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Rolf Aldag im Gespräch (3) : „Die Tour hat viele Narben - aber sie wird überleben“

  • Aktualisiert am

Rolf Aldag im Ziel: „Ich habe mich danach immer hingesetzt, auf den Fahrradlenker und die Champs Élysées geschaut“ Bild: Quinte Filmproduktion (Freiburg)

In den ersten beiden Teilen des großen Tour-Interviews hat Rolf Aldag über Schmerzen und Doping gesprochen. Im letzten Teil beschreibt er den Kampf in den Bergen, den Mythos der Rundfahrt und die Ankunft in Paris.

          Rolf Aldag, 44, fuhr als Radprofi seit 1993 für das Team Telekom/T-Mobile. Er unterstützte zum Beispiel Jan Ullrich, der 1997 die Tour de France gewann, und Sprinter Erik Zabel. 2007, zwei Jahre nach seinem Rücktritt vom aktiven Sport, gestand er, mit Epo gedopt zu haben. Aldag arbeitet jetzt als Sportmanager beim Radteam Omega Pharma-Quickstep, bei dem auch Zeitfahrweltmeister Tony Martin unter Vertrag steht.

          In den ersten beiden Teilen des großen Tour-Interviews hat Rolf Aldag über Schmerzen und Doping gesprochen.

          Der Mythos Tour de France wird auch von den Gipfeln genährt - Alpe d’Huez, Mont Ventoux, Tourmalet. Wie ist das, wenn die Tour ins Hochgebirge einbiegt? Was ist das für ein Gefühl für die Fahrer?

          Vor der ersten Bergetappe herrscht Aufregung, weil man nicht hundertprozentig einschätzen kann, wo man steht. Wenn der erste Tag in den Bergen aber rum ist, hat man sein Selbstvertrauen wieder. Ich hatte nie ein Riesenproblem damit, im Zeitlimit zu bleiben, es war aber auch klar, mit den Ersten kann ich nicht mitfahren. Insofern waren Bergetappen für mich teilweise sogar ziemlich entspannend.

          Entspannend?

          Ja, man kann dann sagen, ich bleibe jetzt mal bei meinem Sprinter, da muss ich nicht an die Grenze gehen. Nur wenn wir ans Zeitlimit kommen, müssen wir im Tal noch mal richtig, richtig fahren, um nicht aus der Wertung zu fallen.

          Die Sprinter sammeln sich in den Bergen am Ende des Feldes im Grupetto. Wie wird dort gefahren?

          Im Grupetto fährt man einen völlig anderen Rhythmus. Vorne fahren die Bergfahrer superschnell hoch, dann einigermaßen kontrolliert bergab, und im Tal wird es bei ihnen taktisch, im Grupetto fährt man genau andersherum: den Berg sehr kontrolliert und defensiv hinauf, in der Abfahrt sehr, sehr schnell und im Tal dann Vollgas alle zusammen.

          Was ist eigentlich schwerer: Bergfahrer zu sein oder als Helfer ein Tempobolzer in der Ebene?

          Der schwerste Job ist es, drei Wochen lang auf Klassement zu fahren, auf die Gesamtwertung, da musst du jeden Tag voll da sein, keine Schwäche zeigen, nie unkonzentriert sein, selbst wenn du der Stärkste bist. Einmal zu weit hinten, Seitenwind, das Feld reißt, boff: Tour verloren. Ein reiner Bergfahrer kann dagegen sagen, gut, hängen sie mich halt ein paar Mal ab, aber dann gewinne ich Alpe d’Huez und fahre als Held nach Hause. Bei einem Sprinter ist es ähnlich, der schaut sich vorher die Tour an und sagt, ich habe acht Chancen, und der Rest spielt für mich keine Rolle.

          „Ja, sie ist ein mehr als hundert Jahre altes, immer wiederkehrendes Event mit guten Zeiten und mit schlechten Zeiten und einem Riesendrumherum“
          „Ja, sie ist ein mehr als hundert Jahre altes, immer wiederkehrendes Event mit guten Zeiten und mit schlechten Zeiten und einem Riesendrumherum“ : Bild: Augenklick/Roth

          Die Tour de France dürfte mit Abstand die Sportveranstaltung sein, die in ihrer Geschichte die meisten Skandale produziert hat. Sie ist trotzdem nicht totzukriegen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

          Sie ist ein Monument. Die Institution Tour de France wird auch weiter überleben. Wir tun uns in Deutschland schwer damit, das zu verstehen, weil wir dazu neigen, unsere Helden zu verehren, aber nicht wirklich bei den Events sind. Wir sehen es im Tennis. Die US Open waren für uns interessant, als Boris Becker und Steffi Graf noch gespielt haben. Wir haben uns für unsere Stars interessiert, aber nicht für die US Open. In Belgien zum Beispiel kommen eine Million Menschen zur Flandern-Rundfahrt, und alle wünschen sich, dass Tom Boonen gewinnt. Aber wenn ein Anderer gewinnt, dann bleibt es immer noch die Flandern-Rundfahrt, und die Leute kommen nächstes Jahr wieder. Es geht ihnen um die Flandern-Rundfahrt, sie wissen, dass sie wichtiger ist als einzelne Fahrer. 

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