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Tour de France Warten auf den großen Knall

30.06.2006 ·  Womöglich noch vor dem Start der Tour de France wollen spanische Doping-Fahnder ihre spektakulären Enthüllungen veröffentlichen. Auch Jan Ullrich gerät immer mehr unter Druck. „Es droht ein Flächenbrand, der nicht mehr zu löschen ist“, orakelt Erik Zabel.

Von Rainer Seele, Straßburg
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Es sind ja warme Farben, ein helles Blau, ein Gelb, dazu eine Sonne als prägnantes Symbol. Der Anstrich, den sich Astana-Würth gegeben hat, scheint Harmonie zu vermitteln - und den Eindruck, als handelte sich dabei um ein freundliches Gesicht des Radsports. Mancher aber sieht inzwischen nur noch rot bei dem Rennstall, der früher Liberty-Seguros hieß, bis sich der Hauptsponsor zurückzog wegen der gravierenden Dopingverdächtigungen.

Bei der Tour de France soll Astana-Würth gar nicht erst starten; allerdings wehrt sich die Mannschaft gegen die Aufforderung der Tour-Organisatoren, freiwillig auf die Teilnahme zu verzichten. Der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne, den Astana-Würth angerufen hat, wird darüber an diesem Freitag entscheiden. Immerhin erschien das Team um den kasachischen Kapitän Alexander Winokurow am Donnerstag doch zur medizinischen Untersuchung im Musik- und Kongreßzentrum von Straßburg; ursprünglich sollte ihm die verwehrt bleiben.

Mit versteinerter Miene

Gegen zehn Uhr fuhren Winokurow und seine Mitstreiter vor, allerdings war die Equipe da bereits dezimiert. Der Ansbacher Jörg Jaksche mußte passen, wegen einer Magen-Darm-Infektion wird er bei der 93. Tour fehlen, die am Samstag in Straßburg mit einem 7,1 Kilometer langen Prolog beginnt. Auch Jaksche war ins Gerede gekommen: Sein Name soll in den Unterlagen auftauchen, die von der Guardia Civil bei der „Operation Puerto“ gefunden wurden, mit der die spanische Dopingaffäre aufgedeckt wurde. Der Franke beteuerte in Straßburg, mit der Angelegenheit nichts zu tun zu haben - und reiste wegen seiner gesundheitlichen Malaise umgehend wieder ab.

Winokurow stieg mit versteinerter Miene aus dem Bus von Astana-Würth. „Welche Dopinggeschichte?“ fragte er unlängst provokativ, als er auf die Vorkommnisse in Spanien angesprochen wurde. Winokurow hatte T-Mobile und den übermächtigen Schatten von Jan Ullrich verlassen, um anderswo als Anführer sein Glück zu machen bei der Tour - jetzt muß der angriffslustige Kasache damit rechnen, vor dem Rennen gestoppt zu werden. 15 Radprofis von Liberty-Seguros, hieß es aus Spanien, sollen in den Skandal um Eigenblutdoping verstrickt sein; die Tour möchte deswegen Astana-Würth nicht am Start sehen.

„Quelle scheint sicher zu sein

58 Rennfahrer insgesamt wollen die spanischen Ermittler enttarnt haben, und die Zeitung „El Pais“ schrieb nun, daß diese Sportler in einem angeblich 500 Seiten starken Bericht der Guardia Civil namentlich genannt würden. Papiere mit offenbar explosivem Inhalt: Nach Informationen eines spanischen Radiosenders gehören zu den darin erwähnten Profis Ullrich, sein großer Tour-Rivale Ivan Basso aus Italien, der von T-Mobile beschäftigte Spanier Oscar Sevilla, Francesco Mancebo, Juan-Antonio Flecha, Joseba Beloki (alle Spanien) sowie der Italiener Giovanni Lombardi. Auch die gegen sie vorliegenden Indizien seien darin aufgelistet. Die Dokumente sollen womöglich schon an diesem Freitag veröffentlicht werden.

Mithin überlagert das Warten auf den großen Knall, auf spektakuläre Enthüllungen mit möglicherweise drastischen Folgen für den Radsport die Tour de France.

„Die Quelle scheint sicher zu sein. Wir müssen jetzt überlegen, was unser nächster Schritt ist. Wie haben Jan und Oscar nochmal befragt. Beide bleiben bei ihren Aussagen, nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben“, sagte T-Mobile-Pressesprecher Christian Frommert. Aussagen der Tour-Leitung, wonach sich die Teamchefs auf einer Sitzung geeinig hätten, alle auf der Liste stehenden Fahrer von der Tour abzumelden, wollte T-Mobile-Teamleiter Rudy Pevenage nicht bestätigen: „Davon weiß ich nichts. Ich war auf keiner solchen Sitzung.“

Ullrich lächelte noch, als er am Donnerstag mittag den medizinischen Check hinter sich gebracht hatte. Bei ihm ist es anders als bei Winokurow und dessen Gefährten. Zu vage erscheinen den Tour-Veranstaltern die Andeutungen, daß auch der Deutsche etwas mit den Betrügereien zu tun haben könnte. „Ich beteuere noch einmal meine Unschuld“, hatte Ullrich gesagt, als er im Elsaß eintraf. Der Mann, der seinen zweiten Tour-Triumph anstrebt, möchte jetzt auch grundsätzlich nicht mehr zu den Spekulationen aus Spanien Stellung nehmen. „Den Rest“, behauptete der Rostocker, „werde ich mit Ergebnissen zeigen.“ Als könnten mit möglichen Siegen die Zweifel beseitigt werden.

„Keine Dopingmittel im Spiel“

Eine DNA-Analyse, die möglicherweise den Verdacht zerstreuen könnte, daß auch zwischen ihm und den in Madrid entdeckten präparierten Blutkonserven ein Zusammenhang besteht, schloß Ullrich zwar nicht aus. „Ich werde erst nach der Tour mit meinen Anwälten darüber sprechen.“ Nichts soll seine Konzentration auf die „Große Schleife“ beeinträchtigen. „Das bin ich meinem Team und meinen Fans schuldig“, sagte Ullrich, der in der jüngsten Diskussion auch gleich einen Bogen zum Jahr 1997 schlug, in dem er die Tour gewann. „Ich kann eindeutig sagen, daß keine Dopingmittel im Spiel waren.“

In der Branche herrscht wegen der Berichte aus Spanien und der möglichen Konsequenzen nicht nur Nervosität - auch tiefe Betroffenheit gehört zum Spektrum der Reaktionen. „Jeder, der an dieser Ungeheuerlichkeit beteiligt ist, muß aus dem Radsport entfernt werden“, forderte etwa Hans-Michael Holczer, Chef des Teams Gerolsteiner. Drastischer noch drückte sich Erik Zabel aus. „Es könnte ein Flächenbrand sein, der nicht mehr zu löschen ist“, orakelte der Sprinter in Diensten des Teams Milram.

Bisweilen scheint er, offensichtlich enttäuscht und ernüchtert, inzwischen sogar auf Distanz zu seinem Metier zu gehen. „Ab und zu schämt man sich“, sagte Zabel, „daß man diesen Sport betreibt.“ Eine Art Endzeitstimmung - trefflich dargestellt auch durch eine Skulptur vor dem Musik- und Kongreßzentrum in Straßburg: Es ist ein turmartiges Gebilde, bestehend aus Fahrradteilen. Keine Glanzstücke, im Gegenteil: Sie sind verbeult und verrostet.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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