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Vendée Globe : Beine, so dünn wie Hühnchenschenkel

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Extrem I: Alex Thomson sucht in seiner Koje Schutz vor Nässe Bild: Vendée Globe

Seit mehr als zehn Wochen ist Alex Thomson beim Vendée Globe unterwegs. Wenig Schlaf, extreme Hitze und fast immer Haferbrei: Michael Ashelm zeichnet einen Tag eines Weltumseglers nach.

          Seit 71 Tagen ist Alex Thomson beim Vendée Globe unterwegs. Der britische Einhandsegler gehört als Vierter zur Spitzengruppe bei der härtesten Solo-Regatta um die Welt und befindet sich auf dem Rückweg nach Frankreich derzeit zwischen der Ostspitze Südamerikas und dem westlichsten Teil Afrikas. Nach aktuellen Berechnungen wird der Sieger am 27. Januar vor Les Sables d’Olonne erwartet. Beste Chancen hat derzeit der führende Franzose Francois Gabart.

          7 Uhr: Ich orientiere mich seit Beginn des Rennens immer nach der Greenwich-Zeit. Es half mir, Routine an Bord zu bekommen. Als ich unten an Neuseeland vorbeisegelte, fand mein Tag deshalb im Dunkeln statt. Nun liegt der Äquator gerade hinter mir, und ich sehe einen wunderschönen Sonnenaufgang. Alles läuft gut, ich bin mit der Geschwindigkeit des Bootes, dem Wind und meiner Position zufrieden.

          7.20 Uhr: Der Autopilot steuert derzeit das Boot, damit ich mir mein Frühstück machen kann. Das ist nicht besonders aufregend. Zu Beginn hatte ich noch frischen Speck. Jetzt gibt’s nur noch Haferbrei. Alles, was ich esse, ist gefriergetrocknet und in eingeschweißten Portionen. Einziger Luxus sind Marmite (vegetarische Würzpaste aus England) und etwas Schinken. Den Pack mit Haferbrei mische ich mit aufgekochtem Wasser, das ich vorher mit Hilfe meiner kleinen Umwandlungsanlage aus Salzwasser gewonnen habe.

          8 Uhr: Jeden Morgen rufe ich mein Team in der Heimat an. Wir sprechen über die Dinge, die an Bord passiert sind. Für mich ist das eine tägliche Rückversicherung, ob mit mir und dem Boot noch alles in Ordnung ist.

          10.36 Uhr: Ich sollte eigentlich alle drei bis vier Stunden für 20 Minuten schlafen. Aber die vergangenen Tage musste ich einige Segel wechseln. Der Wind war mittel bis schwach, ich musste herumprobieren, damit sich das Boot fortbewegt. Jetzt wird die Brise stärker, ich bin müde und lege mich hin.

          11.24 Uhr: Mein Alarmwecker ist eigentlich ziemlich laut, aber ich habe ihn zuerst nicht gehört. Zehn Minuten später wache ich auf. Es ist brutal heiß unter Deck, 35 Grad und stickig. Ich habe einen trockenen Mund und trinke etwas.

          12 Uhr: Ich schaue mir die Wetterlage an, die jeden Tag über das Internet reinkommt, und analysiere meine und auch die Positionen meiner Gegner.

          12.20 Uhr: Ich war fast einen Monat ohne funktionierende Stromversorgung. Die Batterien entluden sich bedenklich, nachdem bei einer Kollision mit Treibgut der Propeller am Heck abgerissen war, der den Hydrogenerator antreibt. Ich musste mit der Reparatur so lange warten, bis die Bedingungen es zuließen. Ich musste mich überall einschränken, weniger Strom verbrauchen, auf die Süßwassergewinnung verzichten und deshalb auch aufhören, mich zu rasieren. Nun läuft der Hydrogenerator wieder, und ich habe genug Wasser. Ich hatte über Facebook einen Wettbewerb unter meinen Fans, die abstimmten, welche Rasur ich mir denn jetzt verpassen sollte. Es gewann der Fu-Manchu-Stil. Ich hab’s getan. Aber ich bin mir sicher, dass das Ding schnell wieder ab ist.

          14.05 Uhr: Das Wasser fürs Mittagessen kocht - ich mische es mit dem Tütchen Hühnercurry. Eigentlich träume ich von einem saftigen Hamburger.

          Extrem II: Alex Thomson schwitzt an Bord seines Bootes
          Extrem II: Alex Thomson schwitzt an Bord seines Bootes : Bild: Vendée Globe

          15.30 Uhr: Alles an Bord läuft gut. Die Bootsgeschwindigkeit passt, ich mache ein schnelles Nickerchen.

          15.55 Uhr: Diesmal klappt das mit dem Alarm. Jedes Mal, wenn ich schlafe, wird das Boot langsamer, weil ich es während meiner Auszeit nicht optimal auf Geschwindigkeit trimmen kann. Andererseits bekomme ich auch durch weniger Schlaf ein Tempoproblem, weil ich müde bin und weniger effektiv arbeite. Alles ist eine feine Balance.

          16.40 Uhr: Ich rufe meine Ehefrau Kate und meinen dreijährigen Sohn Oscar jeden Tag an. Es ist eine der schwierigsten Seiten dieses Rennens, so weit weg von der Familie zu sein. Sie ist gerade für einige Tage in Frankreich bei meiner Schwester.

          18 Uhr: Ich muss das Boot nach möglichen Schäden an der Struktur überprüfen. Ich tue das jeden Tag. Auch meine Yacht ist von der Tempobolzerei und der Dauerbelastung müde. Heute schaue ich mir Deck und Mast an. Es dauert drei Stunden. Die Reffleine (zur Verkleinerung der Segelfläche bei aufkommendem Wind) ist an einer Stelle abgescheuert, ich bessere aus. Diese Kleinigkeiten nehmen viel Zeit in Anspruch.

          21.15 Uhr: Es wird hier spät dunkel. Das ist schön. Aber es spielt auch keine Rolle für mich, denn ob Tag oder Nacht - mein Tag hat 24 Stunden.

          21.30 Uhr: Ich bin kaputt, weil ich so wenig geschlafen habe. Ich leg mich mal wieder hin.

          22 Uhr: Ich bin wieder wach - und ganz schön hungrig. Ich schütte gleich etwas Wasser zum Tütchen mit dem Rindfleisch-Kartoffel-Auflauf. Es ist mein Lieblingsgericht von all dem Gefriergetrockneten.

          24 Uhr: Ich analysiere wieder das Wetter am Computer und überprüfe, wie es meine Route und die meiner Konkurrenten beeinflusst. Zweimal am Tage wende ich dafür ein bis zwei Stunden auf. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben.

          3 Uhr: Der Wind hat abgenommen, und ich entscheide mich, ein größeres Segel aufzuziehen. Dazu brauche ich eine Stunde. Das schwerste Segel wiegt 90 Kilogramm, und ich schleppe mir einen Wolf. Ich muss das Segel zuerst durch die Luke im Bug an Deck wuchten, dann aufrollen und aufziehen. Ich muss das andere Segel einholen, zusammenpacken und runterbringen unter Deck. Das kostet Kraft. Danach bin ich kaputt und muss mich schlafen legen.

          3.40 Uhr: Ich döse vor mich hin, Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Die Hitze, ich halte es kaum aus. Ich habe mehrere Kilogramm abgenommen, meine Beine sind so dünn wie Hühnchenschenkel. Ich schrecke immer noch hoch und realisiere, dass ich hier mitten auf dem Ozean alleine in meinem Boot herumschaukele.

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