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Ullrichs Vertrag Die ARD demontiert sich selbst

14.09.2006 ·  Je größer der Schlamassel, desto länger der Vertrag. Nach diesem Prinzip scheint die ARD in der Jan-Ullrich-Affäre zu handeln. Die darin Verstrickten dürfen noch lange bleiben. Wer soll das verstehen?

Von Michael Hanfeld
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Je größer der Schlamassel, desto länger der Vertrag. Nach diesem Prinzip scheint die ARD in der Ullrich-Affäre zu handeln. Denn da gab zwar diesen dubiosen Vertrag über 195.000 Euro für den Radsportler Jan Ullrich - wovon sich jetzt alle distanzieren -, doch was passiert? Das Gegenteil von dem, was überall sonst in der Welt geschähe: Diejenigen, die direkt damit zu tun hatten, bekommen ihre Arbeitsverträge bis beinahe zum Sankt-Nimmerleins-Tag verlängert. Hagen Boßdorf, der ARD-Sportkoordinator, der den Vertrag mit seinem Freund Ullrich 2003 zur Verlängerung vorlegte, bleibt bis 2012, und Günter Struve, der Programmdirektor des Ersten, der den Ullrich-Vertrag nicht las, aber passieren ließ, ist eineinhalb Jahre über seine Pensionsgrenze hinaus bis zum Oktober 2008 im Amt. Verantwortung, nein danke! So geht das bei der ARD.

Man muß sich die Sache noch einmal kurz in Erinnerung rufen, um die Absurdität des Ganzen zu verstehen: Die ARD ist Sponsor des Radrennstalls Team Telekom von 1998 bis 2004 - schon das sollte ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht unbedingt sein. Sie schließt - zunächst über den Saarländischen Rundfunk - einen sogenannten „Mitwirkendenvertrag“ mit dem Topsportler der Telekom-Mannschaft, Jan Ullrich. Maximal 195.000 Euro sind da drin. 2002 ruht der Vertrag, weil Ullrich des Dopings überführt wird.

Immer zuerst bei der ARD

Mitte 2003 wird, rückwirkend zum 1. Januar, die Vereinbarung abermals getroffen, jetzt gibt es sogar ein eingebautes Gratifikationssystem, das Ullrich für seine Bereitschaft, exklusiv der ARD zur Verfügung zu stehen, Extrageld verspricht, wenn er eine Etappe bei der Tour de France, bei der Deutschland-Rundfahrt oder bei den Olympischen Spielen gewinnt. Zuständig ist sein Freund Hagen Boßdorf, die beiden legen gemeinsam vier Bücher auf. Auch mit dem unter Dopingverdacht stehenden Berater Ullrichs, Rudy Pevenage, schließt der Saarländische Rundfunk für die ARD einen Vertrag ab. Er bekommt, wie Chris Carmichael, der Berater von Lance Armstrong, 2004 und 2005 pro „Leistungstag“ zwischen 500 und 1000 Euro (siehe auch: ARD hat auch Ullrichs Berater Pevenage bezahlt). Die Telekom war über das Geflecht, wie ihr Sprecher dieser Zeitung sagte, wenig erfreut. Und die Kollegen aller anderen Medien haben sich gefragt, warum Ullrich immer zuerst oder vielleicht auch nur - bei der ARD auftauchte. Jetzt wissen wir es.

Wir wissen auch aus den Akten der Birthler-Behörde um die Stasi-Kontakte von Hagen Boßdorf aus den achtziger Jahren. Für den zunächst unvorsichtigen NDR reichten diese Ende des vergangenen Jahres aus, die bereits beschlossene Anstellung Boßdorfs als Sportchef rückgängig zu machen - der Arbeitsprozeß läuft noch. Inzwischen sind neue Akten aufgetaucht, die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen Boßdorf und einen ehemaligen Stasi-Offizier wegen des Verdachts der Falschaussage. Einen Sportchef der ARD aber ficht so etwas anscheinend nicht an, auch wenn in seinem neuen Fünfjahresvertrag eine Klausel steht, die besagt, daß man sich im Falle einer Verurteilung sofort voneinander trennt.

Wahnwitz mit Methode

Über diesen Wahnwitz mit Methode haben die Intendanten auf ihrer Sitzung in Schwerin zwar kontrovers diskutiert, und doch haben sie Boßdorf und Struve die Absolution erteilt, weil sie genau wissen, daß es auch ihr Versäumnis ist, daß in der ARD Dinge geschehen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an sich beschädigen. Das hat etwas von Bunkermentalität, nährt den Verdruß der Gebührenzahler und den Argwohn der EU-Kommission, die zur Zeit, auf Antrag des Privatsenderverbandes VPRT, das Finanzgebaren der Öffentlich-Rechtlichen prüft. Die Untersuchung ist noch im Gange, und eigentlich müßten sie in Brüssel nur eine Presseschau machen, um die Undurchsichtigkeit und Unkontrollierbarkeit insbesondere des Systems der ARD darzulegen.

Es hilft auch wenig, daß der künftige ARD-Vorsitzende Fritz Raff bekannt hat, daß der Ullrich-Vertrag nicht durch Gebühren, sondern Werbegelder finanziert wurde - eine Geschichte wie diese stellt alles in den Schatten, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk an hehrer Programmleistung jeden Tag erbringt. Die hier in Rede stehenden rund 200.000 Euro sind keine peanuts, auch wenn die ARD, wie Raff sagte, ein Fünf- bis Sechs-Milliarden-Unternehmen ist. Sie unterhöhlen die Akzeptanz eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der im Namen des Gemeinwohls auftritt, dabei auch noch in Karlsruhe gegen die letzte Gebührenerhöhung klagt - weil sie den Intendanten zu niedrig ist - und mit dafür sorgt, daß vom 1. Januar an Computer mit einer Rundfunkgrundgebühr von 5,52 Euro pro Monat belegt werden (siehe auch: ARD beschließt GEZ-Gebühr für Computer). Und das alles nur ein Jahr nach dem Schleichwerbeskandal bei der von verschiedenen ARD-Sendern getragenen Produktionsfirma Bavaria, von dem bei der ARD - angeblich - auch alle so überrascht und am Ende für nichts verantwortlich waren wie in diesem Fall. Wer soll das noch verstehen?

Quelle: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite 40
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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