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Radsport am Abgrund : Die Tour und der Tod

Der Brite Tom Simpson bei der Tour de France 1967: Er starb auf der 13. Etappe kurz vor dem Gipfel des Mont Ventoux Bild: dpa

Bei der Frankreich-Rundfahrt sind nur wenige Fahrer gestorben. Aber viele Radprofis nehmen enorme Risiken in Kauf. So lebt es sich intensiver - auch bei der am Samstag beginnenden 100. Tour.

          Da rast ein Mensch den Berg hinab. Den Kopf knapp über dem Lenker, die Beine nach innen gedrückt, das Gesäß über den Sitz nach hinten geschoben. Er kauert auf einem Geschoss, vielleicht sieben Kilogramm schwer, auf kaum daumenbreiten Reifchen. Er schießt die Abfahrt hinunter, schneidet die Kurven. Der Speed steigt auf 90, 95, 100 Kilometer pro Stunde. Es gibt keine Fangzäune wie bei den alpinen Abfahrern, keine Auslaufzonen wie in der Formel 1, keine Schutzkleidung. Nackter Felsen rechts, scharfkantig, betonhart, die Schlucht links.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Willem van Emst ist bei der Tour de France 1951 abgeflogen, in eine 70 Meter tiefe Schlucht. Mit 40 aneinandergeknoteten Fahrradschläuchen soll er geborgen worden sein. Verrückt, Wahnsinn, eine Story zum Ruhm der Tour. Wer sich auf sie einlässt, scheint nichts zu fürchten. „Man entdeckt die Helden-Motive der Antike“, sagt der Sportphilosoph Gunter Gebauer: „Die Radfahrer sind moderne Gladiatoren.“ In der Antike sollen sie ihren Imperator so begrüßt haben: „Ave Caesar, morituri te salutant.“ „Heil Dir, Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich.“ Verachten Tour-de-France-Fahrer den Tod?

          Vier Tote bei der Tour de France

          So viele sind nicht umgekommen in den bislang 99 Frankreich-Rundfahrten. Verschwindend wenige verglichen mit dem Sterben der Bahnradfahrer in den zwanziger und dreißiger Jahren. Bis zu sieben (1907) fuhren sich pro Jahr die Köpfe ein. Die Tour zählt offiziell bislang vier tote Radrennfahrer. Einer ist ertrunken am Ruhetag, zwei verunglückten. Der vierte ist der berühmteste: Tom Simpson, tot vom Rad gefallen 1967 bei der Auffahrt zum Gipfel des Mont Ventoux, einem Steinhaufen, in die Todeszone. In brütender Hitze nahm sich der Brite mit einem Mix von Willensstärke und Aufputschmitteln aus dem Lebensrennen. Er überlistete alle Schutzmechanismen seines Körpers. Simpson hat nie die Tour gewonnen, er wurde nur 29 Jahre alt und erscheint doch unsterblich.

          Der deutsche Radprofi Jens Voigt nach seinem Sturz in einer Abfahrt bei der Tour 2009, auf der 16. Etappe zwischen Martigny und Bourg Saint Maurice
          Der deutsche Radprofi Jens Voigt nach seinem Sturz in einer Abfahrt bei der Tour 2009, auf der 16. Etappe zwischen Martigny und Bourg Saint Maurice : Bild: REUTERS

          Die Tour steht für das Leben. Das sieht nicht so aus auf den vergilbten Fotos der Vorkriegszeit. Ausgemergelte Männer mit Fahrradreifen um den Oberkörper posieren auf ihren Drahteseln für ein Heldenfoto. Sie sehen aus, als kämen sie gerade von der Maloche aus irgendeinem Bergwerk. Das Radfahren hat ihnen gutgetan. Die Herren lebten angeblich zwanzig Jahre länger als der Schnitt der Zeitgenossen: die Tour als Lebensspender. Das war einmal. Eine Studie des französischen Magazins „Nouvel Observateur“ errechnete 1998 für 2363 europäische Tour-de-France-Fahrer seit 1947 eine - verglichen mit der Normalbevölkerung - fast dreimal höhere Sterblichkeitsrate. In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen lag sie gar fünfmal höher.

          Wo sind sie geblieben, die Helden mit den großen Herzen, die man vergöttert hat, denen Elogen geschrieben und Hymnen gesungen wurden bei der Einfahrt nach Paris, beim Triumphzug als Gesamtsieger, Berg- oder Sprintstar auf den Champs-Elysées?

          Jacques Anquetil, 53 Jahre, Krebs
          Gastone Nencini, 49, Krebs
          Louison Bobet, 58, Krebs
          Hugo Koblet, 49, angeblich Selbstmord
          Marco Pantani, 34, Überdosis Kokain
          Thierry Claveyrolat, 40, Selbstmord
          Laurent Fingon, 51, Krebs





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