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Tour de France : Die französische Hoffnung scheitert

Kein neuer Hinault: Thibaut Pinot leidet bei der Tour de France Bild: AFP

Thibaut Pinot galt als einer, der die Sehnsucht der Franzosen nach einem Tour-Sieger stillen kann. Doch die Angst vor Geschwindigkeit hemmt den Kletterer.

          Nur nicht allein bleiben, einsame Nächte verbringen bei der Tour de France, für Thibaut Pinot kam das nicht in Frage. Als sein Zimmergenosse Cédric Pineau auf der neunten Etappe aufgeben musste, suchte sich der Kapitän des französischen Teams FDJ umgehend einen neuen Partner. Die Wahl fiel auf einen langjährigen Vertrauten, auf Jeremy Roy. Er ist nun vermutlich auch eine Art Beistand für Pinot, ein Mann, der helfen kann, trübe Gedanken zu verscheuchen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Dinge laufen für Pinot schließlich nicht wie gewünscht, er war als große Hoffnung der Franzosen gestartet – und nun, mon dieu, ist Monsieur Pinot bereits einer der großen Geschlagenen.

          Für den Platz an der Sonne kommt er nicht mehr in Frage, nach dem Abstecher in die Pyrenäen und vor der Mittwochs-Flachetappe nach Montpellier (ab 13:35/live in ARD, Eurosport und F.A.Z.-Liveticker) wies er einen Rückstand von mehr als 15 Minuten auf Christopher Froome auf, und der geschundene, der desillusionierte Pinot klagte, dass er sich bei der Tour wie auf einer Galeere vorkomme.

          „Mein Niveau war katastrophal“

          Pinot ist alles andere als ein Sklave in seinem Metier, er ist ein Rennfahrer von Format, er holte schon zwei Etappensiege bei der Tour, er gewann im Jahr 2014 die Nachwuchswertung und wurde Dritter im Gesamtklassement – er war ein Versprechen als Radprofi. Der Franzose ist in jedem Fall ein formidabler Kletterer, allerdings auch ein Mann, dem Abfahrten ein Greuel sind.

          Nur ein Mann fürs gepunktete Trikot der Besten am Berg: Eine Geschwindigkeits-Phobie hält Pinot vom großen Durchbruch ab.
          Nur ein Mann fürs gepunktete Trikot der Besten am Berg: Eine Geschwindigkeits-Phobie hält Pinot vom großen Durchbruch ab. : Bild: AFP

          Er habe eine Phobie gegen Geschwindigkeit wie andere Menschen gegen Spinnen oder Schlangen, sagte Pinot. Das ist natürlich kein unerheblicher Nachteil in seinem Beruf, in dem bisweilen in einem Tempo von 90 Kilometern pro Stunde talwärts gerast wird. Pinot versuchte einiges, um seine Schwäche zu beheben, er stieg in Le Mans in einen Rennwagen und nahm in den Alpen an einer Schneerallye teil. Maßnahmen, die einen gewissen Erfolg brachten, ohne dass damit aus Pinot jedoch ein Hasardeur auf dem Rad geworden wäre.

          Das war in den Pyrenäen zu spüren, wo Pinot eine Menge Zeit verlor und er selbstkritisch sagte: „Mein Niveau war katastrophal.“ Der Franzose wirkte ratlos, er sagte fatalistisch, dass man die Tour einfach nehmen müsse, wie sie sei. „Manchmal läuft es, und du weißt nicht, warum. Manchmal geht nichts, und du kannst es dir auch nicht erklären.“

          Ist er dem Druck gewachsen?

          Und bisweilen ist es zudem sehr heiß während der Tour, was die Schinderei auf dem Rad noch ein bisschen schlimmer macht – auch das sind nicht unbedingt Bedingungen nach dem Geschmack von Pinot. „Ich mag eher das Frühjahr als den Sommer.“

          Kritiker in Frankreich behaupten, dass Pinot gar nicht in der Lage sei, als wirklicher Anführer eines Teams aufzutreten, dass er dem Druck als Tour-Favorit nicht gewachsen sei. „Das hemmt ihn“, sagte dieser Tage Cyrille Guimard, der einst als Sportlicher Leiter Radsport-Ikonen wie Bernard Hinault oder Laurent Fignon betreut hatte.

          Immerhin ist Pinot noch imstande, kleinere Feuer bei der Tour zu entfachen. Er trägt das Bergtrikot, er spekuliert wie andere französische Fahrer darauf, eine Etappe für sich zu entscheiden. Wenn das gelingen würde, sagte Pinot, wenn er dazu sein Ehrenhemd bis nach Paris tragen würde, wäre das für ihn wenigstens eine „korrekte Tour“.

          Der Traum des Sieges eines Einheimischen bleibt unerfüllt

          Womöglich wird für die Franzosen tatsächlich nicht viel mehr herausspringen bei „ihrem“ Rennen, obwohl zuletzt zwei ihrer Fahrer zumindest unter den besten fünfzehn rangierten, Romain Bardet und Warren Barguil. Bardet war Fünfzehnter der Tour im Jahr 2013, im Jahr darauf wurde er Sechster, und prompt wurde er mit hohen Erwartungen der französischen Öffentlichkeit konfrontiert. „Die Leute denken jetzt, dass ich auf den Mond klettere.“

          Aber das funktionierte nicht, Bardet belegte im Vorjahr Position neun. Und es ist davon auszugehen, dass er und Barguil, der für das in Deutschland lizenzierte Team Giant-Alpecin fährt, die Branchengrößen Froome und Nairo Quintana auch in diesem Juli nicht nachhaltig stören werden.

          So bleibt die Sehnsucht der Franzosen, dass nach Hinault 1985 endlich wieder ein Einheimischer bei der Großen Schleife triumphiert, nach derzeitigem Stand wieder unerfüllt. Und es dürfte für Frankreich kein Trost sein, dass zumindest Hinault, die Galionsfigur von gestern, immer noch auf dem Podium steht, Tag für Tag sogar, als Zeremonienmeister der Frankreich-Rundfahrt.

          Nur noch die Chance auf Prestigeerfolge: Pinot auf der Flucht vor dem Peloton
          Nur noch die Chance auf Prestigeerfolge: Pinot auf der Flucht vor dem Peloton : Bild: Imago

          Frankreichs Radsport war zu allem Übel sogar schon ein Schlag versetzt worden, noch ehe der Grand Départ in der Normandie überhaupt erfolgte. Der Sprintstar Nacer Bouhanni von der französischen Équipe Cofidis konnte das Rennen nicht aufnehmen, er musste nach einer Prügelei in einem Hotel an der Hand operiert werden.

          Verflixt und zugenäht: Eine lange, facettenreiche Leidensgeschichte für die Grande Nation, viele vergebliche Anläufe, den Fluch zu brechen. Aber Hinault grüßt und lächelt immerfort.

          Quelle: F.A.Z.

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