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Vendée Globe : Eine Weltumseglung als Trostspender

Der Jüngste ist der Schnellste: Francois Gabart Bild: AFP

Die Vendée Globe ist für die Franzosen mehr als eine Sportveranstaltung; sie gilt als eines der letzten großen Abenteuer des 21. Jahrhunderts. Die französischen Starter sind Medienstars - und eine Ablenkung von der Wirtschaftskrise.

          Am Fuße des größten Hochhauses von Paris toben derzeit jeden Mittag die Ozeane - und mitten aus dem Geschehen berichten die Männer von ihrem Kampf mit den Naturgewalten. In einem provisorisch errichteten Container-Gebäude am Tour Montparnasse gibt gegen 12.30 Uhr regelmäßig eine Handvoll Skipper über große Bildschirme und Lautsprecher Einblicke in ihr Abenteuer namens Vendée Globe, der Solo-Weltumseglung und schwersten Segelregatta der Welt. Schulklassen, Segelfans, Passanten lauschen und staunen, wenn die „live“ zugeschalteten Skipper erzählen von ihren jüngsten Strapazen, von der Schönheit und den Schrecken der Meere, dem Wetter oder der vergangenen Nacht.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Auf ihrer Weltumseglung im Alleingang sind die Segler seit bald 70 Tagen unterwegs. Der Sieger wird voraussichtlich in weniger als 80 Tagen das Ziel im französischen Les Sables d’Olonne erreichen. Befeuert wird das Interesse vom Geschehen auf dem Wasser: In Führung liegen nämlich drei Franzosen. Ganz vorne befindet sich der mit 29 Jahren jüngste Starter, Francois Gabart, mit etwa 480 Kilometer Vorsprung vor Armel Le Cléac’h und Jean-Pierre Dick. Sie alle durchqueren auf dem Heimweg nach Frankreich gerade den Atlantik in Höhe der brasilianischen Stadt Recife.

          Die nur alle vier Jahre stattfindende Regatta ist für die Franzosen mehr als eine Sportveranstaltung; sie gilt als eines der letzten großen Abenteuer des 21. Jahrhunderts. „Die Vendée Globe hat einen riesigen Fanklub bekommen. Vor einigen Jahren noch war das undenkbar“, sagt Regatta-Direktor Denis Horeau. Alleine ohne Anhalten und Hilfe von außen um die Welt zu segeln - das zu beobachten spendet nach Ansicht der Veranstalter in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und trüber wirtschaftlicher Aussichten Trost und Ablenkung. „Durch die Vendée Globe können die Franzosen für eine Weile dem tristen Alltag entkommen“, sagt Antoine Robin, Kommunikationschef der Organisatoren.

          Alleine um die Welt: In der Seglernation Frankreich sind die Skipper Helden
          Alleine um die Welt: In der Seglernation Frankreich sind die Skipper Helden : Bild: AFP

          Daher hat das Interesse in diesem Jahr neue Höhepunkte erreicht. In den drei Wochen vor dem Start besuchten eine Million Menschen - ein Drittel mehr als vor vier Jahren - den Hafen des Städtchens Les Sables d’Olonne, wo die Boote lagen und sich die Skipper blicken ließen. Die besten Hochseesegler sind in Frankreich Medienstars. Jedes Kind kennt Eric Tabarly, den 1998 verstorbenen, legendären Seemann, der Frankreich zu einer großen Sportnation der Weltmeere machte. Heute befinden sich unter den fünfzig populärsten Sportlern laut Umfragen drei Segler: Michel Desjoyeaux (der die Vendée Globe zweimal gewann), Loïk Perron (dreimaliger Sieger der Transat-Regatta) sowie Franck Cammas (Sieger des Volvo Ocean Race 2012). Entsprechend voll sind die Sportteile der Zeitungen und die Fernsehnachrichten mit Berichten über Segelregatten.

          Die Seglernation ist in ihrem Element

          In diesem Jahr indes ist das Internet der Vertriebsweg Nummer eins. Bis Anfang Januar wurde die Internetseite der Vendée Globe mehr als sechs Millionen Mal aufgerufen und ist damit eine der gefragtesten Internetseiten Frankreichs. Eine „App“ für das mobile Miterleben haben Handybesitzer fast 270.000 Mal heruntergeladen.

          Die Seglernation Frankreich, die im europäischen Vergleich derzeit nur in Großbritannien einen ebenbürtigen Rivalen haben dürfte, ist bei der Vendée Globe so richtig in ihrem Element. Mit einer ganzen Mannschaft eine genau abgesteckte Strecke abzusegeln - das liegt den Franzosen nicht. Sie begeben sich am liebsten alleine auf die großen Distanzen, mindestens die Überquerung des Atlantiks. Im America’s Cup etwa sind die Franzosen die großen Abwesenden. Das liegt nicht nur an den riesigen Budgets mit bis zu dreistelligen Millionen-Summen pro Boot; selbst der staatliche Nuklearkonzern Areva strich daher vor einigen Jahren als Sponsor die Segel und wechselte zur Leichtathletik. Die Begeisterung der französischen Segler für die Vendée Globe geht auch auf ihre Mentalität als Individualisten zurück. „Franzosen haben in der Tendenz Schwierigkeiten, sich in eine Mannschaft zu integrieren“, sagt Robin. „Und wenn sie an einem Mannschaftswettbewerb teilnehmen, heißt es oft, dass es mit der Chemie im Team schwierig war.“

          Wirtschaftskrise hat Spuren hinterlassen

          Die Veranstalter der Vendée Globe mühen sich redlich, das Rennen weniger französisch zu machen. Von den 20 angetretenen Skippern stammen sechs aus dem Ausland, das Interesse der Öffentlichkeit ist daher auch international. Die Veranstalter hätten gerne den deutschen Hochseesegler Boris Herrmann verpflichtet, doch der sprang ab, weil nicht genügend Sponsoren mitzogen.

          Die Wirtschaftskrise hat Spuren hinterlassen. Die Kosten für die Finanzierung eines Teilnehmers liegen bei anderen Segelwettbewerben und Sportarten zwar höher; über vier Jahre jeweils 2,5 Millionen Euro im Jahr gilt als typisches Budget für Spitzenteams. Doch die Aufmerksamkeit reduziert sich dann alleine auf die kurze, dreimonatige Weltumseglung. Zudem wollen sich in Krisenzeiten einige Firmen nicht mit einem vermeintlichen „Sport der Reichen“ schmücken. „Dieses Image hat das Segeln“, räumt Regatta-Direktor Horeau ein. In diesem Jahr ging mit zwanzig Booten ein Drittel weniger Teams an den Start als 2008. „Doch immerhin, ein Jahr zuvor hätten wir mit kaum mehr als der Hälfte gerechnet“, sagt Regatta-Sprecher Robin.

          Quelle: F.A.Z.

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