05.10.2011 · Nach dem Fußballskandal versuchen türkische Klubs, Strafen für Bestechung abzumildern. Denn einigen Mitgliedern der Fußball-Elite drohen lange Haftstrafen.
Von Hans Jungbluth, IstanbulWährend sich die Spieler der türkischen Fußballnationalmannschaft auf das EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland an diesem Freitag in Istanbul vorbereiten, laufen sich die Vereinsbosse am Bosporus auf einem ganz anderen Terrain warm. Sie setzen alle Hebel in Bewegung, um einen Gesetzentwurf ins türkische Parlament zu bringen. Nach offizieller Sprachregelung geht es dabei um die Bereinigung von Defiziten eines bestehenden Regelwerkes zur "Verhinderung von Gewalt und Ordnungswidrigkeiten im Sport". Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich ein Gesetz, das mehrere Dutzend Mitglieder der türkischen Fußball-Elite lebenslänglich hinter Gitter bringen könnte. Und das wollen die Klubs mit ihrem Gesetzentwurf verhindern.
Seit Anfang Juli sitzen mehrere Dutzend Vereinsfunktionäre und Spieler wegen des Verdachts auf Verwicklung in den größten Bestechungsskandal der türkischen Sportgeschichte in Untersuchungshaft, darunter Aziz Yildirim, der Präsident von Rekordmeister Fenerbahce Istanbul. Direkte Auswirkungen auf die Nationalmannschaft hatte der Skandal bisher zwar nicht; keiner der Hauptbeschuldigten gehört zum Kader von Nationaltrainer Guus Hiddink. Die Spieler sind dennoch verunsichert. Und Trainer Hiddink hat mit seinem sofortigen Rücktritt gedroht, falls sich Medienberichte bewahrheiten, nach denen auch bei Spielen der Nationalmannschaft mit unlauteren Mitteln nachgeholfen worden sein soll.
Derzeit steht noch Fenerbahce-Präsident Yildirim im Mittelpunkt des Interesses. Er soll seinem Verein den Meistertitel in der vorigen Saison mehr oder weniger gekauft haben. Mit einer Mischung aus Stillhalte-Zahlungen an Fenerbahce-Konkurrenten und finanziellen Anreizen für die Gegner der Hauptrivalen seines Klubs habe Yildirim den Weg für Fenerbahce freigeräumt, sagt die Istanbuler Staatsanwaltschaft. Yildirim weist alle Vorwürfe zurück, doch die Justiz bleibt dabei, dass sie Beweise in Form abgehörter Telefonate besitze. Auf Druck der Europäischen Fußball-Union (Uefa) nahm der türkische Verband den Istanbuler Verein aus der Champions League.
Als besonders augenfälliges Beispiel für den Bestechungsskandal gilt die Auswärtsbegegnung von Fenerbahce beim anatolischen Verein Sivasspor am 22. Mai. Fenerbahce gewann die Partie 4:3 und sicherte sich damit die Meisterschaft vor Trabzonspor. In der 41. Minute ließ Sivasspor-Torhüter Celikay einen harmlosen Fernschuss ins Tor rollen.
Nach Presseberichten geht die Staatsanwaltschaft aufgrund der abgehörten Telefonate davon aus, dass Fenerbahce in Sivas allein deshalb triumphierte, weil der Verein aus Istanbul mehr zahlte als Trabzonspor - der Verein von der Schwarzmeerküste soll versucht haben, Sivasspor mit einer Prämie zu einer besonders herausragenden Leistung zu animieren, um Fenerbahce zu stoppen. Zeitungen zitierten einen Staatsanwalt mit den Worten, er und seine Kollegen hätten dank der Abhörprotokolle die Spielergebnisse in den letzten Wochen der Saison 2010/2011 sicher vorhersagen können.
Fenerbahce, Sivasspor und Trabzonspor sind nicht die einzigen Vereine, die laut Staatsanwaltschaft in den Skandal verwickelt sind. So soll auch ein weiterer Istanbuler Spitzenklub, Besiktas, der Leistung auf dem Spielfeld mit Geldspritzen nachgeholfen haben. Spitzenvertreter mehrerer anderer Erstligaklubs sitzen ebenfalls hinter Gittern.
In den nächsten Wochen will die Istanbuler Staatsanwaltschaft ihre Anklageschrift gegen Yildirim und die anderen Beschuldigten vorlegen. Laut Presseberichten will die Anklagebehörde, gestützt auf das erst im Frühjahr verabschiedete Gesetz zur "Verhinderung von Gewalt und Ordnungswidrigkeiten im Sport", eine Haftstrafe von 87 Jahren für den Fenerbahce-Chef beantragen. Das hat die anderen Vereine aufgeschreckt. Nach ihrem Änderungsvorschlag soll die Höchststrafe für Bestechung oder Bestechlichkeit künftig nur noch zwei Jahre betragen.
Natürlich gehe es den Vereinen mit ihrem Gesetzentwurf nur um eine rasche Überwindung der derzeitigen Krise und keinesfalls darum, Bestechung oder Bestechlichkeit zu verharmlosen, wie Verbandsvizepräsident Hasan Akincioglu vor der Presse beteuerte: "Wir wollen, dass das System besser funktioniert." Deshalb soll die Höchststrafe für Bestechung drastisch gesenkt werden. Eine seltsame Logik.
Vize-Ministerpräsident und Regierungssprecher Bülent Arinc reagierte deshalb kühl auf die Vorschläge der Klubs. Erst Anfang des Jahres habe das Parlament mit Unterstützung aller Parteien das Gesetz zur Bekämpfung von Fan-Gewalt und Bestechung verabschiedet, sagte Arinc. "Und jetzt, da es erstmals angewendet wird, wird plötzlich verlangt, es wieder zurückzuziehen oder abzuschwächen." Die Forderung offenbare die ganze Hilflosigkeit der vom Skandal betroffenen Vereine. Es komme nicht in Frage, Gesetze zu ändern, um mutmaßlichen Straftätern zu helfen.
Unterdessen hat die neue Saison begonnen, und Fenerbahce sowie andere mutmaßliche Schummler mischen wieder ganz oben mit, ganz so, als wäre nie etwas gewesen. Es sei schon seltsam, stellte der Sportkolumnist Zafer Büyükavci nach den ersten Spieltagen in der Sportzeitung "Fanatik" fest: "Neun der zehn Bestplatzierten der Tabelle sind Vereine, die bei den Bestechungsermittlungen unter die Lupe genommen werden und deren Zukunft unsicher ist." Wenn jetzt noch mit Milde gegenüber überführten Tätern reagiert würde, wäre in der Türkei das letzte Quäntchen Glaube an die Fußball-Gerechtigkeit zerstört.