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Übersteiger Der Fall Kehl: Schaden auf allen Ebenen

Der Transferstreit um Sebastian Kehl wird immer abstruser und konfuser: Auch der Verband probt nun den Spagat.

© FEM Vergrößern Der Übersteiger - die FAZ.NET Fußball-Kolumne

Am Freitag soll Sebastian Kehl in Westfalen Dienst verrichten. Davon geht Borussia Dortmund jedenfalls aus. Mit dem SC Freiburg werde man sich schon auf eine Ablöse einigen. Doch so einfach ist dieser Fall nicht zu lösen.

Der Verband vertritt die Ansicht, dass noch eine andere Entschädigung zu zahlen sei. Eine von Borussia Dortmund an Bayern München. Für den Spieler Kehl, der lange nicht wusste, welcher Club für ihn gut ist. Ein bisschen Bares für die Bayern hält Horst Hilpert, Chefankläger beim Deutschen Fußball-Bund, deshalb für rechtens.

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Der Vorwurf: Kehl hat, bundesweit bekannt, mit den Münchnern im Sommer 2001 sich auf einen Wechsel geeinigt, später einen Scheck eingelöst, dann im Herbst ein besseres Angebot aus Westfalen erhalten, das Geld zurück gezahlt und sich nun im Winter nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Punkte für Borussia statt Bayern entschieden.

Kehl, SebastianD © dpa Vergrößern Bald Kollegen: Koller und Kehl

Auslaufmodell des Rechts?

Nicht in Ordnung findet das nicht nur das Fußball-Volk sondern auch der im Fußball-Verband dafür zuständige Hilpert. Der Mann ist Chefankläger und war früher für seine Urteile gefürchtet. Heute scheint er in dem unwürdigen Theater um einen unentschlossenen 21-Jährigen niemand mehr Angst und Schrecken einjagen zu können.

Denn Hilpert hat zugegeben, anfänglich sehr wohl gegen die Bayern ermittelt zu haben, weil die weit vor den erlaubten sechs Monaten mit dem Spieler Kontakt aufgenommen haben. Doch nun begründet er lapidar das von ihm persönlich eingestellte Verfahren. Hilpert: "Warum sollen wir nach einem Auslaufmodell des Rechts urteilen, an das sich kein Italiener, Engländer oder Spanier hält. Das wäre doch nur zum Schaden der Vereine." Zum Schaden des FC Bayern in diesem Fall.

"Tricky" Geschäfte

Ein "tricky" Geschäft sei das, hat gerade dessen künftiger Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge erläutert. Er kann nichts Unanständiges von seiner Seite festgestellen. Zu ähnlichem Urteil muss der von den Vereinsclubs massiv bedrängte Verband kommen. Hilpert tut das unter dem Hinweis auf die Statuten des Weltverbandes, die geschäftliche Aktivitäten mit den Aktiven vor einer Sechs-Monate-Frist dulden. Da das auch in Deutschland ab Sommer 2002 so sein werde, könne man doch nicht noch für 2001 nach geltendem Recht urteilen. Das ist in etwa so, als hätte man die deutsche Mark schon 2001 für unwirksam erklärt, weil 2002 ohnehin der Euro komme.

So gibt auch der Verband mittlerweile eine unrühmliche Rolle in einem Possenspiel, das Fortsetzungsstoff über die Feiertage ohne Ende bietet. Rummenigge bietet öffentlich die Übernahme der Dortmunder an, die wiederum prangern über die Deutsche Fußball-Liga die Praktiken aus München an. Dazwischen jede Menge verbaler Spitzen.

Umfaller

Hätten der gar nicht auf Mund und Kopf gefallene Kehl, sein Vater, ein Hotel-Betreiber, und Franz Gerber, ein gewiefter Manager, das geahnt, hätten sie anders gehandelt? So lange sich die Topclubs mit immer neuen Darlehen und Vorauszahlungen überbieten, wohl kaum. Der Verlockung des Geldes sind nicht nur die Familie Kehl und der Herr Gerber erlegen. Als Umfaller darf man sie trotzdem kritisieren. Andreas Möller hat das schon zigfach gehört - gewinnbringend ist er trotzdem jedes Mal zwischen Frankfurt, Dortmund und Gelsenkirchen hin- und hergewechselt.

Rummenigge ist auch nicht zu widersprechen, dass Handgelder nicht erst seit heute im Fußball auftauchen und auch schon gestern in der freien Wirtschaft flossen. Doch die Differenzierung zum Fußball-Geschäft täte gut: Zum einen stehen Top-Investmentbanker nicht so im Mittelpunkt wie die kickenden Angestellten in kurzen Hosen und sind keine Vorbilder für kleine Knirpse, zum anderen sind dermaßen umworbene Führungsfiguren in der Regel nicht 20 oder 21 Jahre jung.

Clevere Talente

Jung-Talente wie Kehl sind allerdings in diesem Alter schon viel cleverer als Bank-Lehrlinge. Kehl etwa saß nach seinem ersten Länderspiel im Mai 2001 Bremer Parkhotel, philosophierte über sein Privatleben, seine Vergangenheit, erzählte von schwierigen Zeiten in Hannover und der guten Umgebung in Freiburg - und hatte doch ein paar Tage vorher schon den Deal mit dem FC Bayern eingefädelt.

Der Vorwurf geht also an alle: An den Spieler, den Papa, den Berater, aber auch die nach Talenten zügellos gierigen Vereine und den machtlosen Verband, der sich mittlerweile zur Marionette der mächtigen Clubs gemacht hat.

Methoden und Machenschaften

Die Erfolgsaussichten sind gering, den Methoden und Machenschaften hinter den Kicker-Kulissen beizukommen. Auch Hannover 96, Ex-Club von Kehl, taugt nicht. Der Zweitliga-Spitzenreiter hat sich vom Manager Gerber getrennt, weil der gleichzeitig die Niedersachsen und Kehl beraten hat. Doch der Hintergrund in Hannover ist auch ein anderer: Club-Chef Martin Kind sah die Gelegenheit für günstig an, den ungeliebten Gerber loszuwerden.

Und Hannover könnte übrigens der nächste Schauplatz eines beispiellosen Hick-Hacks werden: Die hochbegabte Spitzenkraft Jan Simak pocht trotz gültigen Vertrags bis 2005 mit Hilfe seines Beraters Roger Wittmann auf den sofortigen Vereinswechsel. Vielleicht sind Handgelder und Schecks auch hier schon gezahlt. Wäre interessant, ob Hilpert auch das weiß. Und ob er vielleicht hier zu Ende ermitteln würde.

Quelle: @hel

 
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Veröffentlicht: 01.01.2002, 15:22 Uhr

Alles ist wieder gut

Von Christian Eichler

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