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Etappe Nach Alpe d’Huez : Britisches Brodeln beim Team Sky

  • -Aktualisiert am

Dem eigentlichen Chef voraus: Geraint Thomas, in gelb, fährt vor Christopher Froome, dem dreimaligen Tour-de-France-Gewinner. Bild: AFP

Provokation, Hahnenkampf oder nur Taktik? Beim britischen Sky-Team ist nicht mehr klar, wer eigentlich der Kapitän ist. Geraint Thomas schnappt sich auf der Königsetappe wieder den Sieg – und hängt dabei auch Christopher Froome ab.

          Der Berg hat schon am Morgen keine Ruhe mehr, das Leben erwacht früh zwischen Bourg d’Oisans und Alpe d’Huez. Lange bevor ein neues sportliches Kapitel geschrieben wird in Alpe d’Huez, mit dem Waliser Geraint Thomas in der Rolle des glücklichen Siegers, wie am Vortag, als er in das Gelbe Trikot geschlüpft ist. Menschen auf Wanderschaft, Schritt um Schritt, Meter um Meter auf der steilen Straße. Vielleicht noch auf der Suche nach einem Plätzchen, wo man später die Tortur des Pelotons erleben kann, hinauf auf fast 1900 Meter Höhe. Als Fußgänger findet sich immer eine freie Stelle, die breiteren Lücken am Wegesrand sind längst belegt, von Wohnmobilen, Zelten, von einer Heerschar Fans, die sich einige Tage vor dem Spektakel schon eingerichtet haben, die eine bunte, fiebernde Kulisse bilden für den Tross der Tour de France, die am Donnerstag wahrscheinlich ihre größte Show in diesem Juli inszeniert.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die das Feld der Radprofis auf einen mythisch verklärten Gipfel schickt, über 21 Serpentinen zwischen Bourg d’Oisans und dem Skiort Alpe d’Huez zu bewältigen sind. 13,8 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 8,1 Prozent am Ende eines insgesamt 175,5 Kilometer langen Kurses. Kaum eine Strecke weckt mehr Emotionen bei der Tour, kaum eine ist geschichtsträchtiger, berüchtigter. Und sie macht aus dem Donnerstag einen weiteren äußerst strapaziösen Tag für die Rennfahrer.

          Etliche von ihnen sind gar nicht so weit gekommen. Der Kolumbianer Rigoberto Uran, im Vorjahr Zweiter der Tour: zu Fall gekommen, gesundheitlich angeschlagen, zermürbt, ausgestiegen vor dem zwölften Akt der Tour 2018. Der deutsche Sprinter Marcel Kittel, am Mittwoch am Zeitlimit gescheitert. Am Donnerstag erwischt es drei weitere Deutsche: Andre Greipel, Marcel Sieberg und Rick Zabel. Auch andere Spurtexperten, der Kolumbianer Fernando Gaviria und der Niederländer Dylan Groenewegen, können das Rennen nicht fortsetzen. Das Feld lichtet sich zusehends.

          Eine Tour der Extreme, dominiert vom Team Sky. Thomas sprintet in der Höhe von Alpe d’Huez zum Sieg, eine kuriose Fügung, gewinnt knapp vor dem Niederländer Tom Dumoulin und dem Franzosen Romain Bardet. Christopher Froome wird Vierter und liegt in der Gesamtwertung jetzt mehr als eineinhalb Minuten hinter seinem „Helfer“ Thomas.

          Der Brite Geraint Thomas vom Team Sky gewinnt die 12. Etappe der Tour de France.

          Zigtausende sind am Donnerstag wegen der Tour de France auf den Beinen. Eine Region im Ausnahmezustand und in Partylaune. Sommerkarneval in den Alpen. Wer etwas auf sich hält, erklimmt den Anstieg nicht zu Fuß, sondern – wie Thomas und Co. – mit dem Rad. Massen von Hobbyfahrern wuchten in einer Art Selbsterfahrungstrip ihre Räder in Richtung Alpe d’Huez, auch das ist morgens noch möglich, Stunden vor der Ankunft der Profis. Manche Radler sausen schon wieder hinunter, mit hoher Geschwindigkeit.

          Orange ist eine markante Farbe. Die Niederländer singen und tanzen, sie pflegen seit langem eine innige Beziehung zu Alpe d’Huez. Die große Zeit ihrer Stars liegt eine Weile zurück. Die Niederländer hatten in den siebziger und achtziger Jahren ihre speziellen Alpe-d’Huez-Erlebnisse, acht Tageserfolge. Sie sind in den 21 Kehren dokumentiert, wo Schilder angebracht sind mit den Namen der Profis, die hier gewonnen haben. Auch Lance Armstrong ist noch präsent, obwohl es Diskussionen darüber gegeben hatte, den texanischen Doper, der alle sieben Tour-Erfolge verloren hat, von den Ehrentafeln zu entfernen. Alpe d’Huez hat an Armstrong festgehalten. Und das Thema Doping tut der Anziehungskraft von Alpe d’Huez keinen Abbruch, im Gegenteil. Manchmal sieht es beim Woodstock des Radsports so aus, als würde das Peloton, eingetaucht teilweise in Rauchschwaden, in eine menschliche Mauer fahren, die sich schließlich aber auf wundersame Weise öffnet. „Ich wusste, wie man an diesem Publikum vorbeifahren muss – schnurgerade, mit bösem Blick und zusammengepresstem Kiefer. So weichen die Leute im letzten Moment zurück“, hat der bretonische Nationalheld Bernard Hinault einmal erzählt.

          Im Jahr 1999 war der in Führung liegende Giuseppe Guerini mit einem fotografierenden Zuschauer kollidiert; der Italiener rappelte sich wieder auf, wurde Erster. Diesmal geht Guerinis Landsmann Vincenzo Nibali auf den letzten Kilometern in der Hitze des Gefechts zu Boden, und Froome erhält einen Schubser vom Straßenrand. Thomas muss sich auf dem Podium manche Buhrufe gefallen lassen. Eine brodelnde Atmosphäre, in der die britischen Hoffnungen auf den nächsten Tour-Triumph weiter befeuert werden.

          Hüter des Zahnrades

          In den Sattel schwingen und losfahren? So einfach geht das nicht. Wer Radsportler sein will, muss Regeln beachten. Und zwar 95, wie eine Gruppe Gralshüter behauptet. Die „Velomenati“ haben einen „Kodex für Radsportjünger“ verfasst. Wir zitieren im Etappenrhythmus kluge, lustige und sinnfreie Vorschriften.

          Regel #66: „Keine Rückspiegel“

          Erläuterung: „Rückspiegel mögen an Zweiradsänften erlaubt sein. Nicht aber an deinem Vollblutrenner für die Straße, nicht an deinem Helm. Wenn dir jemand einen Spiegel verkauft, gib ihn zurück und fordere die Erstattung des Kaufpreises zuzüglich Zinsen und Schmerzensgeld. Beim Radfahren kannst du einfach den Kopf drehen. Der Radsportler muss peripheres Sehen, Gehör und Geruchssinn einsetzen. Wie ein Jedi mit Hilfe der Macht werden wir eins mit der Umgebung, mit der Straße, den Verkehrsschildern, den Fußgängern und Tieren am Straßenrand. Wir lernen zu antizipieren, was um uns herum geschieht. Aber am wichtigsten: Rückspiegel am Rad sind unglaublich hässlich.“

          Empfehlung: Halsstarrigkeit ignorieren.

          (Entnommen aus: „Die Regeln“, Kodex für Radsportjünger, Cavadonga Verlag 2018)

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