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Tony Martin vor der Tour : „Ich riskiere meinen Leib – aber nicht mein Leben“

Bremsen? Vielleicht, sagt Tony Martin Bild: Timm Kölln

Der Schlagmann gibt das Tempo vor: Bei der Tour de France will Tony Martin angreifen – und die erste Etappe gewinnen. Im FAZ.NET-Interview spricht der dreimalige Zeitfahrweltmeister über seine Pläne bei der Tour, brutale Abfahrten und ein Rennrad samt Rolle auf den Malediven.

          Wie prägt eine Sportart einen Sportler? Konkret: Was macht der Radsport aus einem Menschen?

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Umgangssprachlich gesagt: Man wird ein hartes Schwein.

          Auch im normalen Leben?

          Ja, doch, doch. Ich denke, dass Radsportler extrem ehrgeizig und belastbar sind, auch was das Schmerzempfinden angeht. Dass sie sich extrem auf Ziele fokussieren können, dass sie Ziele fixieren und dann nach den Zielvorgaben leben können. Andere Menschen kommen in unsere Bereiche niemals rein, außer vielleicht in absoluten Ausnahmesituationen. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber wenn ein sehr guter Fußballer mal eine Trainingseinheit auslässt oder mal ein halbes Kilo mehr auf den Rippen hat, dann ist er sicherlich immer noch in der Lage, sehr gut Fußball zu spielen. Wenn man seine Arbeit, sein Training im Radsport aber ein wenig schleifen lässt, funktioniert es nicht mehr. Wenn ich nicht mein ganzes Leben auf den Radsport ausrichten würde, würde ich keinen einzigen Sieg mehr einfahren.

          Gewöhnt man sich an den Verzicht?

          Für mich ist es kein Verzicht. Für mich ist es eine Lebensphilosophie, auch Spaß. Wenn mir jemand anbieten würde, das gleiche Geld mit Nichtstun zu verdienen, dann würde ich den Radsport trotzdem vorziehen. Für mich ist das ein tolles Leben. Auch die Trainingslager, mit den Jungs unterwegs zu sein, sich als Gruppe zu finden, für gemeinsame Ziele zu arbeiten, Siege zu feiern, Niederlagen zu verarbeiten, das formt fürs Leben.

          Können Sie abschalten? Den Urlaub genießen am Ende der Saison?

          Ich habe die glorreiche Geschichte hinter mir, dass ich letztes Jahr auf den Malediven war und mein Rennrad und meine Rolle mitgenommen habe.

          Gegen den Wind: Tony Martin ist beim Zeitfahren in seinem Element

          Der erste Mensch, der dort mit Rad und Rolle aufkreuzte?

          Wahrscheinlich, und alle haben mir den Vogel gezeigt, selbst die Frau im Reisebüro, und meine Freundin natürlich auch. Ich brauche das aber einfach. Wenn ich acht Stunden am Strand verbringe, was ich machen muss, um meinem Körper auch mal zwei Wochen Auszeit zu geben, dann brauche ich am Abend wenigstens eine Stunde Sport.

          Warum nicht einfach joggen?

          Joggen ist nichts für einen Radprofi, einfach, weil bei uns ganz andere Muskeln trainiert sind. Wenn ich eine halbe Stunde joggen würde, würde ich dafür die nächsten zwei Wochen bezahlen, weil ich so einen Muskelkater hätte. Deshalb bin ich Pragmatiker, und sage, okay, dann nehme ich eben mein Rad und meine Rolle mit auf die Malediven, auch wenn alle anderen darüber lachen.

          Was haben Sie vor bei der Tour de France, die am nächsten Samstag mit einem Zeitfahren in Utrecht beginnt?

          Die erste Tour-Woche wird geprägt von einem etwas längeren Prolog in Utrecht über 13,8 Kilometer, durch Kopfsteinpflasterpassagen, durch Klassikerterrain, das alles kommt mir als Fahrertyp entgegen, ich war vor Ort und habe mir die Strecken angeschaut. Ich fahre ganz klar mit dem Ziel zur Tour, den Prolog zu gewinnen und nach dem ersten Tag das Gelbe Trikot zu tragen, alles andere wäre eine Enttäuschung. Aufgrund der Streckencharakteristik wäre es dann möglich, das Gelbe Trikot vielleicht sogar eine ganze Woche zu behalten, bis es in die Berge geht. Das wäre das Optimum. Aber die erste Tour-Woche ist auch immer schwer zu kalkulieren, weil es extrem hektisch zugeht und man ständig sturzgefährdet ist.

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