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Tour-Sieger Landis im Porträt Freigeist und Grenzgänger

23.07.2006 ·  Mit einer unglaublichen Aufholjagd hat sich Floyd Landis, der Sieger der 93. Frankreich-Rundfahrt, einen Platz in der Tour-Geschichte gesichert. Der Weg des Amerikaners an die Spitze des Radsports war beschwerlich.

Von Jürgen Kalwa, New York
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Die Prozedur ist etwas mühsam. Aber dem Mann bleibt keine andere Wahl. Es muß immer erst das rechte Bein über den Sattel, wenn Floyd Landis ein Fahrrad besteigen will. „Würde ich es andersherum versuchen, würde ich auf dem Asphalt landen“, sagt er. „Und die Leute stünden da und fragten sich: Was ist denn mit diesem Typen los?“

Diese Frage stellen sich die meisten Menschen, die in diesen Tagen die Tour de France verfolgen, vermutlich auch. Denn der 30 Jahre alte Amerikaner hat in den letzten zwei Wochen das Bild eines höchst ungewöhnlichen Radprofis abgeliefert. Da war zuerst das Eingeständnis, daß er mit einer rechten Hüfte unterwegs ist, in der der Knochen des Oberschenkelkopfs langsam abstirbt und mittlerweile wie ein Stück halbverrottetes Holz aussieht - weshalb er nur noch auf eine Art und Weise ein Fahrrad besteigen kann.

Es fehlen einem die Worte

Dann holte sich der beste Mann im von Dopingaffären dezimierten Phonak-Team das Gelbe Trikot, verlor es, gewann es aber aufs neue. Auf der schwersten Etappe der Tour, beim Anstieg zum Ziel in La Toussuire, brach er dann ganz still und hilflos ein. Die Lage - acht Minuten Rückstand auf den Mann an der Spitze - schien aussichtslos. Doch einen Tag danach entkorkte Landis mehr Energie als alle anderen. Er ging volles Risiko, als er eine achtzig Kilometer lange Soloattacke startete, kam tatsächlich als Erster am Ziel in Morzine an und hatte nach dem Ritt über drei enorme Alpenpässe fast den gesamten Rückstand auf die Spitze im Gesamtklassement wiederaufgeholt. Der Sprung auf Platz eins gelang ihm dann am Samstag. „Ich bin froh, daß es jetzt vorbei ist. Dafür haben wir hart gearbeitet“, sagte Landis: „Das ist heute ein ganz außergewöhnlicher Tag in meinem Leben.“

Aber zurück zu ihm und seiner Hüfte. Dem behandelnden Arzt fehlen die Worte, wenn er die Sache erklären soll. Dr. Brent Kay weiß seit 20 Monaten, daß sein Patient unter einem degenerativen Knochenfraß leidet, der irgendwann nach einer Operation im Januar 2003 begann. Sie war notwendig geworden, weil sich der Radprofi bei einem Sturz den rechten Oberschenkelhals gebrochen hatte. Der nachfolgende Verschleiß verursacht seither beachtliche Schmerzen. Es gibt Nächte, in denen kann Landis kaum schlafen. Aber all das hat ihn nicht abgehalten, seinem Beruf nachzugehen.

Eine Leistungsmaschine

Wer die besondere Antriebskraft im Innern der Leistungsmaschine Landis verstehen will, ist gezwungen, sich mit Arbeitshypothesen zu beschäftigen. Denn so richtig hat der Mann, der bei Phonak pro Saison 700.000 Dollar verdient, sein Potential noch nie ausgeschöpft. Die naheliegende Hypothese lautet: Im Jahr eins nach Armstrong gibt es für einen talentierten, aber bislang unbekannten ehemaligen Domestiken vermutlich keine bessere Gelegenheit, endlich aufzufallen und sich die langfristigen Sponsorenverträge zu erarbeiten, die man im späteren Leben braucht. Zumal es starke Konkurrenz im eigenen Land gibt. Man denke nur an den Gerolsteiner-Fahrer Levi Leipheimer.

Eine andere Annahme basiert auf seiner Kindheit in einer streng religiösen Familie mit fünf Geschwistern in einem kleinen Ort in Pennsylvania. In dieser Region haben Einwanderergruppen wie die Amish und die Mennoniten eine insulare Welt geschaffen, die mehr an die Verhältnisse im 17. Jahrhundert erinnert als an die im 21. Jahrhundert. Der kleine Floyd Landis konnte sich damit nicht abfinden. Er setzte sich Stück für Stück gegen Widerstände durch und fand in seiner unverwüstlichen Verfassung die Energie für stundenlanges Training auf dem Fahrrad. Das erste Mountainbike kaufte er sich von seinem eigenen Geld, als er 15 Jahre alt war. Der Besitzer des Ladens sponserte ein Team, für das er Landis rekrutierte. Der gewann das erste Rennen, an dem er teilnahm. Zwei Jahre später war er amerikanischer Juniorenmeister und erzählte Freunden, daß er eines Tages die Tour de France gewinnen werde. Er hatte den Druck aus dem Umfeld seiner Familie abgeschüttelt. „Es waren nicht die Regeln, die mich gestört haben, sondern vielmehr die Tatsache, daß sie nicht logisch wirkten“, sagte Landis später. „Im Turnunterricht durften wir nicht mal kurze Hosen tragen. Macht sich Gott wirklich darüber Gedanken, ob jemand kurze Hosen trägt?“

Eine Stütze Armstrongs

Mit 20 Jahren zog er nach Südkalifornien, wo es auch im Winter warm genug ist, um jeden Tag seine Kilometer abzuspulen. Seine Mitstreiter waren verblüfft: Er trainierte mehr als alle anderen und schien sich erst wohl zu fühlen, wenn es richtig weh tat. 1999 stieg er um und wechselte auf die Straße. Hier fiel er mit seinen Leistungen Lance Armstrong auf, der ihn in das US Postal Team holte, mit dessen Hilfe der Texaner nach seinem Comeback nach einer Krebserkrankung die Hackordnung bei der Tour de France über den Haufen warf. Floyd Landis war dabei seine größte Stütze. Als er die Mannschaft im Jahr 2004 verließ und zu Phonak wechselte, nahm Armstrong das persönlich und reagierte wie ein betrogener Ehemann. Auf einer Etappe der Tour de France schien er Landis mit dem Ellenbogen unfair aus dem Weg zu drängen. Doch der Jüngere, von dem sein Arbeitgeber Andy Rihs sagt, er habe „einen schwarzen Humor, ähnlich wie ich“, nahm die Rivalität hin. So wie andere Hürden auch.

Für Team-Ärztin Denise Demir ist die Zusammenarbeit mit Landis nicht leicht, „weil Floyd kein einfacher Mensch ist“. Ein Freigeist eben, der schon oft seine eigenen Wege gegangen ist. „Ich habe noch nie einen Menschen gekannt, der seine Grenzen so weit hinausschieben konnte“, hat sie festgestellt. Weshalb sie annimmt, daß der Amerikaner auch die nächste Herausforderung übersteht: die Rückkehr an die Spitze nach der für die kommenden Wochen geplanten Hüftoperation. Die Erfahrung im Umgang mit Floyd Landis hat sie zuversichtlich gemacht: „Wenn es einer schafft, dann er.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa und sid
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