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Tour de France Vertrauenssache

Wenn die Ersten ins Ziel kommen, ist Meister Doping schon da: Der Radsport hat sich Tritt für Tritt einen Generalverdacht erarbeitet. Sein härtester Wettkampf ist der um gerechtfertigtes Vertrauen.

© dpa Stand nach der ersten Etappe ganz oben: Marcel Kittel

Es ist wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel. Wenn sich vermeintlich saubere Radprofis als Erste im Ziel wähnen, ist Meister Doping schon da. Ewiger Zweiter, das geht den Tour-de-France-Fahrern auf die Nerven. Deshalb hat eine kleine Gruppe im Namen des Pelotons die französische Sportministerin gebeten, von einer geplanten Veröffentlichung des Senatsberichts über den Doping-Skandal des Festina-Teams von 1998 noch während der Tour abzusehen. Denn was hat die Generation der 100. Tour mit dem Doping des vergangenen Jahrhunderts zu tun?

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Die Antwort ist simpel: Der Radsport hat sich - leider - Tritt für Tritt einen Generalverdacht erarbeitet. Da mag der frühere Verteidigungsminister Rudolf Scharping als Lobbyist der Szene - er führt den Bund Deutscher Radfahrer - noch so sehr auf ein „verseuchtes Jahrzehnt“ pochen. Es sind wenigstens neun. Bei der Tour haben Teilnehmer vom ersten Tag an zu Beschleunigern gegriffen. Manche glauben, damit überlebt zu haben, manche ereilte so der Exitus.

Zerstörtes Grundvertrauen

Nun soll die Zeit für einen Tour-Sieg ohne Doping angebrochen sein, sagt Scharping. Als könne er in die Köpfe der Menschen schauen. Wenn der ehemalige Kanzlerkandidat diese Gabe besitzt, dann ist es erstaunlich, dass er als Begleiter und Edelfan des pharmakologisch aufgeladenen Telekom-Teams nicht schon im „verseuchten Jahrzehnt“ Wahrheit und Dichtung um Jan Ullrichs Equipe aufdeckte. Die perfiden Lügen- und Betrugsgeschichten haben wohlmeinende, gutgläubige, ja sogar hartnäckige Fans davongetrieben. Die Doping-Systematik zerstörte - nicht nur im Radsport - das Grundvertrauen der Menschen. Hier besteht die Verbindung zwischen den Generationen. Das Werk der überführten Manipulateure und ihrer Hintermänner wird noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte nachwirken, selbst wenn die Tour-Fahrer der Gegenwart allen Tricks abgeschworen haben sollten.

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Es reicht also nicht, die Hand zum Anti-Doping-Schwur zu heben und auf das Recht zu pochen, vor dem Beweis des Gegenteils als unschuldig zu gelten. Dazu wird die sogenannte Zeitenwende, wie sie Fahrer und Funktionäre nun beteuern, noch zu sehr von Ehemaligen begleitet, sei es im Peloton, in den Teams oder den Verbänden. Auch die immer noch erkennbare Weigerung, sich mit der Geschichte, den Bedingungen für die Entwicklung von Doping auseinanderzusetzen, schürt Skepsis.

Eine Kehrtwende wird allenfalls erreicht sein, wenn die Profis die Veröffentlichung eines Senatsberichts im Moment größter Aufmerksamkeit nicht als Bedrohung, sondern als Instrument zur Befreiung erkennen. Auch diese Publikation, so viel ist bekannt, führt die begrenzten Möglichkeiten der Repressalien, also Kontrollen wie Strafen, vor Augen. Der französische Experte Christophe Brissonneau forderte deshalb jüngst eine Verstärkung der Prävention. Das Bewusstsein der Menschen müsse geändert werden. In dieser Aufgabe verbirgt sich die wahre Tour de France: der schwierigste, härteste und fragilste Wettkampf des Radsports - um gerechtfertigtes Vertrauen.

Quelle: F.A.Z.

 
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