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Tour-Neuling Degenkolb Auf ins Abenteuer

Radprofi John Degenkolb steht vor seiner ersten Teilnahme bei der Tour de France. Der 24-Jährige hat Respekt - rechnet sich aber durchaus Chancen aus.

© dpa Vergrößern Keine Seltenheit: John Degenkolb in Siegerpose

John Degenkolb ist von Berufs wegen schnell unterwegs. Zum Interviewtermin düst er mit einem knallgelben Fixie-Bike, jenen puristischen Rädern mit den besonders kurzen Lenkern. Das Fixie ist wohl das genaue Gegenteil jener Hightech-Rennmaschinen, auf denen der 24 Jahre alte Profi im Hauptberuf kurbelt. Es ist der Tag vor Degenkolbs Abreise zu seiner ersten Tour de France, die letzten Stunden vor seinem Eintritt in das jährliche Hochamt des Radsports von diesem Samstag an.

Sein Fahrradschloss trägt er wie eine Schärpe über der Schulter. Der Neu-Frankfurter weiß, dass in seiner neuen Heimat schnell mal ein Rad illegal den Besitzer wechselt. Im lockeren Wiegetritt steuert Degenkolb ein Café im Westend an, er wohnt ganz in der Nähe. Er ist der Liebe wegen an den Main gezogen und hat „Frankfurt lieben gelernt“, wie er sagt. Es war auch das Frankfurter Innenstadtpflaster, das seine Karriere entscheidend beschleunigt hat.

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1. Mai 2011, der Jungprofi Degenkolb brauste für das mittlerweile untergegangene Team Highroad im Feld des Rennens „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ mit. Als Vorletzter quälte er sich über den giftigen Anstieg am Mammolshainer Berg. Seine Teamkollegen fuhren ihn wieder ans Feld heran. Auf den finalen Runden durch den Innenstadtparcours hielt er sich in aussichtsreicher Position. 50 Meter vor dem Zielstrich öffnete sich die entscheidende Lücke - Degenkolb stach hinein, zog voll durch und riss schließlich die Arme vom Lenker. „Dieser Sieg war mein Durchbruch. Von diesem Moment an war ich im Business“, sagt Degenkolb.

Und wie! Das in Gera geborene und in Mittelfranken aufgewachsene Kraftpaket hat sich dank starker Leistungen nicht nur in der Radsportszene einen Namen gemacht. Mit fünf Tagessiegen bei der letztjährigen Vuelta und einem Etappensieg beim Giro d’Italia neulich sowie anderen vorzeigbaren Resultaten gehört er zu den besten deutschen Rennfahrern.

Rund um den Finanzplatz Frankfurt - Radrennen in und um Frankfurt © Kretzer, Michael Vergrößern Der Durchbruch: Sieg beim Radrennen „Rund um den Finanzplatz Frankfurt“

Degenkolb ist aber auch einer der Wortführer jener Gruppe junger deutscher Radprofis, die, wie er sagt, „für einen neuen, sauberen Radsport steht“. Er und beispielsweise der Eschborner Tony Martin wollen nicht mehr in Sippenhaft genommen werden für vergangene „Fehler, die wir nicht begangen haben“. Degenkolb, der Kapitän des niederländischen Teams Argos-Shimano ist, sagt, - und sein Tonfall wird ernst: „Wir identifizieren uns mit dieser Rolle und fühlen uns verantwortlich, eine neue Radsport-Ära zu repräsentieren. Wir wollen, dass uns geglaubt wird. Umso offener und transparenter wir mit dem Thema Doping umgehen, desto glaubwürdiger werden wir.“

„Das ist genau der richtige Weg“

Wenn es zwischen 7 und 8 Uhr am Morgen an seiner Frankfurter Wohnungstür klingelt, fragt sich Degenkolb, ob es wohl ein Kontrolleur der Nationalen Anti-Doping-Agentur oder des internationalen Radsportverbandes ist. Eine Stunde am Tag müssen Athleten wie er angeben, zu der sie an einem bestimmten Ort anzutreffen sind. Allein in der vergangenen Woche bekam Degenkolb zweimal Besuch. Er hat schon einen Ordner im Regal stehen mit all den Formularen, die bei solchen Blut- und Urintests ausgetauscht werden. Genervt ist er davon nicht. „Im Gegenteil - das ist genau der richtige Weg.“

In seinen nur zweieinhalb Jahren als Radprofi hat Degenkolb schon mindestens so viel über verbotene pharmazeutische Beschleuniger reden müssen wie über natürlichen Antrieb. Degenkolb ist ein Rennfahrer, dem es an Willen, Einsatz und Härte gegen sich selbst nicht mangelt. Er hat die Fähigkeit, im Rennen im entscheidenden Moment die letzten Körner zu mobilisieren und zu einem furiosen Finish zu veredeln. Er ist schnell, aber kein reiner Sprinter. Er findet sich im hügeligen Terrain zurecht, ist aber kein Bergfahrer. Im Fahrerfeld behält man ihn längst im Auge, lässt ihn nicht mehr so einfach wegfahren.

Etappensiege sind das Ziel

Auch wenn er in diesem Frühjahr wegen einer Verletzung und Problemen mit der kalten Witterung hinter den allgemeinen und seinen eigenen Erwartungen blieb. Bei der Tour führt Degenkolb mit dem deutschen Kollegen Marcel Kittel die Equipe Argos-Shimano als eine Art Doppelspitze an. Er ist, obwohl Tour-Novize, schon als Führungspersönlichkeit gefragt. Etappensiege sind das Ziel. Mal hier und dort vorne reinzufahren ist Degenkolb zu wenig. „Ich werde nicht um Platz 30 sprinten. Dann schone ich mich lieber für den nächsten Tag.“ Um wieder neu anzugreifen und aufs Neue nach dem größten Erfolg seiner Karriere zu greifen. Sieben bis acht Etappen, sagt er, kämen ihm und seinen Fähigkeiten vom Streckenprofil her entgegen. Und ja, er empfinde neben Vorfreude auch großen Respekt vor den kommenden drei Wochen.

Viele seiner Trainingskilometer hat Degenkolb sich im Rhein-Main-Gebiet geholt. Einheiten mit 2000 Höhenmetern und mehr im Taunus, Grundlagen und Intervalle in der Wetterau. Auch die Landstraßen rund um Limburg und Wetzlar kennt er gut. Häufig in einer Trainingsgruppe mit dem Mountainbike-Profi Tim Böhme und Ralf Matzka vom zweitklassigen Team NetApp. Er liebe das Gefühl, erzählt Degenkolb, nach fünf Stunden Training nach Hause zu kommen und „echt etwas geschafft zu haben“. Doch zwischen Tour de Suisse und Tour de France war in dieser Woche Regeneration angesagt. Weniger Zeit auf dem Sattel, mehr Zeit für die heimische Dachterrasse und Frankfurter Cafés. Dann steht Degenkolb auf, schließt sein Fixie-Bike auf, hängt sich das Schloss über die Schulter und radelt los - hinein in das größte Radsportabenteuer seines Lebens.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 29.06.2013, 10:24 Uhr