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Alpe d’Huez : Das Woodstock des Radsports

Ein Fest des Radsports;: Fans am Berg Bild: AP

Die 21 Kehren hinauf nach Alpe d’Huez wecken bei Radsportfans Emotionen wie kein anderer Anstieg der Tour de France. Während die Profis heute die nächsten Berge in Angriff nehmen, schaut FAZ.NET noch einmal auf den mythisch verklärten Berg zurück.

          Der Berg hat schon am Morgen keine Ruhe mehr, das Leben erwacht früh zwischen Bourg d’Oisans und Alpe d’Huez. Lange bevor ein neues sportliches Kapitel geschrieben wird in Alpe d’Huez, mit dem Franzosen Christophe Riblon in der Rolle des glücklichen Siegers. Menschen auf Wanderschaft, Schritt um Schritt, Meter um Meter auf der steilen Straße, meistens mit leichtem Gepäck, Baguette inklusive. Vielleicht auf der Suche nach einem Plätzchen, wo man später die Tortur des Pelotons erleben kann, ganz nah auf der Route hinauf auf fast 1900 Meter Höhe.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Als Fußgänger findet sich immer noch eine freie Stelle, die breiteren Lücken am Wegesrand sind dagegen längst belegt, von Wohnmobilen, von Zelten, von einer Heerschar von Fans, die sich einige Tage vor dem Spektakel in Alpe d’Huez schon hier eingerichtet haben, die eine bunte, fiebernde Kulisse bilden für den Tross der Tour de France, die am Donnerstag ihre größte Show in diesem Juli inszeniert, gleichzeitig auch eine fragwürdige. Die das Feld der Radprofis auf einen mythisch verklärten Gipfel schickt, erstmals gleich zweimal sogar zu Ehren der 100. Tour, als ob es nicht schon Quälerei genug wäre, einmal die 21 Serpentinen zu bewältigen, die zwischen Bourg d’Oisans und dem Skiort Alpe d’Huez liegen. 13,8 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 8,1 Prozent.

          Ein langer, harter Kampf. Keine Strecke weckt mehr Emotionen bei der Tour, kaum eine ist geschichtsträchtiger und berüchtigter. Und dass sie diesmal noch ergänzt wird um weitere 21 Kurven und zwischendurch um die schwierige Abfahrt vom Col de Sarenne, macht aus dem Donnerstag einen besonders strapaziösen Tag für die Rennfahrer. Für Christopher Froome ist es trotz einer Schwächephase am Ende der nächste Schritt zum ersten Tour-Triumph, er distanziert seinen spanischen Rivalen Alberto Contador wieder - obwohl er wegen eines Regelverstoßes nachträglich 20 Sekunden Zeitstrafe erhielt. Froome, der auf den letzten Kilometern dringend eine zu diesem Rennzeitpunkt nicht mehr gestattete erbotene Zuckerzufuhr in Form eines Energieriegels brauchte, hat nun einen Vorsprung von 5:11 Minuten vor Contador und 5:32 Minuten vor dem Kolumbianer Nairo Quintana.

          Spuren von nächtlichen Gelagen

          Eine Region in Partylaune und im Ausnahmezustand: Nach offiziellen Angaben sind bis zu 1,5 Millionen Menschen wegen der Tour de France auf den Beinen. Eine Freiluftarena ohnegleichen. Wer etwas auf sich hält, erklimmt den Anstieg nicht zu Fuß, sondern - wie Froome und Co. - mit dem Rad. Massen von Hobbyfahrern wuchten an einem zeitweise regnerischen Tag in einer Art Selbsterfahrungstrip ihre Räder in Richtung Alpe d’Huez, auch das ist morgens noch möglich, Stunden vor der Ankunft der Profis. Manche Radler sausen auch schon wieder hinunter, mit hoher Geschwindigkeit, sie scheinen den Temporausch zu genießen, der beträchtliche Steuerkünste erfordert.

          Neben der Straße sind die Spuren von wahrscheinlich nächtlichen Gelagen zu entdecken, Bierflaschen in Hülle und Fülle, ein Prost auf die Tour. Orange ist die dominierende Farbe am Donnerstag, eindeutig, auf Plakaten stehen Anfeuerungsrufe für die niederländischen Profis: „Hup, Holland, Hup“. Die Holländer singen und tanzen, sie haben den Berg fest im Griff, ein wahres Oranje-Fest. Die Niederländer pflegen seit langem eine innige Beziehung zu Alpe-d’Huez. Sie haben acht Etappensiege von Rennfahrern ihres Landes dort gefeiert, allerdings liegt das schon eine ganze Weile zurück.

          Eine Kehre: Der Weg nach Alpe d’Huez ist kurvig Bilderstrecke

          Die Niederländer hatten in den siebziger und achtziger Jahren ihre ganz besonderen Alpe d’Huez-Erlebnisse, sie sind in den 21 Kehren dokumentiert, wo Schilder angebracht sind mit den Namen aller Profis, die jemals in Alpe d’Huez gewonnen haben. Ganz oben fast, in der allerletzten Kurve, wird an den Italiener Giuseppe Guerini erinnert, der 1999 als Erster in Alpe d’Huez angekommen war, obwohl er kurz vor dem Ziel nach einem Zusammenstoß mit einem fotografierenden Zuschauer gestürzt war. Auch Lance Armstrong ist noch präsent, obwohl es Diskussionen darüber gegeben hat, den texanischen Doper, der alle sieben Tour-Siege verloren hat, von den Ehrentafeln zu entfernen.

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