie Beyous platzte auf Höhe der Kapverden ein Hydraulikzylinder am Schwenkkiel.

Beim Start war noch alles in Ordnung - inzwischen mussten schon einige Boote aufgeben © dapd Vergrößern Beim Start war noch alles in Ordnung - inzwischen mussten schon einige Boote aufgeben

„Ich hörte ein lautes Geräusch, dann schoss das Boot in den Wind und legte sich etwa zehn Grad auf die Seite“, meldete Beyous von Bord der „Maître Coq“. Sein Team an Land konnte sich das Versagen nicht erklären. Der Deutsche Riechers glaubt, dass manche Entwickler die Lastspitzen unterschätzen, die auf Kiele einwirken. „Wenn eines dieser Boote bei 22 Knoten Speed mit einem 40 Grad nach Luv geneigten Kiel von einer Fünf-Meter-Welle in ein Tal knallt, sind die Belastungen möglicherweise größer, als es berechnet wird.“

Mit einem zur Seite schwenkbaren Kiel kann der aufrichtende Moment erhöht und die Krängung der Rennyacht reduziert werden. Die Pendelkonstruktion wirkt wie eine Wippe, auf der Gewicht nach außen verlagert wird, das Boot aufrechter im Wasser liegt und somit eine höhere Endgeschwindigkeit erreichen kann.

„Der Mast von Samantha Davies hatte schon zwei ‚Round the World Races’ hinter sich und war somit am © AFP Vergrößern „Der Mast von Samantha Davies hatte schon zwei ‚Round the World Races’ hinter sich und war somit am Ende seiner Lebenserwartung“

Manchmal geraten da die Kräfte außer Kontrolle. Der britische Designer Merfyn Owen kritisiert, dass die zuständige Klassenvereinigung für die Vendée-Globe-Boote (Imoca) bisher alle Verbesserungsvorschläge aus dem Designer-Lager für die Kielanlagen, aber auch Mastkonstruktionen, in den Wind geschlagen hat. „Sie hören nicht auf uns. Wir hätten das Problem vielleicht schon längst lösen können“, sagte Owen in „Yachting World“. Sein Büro verantwortet die Baupläne für die Boote von Mike Golding, Dominique Wavre und Javier Sansó. Alle drei sind noch im Rennen. In Führung liegen derzeit aber die Franzosen Armel Le Cléac’h, François Gabart und Vincent Riou.

Vendée Globe - das Rennen im Internet. FAZ.NET begleitet die Einhandsegler in den kommenden drei Monaten mit regelmäßigen Beiträgen von den sieben Weltmeeren.

Quelle: FAZ.NET

 

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