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Veröffentlicht: 14.07.2013, 17:55 Uhr

Tour de France Froomes Mondlandung

Christopher Froome liefert auf dem kahlen Gipfel des Mont Ventoux ein verblüffendes Beispiel seiner Stärke. Am französischen Nationalfeiertag lässt der Brite mit seinem Sieg keinen Zweifel daran, dass er der Patron der 100. Tour de France ist.

von , Vaison-La-Romaine
© REUTERS Als Erster überm Berg: Christopher Froome erklimmt den Mont Ventoux am schnellsten

Eine Straße des Glücks? So werden nur wenige Radprofis die D974 in der Vaucluse empfinden, die sich auf den Mont Ventoux schlängelt, auf den letzten 20,8 Kilometern mit einer durchschnittlichen Steigung von 7,5 Prozent. Eine Tortur, eine Quälerei, natürlich auch für Christopher Froome, der dennoch nach der mit 242,5 Kilometern längsten Etappe der 100. Tour de France einen bewegenden Augenblick erlebte. Als der Mann, der den Mont Ventoux am Sonntag als Erster bezwang, als großer Sieger am französischen Nationalfeiertag. Froome gewann mit einigem Abstand vor dem Kolumbianer Nairo Quintana und dem Spanier Mikel Nieveiturralde - und er fügte Alberto Contador wieder eine bittere Niederlage bei. Froome hat jetzt im Gelben Trikot einen Vorsprung von mehr als vier Minuten vor dem Niederländer Bauke Mollema und Contador; er kann nach seiner furiosen Darbietung am Mont Ventoux in Ruhe den schweren Prüfungen in den Alpen entgegenblicken.

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Froome ist der beste Fahrer der Tour, aber er ist nicht unbedingt der Fahrer mit dem besten Team. Seine inzwischen dezimierte Equipe hat weniger Tour-Erfahrung als jene von Bradley Wiggins im vergangenen Jahr. Auch weil der Australier Michael Rogers, damals der „Capitaine de Route“ beim Team Sky, zum größten Konkurrenten gewechselt ist, zum Team Saxo-Tinkoff. Am Sonntag aber lieferte Froome wieder ein verblüffendes Beispiel seiner Stärke. Sieben Kilometer vor dem Ziel trat er plötzlich in die Pedale, als wäre das für ihn das reinste Kinderspiel. Der Brite, der bis dahin noch von seinem australischen Mitstreiter Richie Porte begleitet worden war, distanzierte Contador mit „fliegenden Beinen“ im Handumdrehen. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er der Patron dieser Tour ist.

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Der Tag, als Froome seine Ausnahmestellung bestätigte, war ein glühend heißer Tag, wie am 13. Juli 1967, als der Mont Ventoux durch den Tod von Tom Simpson zu einem traurigen Symbol des Sports wurde. Etwa eineinhalb Kilometer vor dem Gipfel steht eine Gedenktafel, die an Simpson erinnert, der an einer fatalen Mischung aus Alkohol und Aufputschmitteln starb. Aber das Peloton dürfte jetzt keinen Blick für das Mahnmal gehabt haben; es war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und den Mühen, den steilen Anstieg zu bewältigen. Immer noch wird der Mont Ventoux, der wie eine Mondlandschaft wirkt, mythisch verklärt, und es sind viele Geschichten über ihn erzählt worden in den vergangenen Tagen. Jene von dem Deutschen Hans Freihammer zum Beispiel, der 80 Jahre alt ist und in der Nähe von Nürnberg lebt - und als Hobbyfahrer eine besonders innige Beziehung zu dem kahlen Gebilde in der Provence entwickelt hat. Freihammer ist 234 Mal zum Mont Ventoux hinaufgestrampelt, vermutlich ist das eine Art Weltrekord. Er war glücklich dort oben, in der Einsamkeit, auf einem Berg mitten im Nichts, ohne jeden Schatten. Freihammer sagt: „Beim ersten Mal ist der Berg nur Leiden. Seine Schönheit offenbart er dir erst beim zehnten oder zwanzigsten Mal.“

169056402 Gelb ist die Farbe der Tour: Sonnenblumen am Wegesrand in der Provence © AFP Bilderstrecke 

Die Tour hatte den Mont Ventoux erstmals 1951 in ihr Programm genommen, am Sonntag war der 1900 Meter über dem Meer gelegene Koloss zum 15. Mal Teil der Strecke und zum neunten Mal das Ziel einer Bergankunft. Das ist eine bescheidene Quote, häufig hatte die Tour den Mont Ventoux links liegen lassen. Aber beim Jubiläum war es offenbar unabdingbar, das Feld der Rennfahrer wieder auf den Schreckensberg in der Provence zu hetzen. Der Franzose Jean Mallejac hatte hier schon 1955 das Bewusstsein verloren, er war - wie Simpson - vollgepumpt mit Substanzen, die ihn vorwärts treiben sollten. Am Sonntag hieß es, dass es noch keinen Dopingfall bei der 100. Tour gebe, obwohl die Kontrollen, für die die französische Anti-Doping-Agentur und der Internationale Radsportverband zuständig sind, intensiv wie selten sein sollen. „Ich habe das Gefühl, die stehen jeden Morgen beim Frühstück“, sagte Rolf Aldag vom Team Omega Pharma-Quickstep.

Simpsons Landsmann Froome, dessen beeindruckender Auftritt schon in den Pyrenäen bei manchem Tour-Beobachter Argwohn ausgelöst hatte, hielt sich auf der 15. Etappe lange im großen Pulk der Profis auf, vor den sich das Team Movistar des Spaniers Alejandro Valverde gespannt hatte; Valverde hatte am Freitag, gebremst durch einen Defekt, zu den großen Verlierern gehört. Neun Fahrer hatten sich zu einer Ausreißergruppe zusammengefunden, unter ihnen der Slowake Peter Sagan, der Träger des Grünen Trikots. Froome und seine Widersacher konnten sich zunächst aber getrost zurückhalten. Sie wussten, dass ihr Moment noch kommen würde, die Stunde des Schlagabtausches auf dem flirrenden Asphalt der D974. Später machte sich der Franzose Sylvain Chavanel auf und davon, aber auch das war nichts als ein Intermezzo. Dieser Sonntag war nur für ein einziges Solo geschaffen - für jenes von Froome.

Quelle: FAZ.NET

 

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