Home
http://www.faz.net/-hnh-75dn7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Vendée Globe „Er sah statt des Meeres nur noch Berge“

Mehr als die Hälfte der Strecke ist beim Vendée Globe absolviert. Im F.A.Z.-Interview spricht Rennarzt Jean-Yves Chauve über Lärmstress der Segler, Halluzinationen auf hoher See und Doping an Bord.

© AFP Vergrößern Was ist das? Wasserwellen? Andere Boote? Oder tatsächlich Berge?

Jean-Yves Chauve ist Rennarzt beim Vendée Globe. Zum siebten Mal begleitet der Franzose nun schon die Nonstop-Regatta der Einhandsegler um die Welt - von seinem Standort in der Bretagne. 24 Stunden ist er für die Teilnehmer auf hoher See ansprechbar, wenn es plötzlich zu Verletzungen oder Krankheiten kommt. In schwierigen Fällen kommt seine Behandlung über Videokonferenz an Bord.

Mehr zum Thema

Die Segler sind nun fast 50 Tage alleine auf See. Mehr als die Hälfte des Rennens ist absolviert. Mit welchen gesundheitlichen Problemen mussten Sie sich bisher aus der Ferne befassen?

Einige Wunden, eine Infektion - der größte Vorfall war bei Bernard Stamm, der einen abgebrochenen Zahn unter meiner Anleitung operativ behandelte, damit sich nichts entzündete.

Nach sieben Wochen mit wenig Schlaf, mitten im Eismeer - wie körperlich auszehrend ist das Rennen jetzt in dieser Phase?

Der Körper wird immer müder. Dazu kommt die Kälte, die Segler frieren eigentlich permanent und können sich nicht richtig aufwärmen. Die Energie lässt nach. Das belastet auch die Psyche. Durch die unruhige See und die Windgeräusche kommen sie kaum zu einem tiefen, festen Schlaf. Dafür steigert sich der Stress. Der Lärm unter Deck erreicht teilweise bis zu 120 Dezibel. Es ist so, als müsste man neben einem Presslufthammer oder einer Kettensäge schlafen. Das verlangt viel psychische Stärke.

Bernard Stamm behandelt einen abgebrochenen Zahn unter Anleitung operativ © dapd Vergrößern Bernard Stamm behandelt einen abgebrochenen Zahn unter Anleitung operativ

Wo liegen die Risiken einer solchen Dauerbelastung?

Wer müde ist, macht Fehler, ist langsamer und neigt zu Fehleinschätzungen. Das ist natürlich gefährlich.

In der Vergangenheit berichteten Einhandsegler bei solch harten Regatten auch schon mal von Halluzinationen.

Es kann bei zu großem Schlafmangel dazu kommen. Es gibt da viele Anekdoten. Der Schweizer Dominique Wavre, der auch diesmal wieder dabei ist, sah irgendwann statt des Meeres nur noch Berge vor sich. Andere Segler sahen plötzlich Personen an Bord.

Wie sehr können sich die mentalen Probleme zuspitzen, wenn man so lange alleine auf engstem Raum und unter solch rauen Bedingungen verbringt?

Es war früher noch viel schlimmer für die Segler, als es noch keine so guten Kommunikationsmöglichkeiten nach draußen gab. Da kam schon mal die große Depression. Heute hilft es sehr, dass die Segler auch mal mit ihren Familienangehörigen telefonieren oder mailen können. Das war jetzt zum Beispiel an den Weihnachtstagen sehr wichtig. Die Segler sind zwar physisch alleine, aber haben doch zumindest psychische Unterstützung von zu Hause.

Das Leben an Bord ist herausfordernd - für Physis und Psyche © VINCENT CURUTCHET Vergrößern Das Leben an Bord ist herausfordernd - für Physis und Psyche

Wie sieht es aus mit Medikamenten zum Wachbleiben oder besser schlafen? Gibt es sie an Bord?

Das geht nicht. Wir unterliegen den ganz normalen Dopingregeln, auch wenn bei uns natürlich während des Rennens keine Tests stattfinden können. Es wäre völlig unangebracht, Mittel entweder zum Wachbleiben oder tiefer schlafen einzunehmen, weil dies zu viele negative Nebeneffekte hätte. Es würde die ganze Sache für die Segler nur noch gefährlicher machen. Man sollte auf die natürlichen Signale seines Körpers hören.

Gibt es denn Medikamente an Bord, die unter verbotenes Doping fallen?

Ja, die gibt es – aber nur für Notfälle. Zum Beispiel das Steroidhormon Cortison, das bei Entzündungen oder allergischen Erkrankungen zum Einsatz kommt. Aber die Segler müssen mich vorher um Erlaubnis fragen, ob sie es nehmen dürfen.

Die Fragen stellte Michael Ashelm.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Route du Rhum Formel 1 auf den Weltmeeren

Am Sonntag messen in der Bretagne die schnellsten Segelboote der Welt ihre Kräfte. Mit Windkraft wollen sie den Atlantik bis zu den Antillen überqueren. Dahinter steckt eine florierende Industrie. Mehr Von Christian Schubert

01.11.2014, 12:40 Uhr | Wirtschaft
Neuseeländische Segler gewinnen vor Istanbul

Segeln vor einmaliger Kulisse - ob die Sieger der letzten Wettfahrt der Extreme Sailing Series während des Segelns dafür Augen hatten, darf bezweifelt werden. Zu sehr war das Emirates Team New Zealand vor Istanbul mit seinem ersten Sieg des Jahres beschäftigt. Mehr

15.09.2014, 18:12 Uhr | Sport
Schlafen für Profis Wer lange schläft, ist nicht faul

Für Kinder wäre es besser, erst gegen neun zur Schule zu gehen, und auch Erwachsene versündigen sich oft gegen ihre innere Uhr: Experte Peter Spork über die Probleme mit der Nachtruhe. Mehr

20.10.2014, 15:42 Uhr | Stil
Brasilien putzt die Olympia-Bucht

In Rio de Janeiro segeln mehr als 300 Sportler durch die Guanabara-Bucht. Sie sollen die angehende Olympia-Spielstätte testen. Doch die gleicht einer Kloake. Mehr

04.08.2014, 12:45 Uhr | Sport
Probleme der Formel 1 Muss Mercedes jetzt das Startfeld auffüllen?

Die Rennställe Caterham und Marussia sind pleite und fehlen beim Rennen in Austin. Wie kam es zu den finanziellen Problemen? Welche Idee hat Ecclestone? Und vergrößert sich die Formel-1-Krise noch? FAZ.NET beantwortet die wichtigsten Fragen. Mehr

28.10.2014, 14:01 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 28.12.2012, 16:07 Uhr

Gute Worte helfen nicht

Von Christoph Becker

Staatlich verordnetes Doping im DDR-Spitzensport hat schreckliche Spuren hinterlassen: Doch die Frage, wie viele dieser Altlasten noch immer im deutschen Sport stecken, muss immer wieder gestellt werden. Mehr 1