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Tour de France Vom Boss gemobbt

15.07.2005 ·  Der Chef des Rennstalls Quick Step ist beleidigt, weil Patrick Sinkewitz zu T-Mobile wechselt. Der 24jährige Debütant gilt als eines der größten deutschen Radsporttalente. Momentan erlebt der Hesse die bislang schwierigste Zeit seiner noch jungen Karriere.

Von Hartmut Scherzer, Briancon
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Einer fehlt noch am Neunertisch. Erst eine halbe Stunde nach den anderen acht Fahrern vom Team Quick Step erscheint Patrik Sinkewitz zum Abendessen im Klubhotel "MMV le Grand Aigle". Der Platz gegenüber Tom Boonen ist noch frei. Da sitzen sich nun zwei sehr nachdenkliche Radprofis gegenüber. Boonen, zweimaliger Etappensieger und Träger des Grünen Trikots, ist sonst ein fröhlicher Geselle. Aber der belgische Beau war schwer gestürzt und humpelte in den Eßsaal. Das rechte Knie ist derart lädiert, daß er anderntags nicht mehr beim Start zur zwölften Etappe antreten wird.

Sinkewitz' Bedrücktheit hat andere, ungewöhnliche Gründe. Der Hesse aus der Rhön leidet unter dem Mobbing seines Chefs Patrick Lefevere. Der Mann ist ein härterer Brocken als der Galibier. Doch die Verspätung, beteuert Sinkewitz treuherzig, habe nichts mit der Mißachtung zu tun. Er sei nicht, wie man vermuten könnte, zur Strafe stets der letzte bei der Massage. "Mit den Fahrern und dem Personal habe ich keinerlei Probleme." Aber mit dem Boss (Siehe auch: Tour 2005: Etappen, Ergebnisse, Live-Ticker).

„Ich hätte es lieber harmonisch“

Seit dem Vortag des Tourstarts spricht der belgische Patron nicht mehr mit seinem deutschen Angestellten, hätte ihn am liebsten sofort wieder nach Hause geschickt, wenn er denn einen Ersatzmann zur Verfügung gehabt hätte. "Wenn man so ein Problem schon vor der Tour im Kopf hat, kann es mit der Form nichts werden", klagt der 24jährige Debütant. "Ich hätte es lieber harmonisch." Kurz habe er daran gedacht, heimzufahren. "Aber das ist genau das, was Lefevere will." Er will ihn nicht mehr sehen. Sinkewitz ist Klettermaxe, und wenn er auf den ersten beiden Alpenetappen abgehängt wurde, hat das auch mit "dieser Kopfsache" zu tun. "Wenn man die Tour schon mit dieser psychischen Belastung anfängt, ist das wahrlich nicht ideal. Ich fahre nicht auf meinem Topniveau. Ich bin eben leider ein Typ, der sich diese Dinge zu Herzen nimmt, obwohl es mir eigentlich egal sein könnte."

Patrick Lefevere, ein graumelierter Herr, Typ Staranwalt in Hollywood-Gerichtssälen, ist beleidigt, weil das große Talent ihn, seinen Förderer, verläßt und 2006 zu T-Mobile wechselt. Lefevere behauptet, Sinkewitz habe ihm zugesagt, sein Angebot anzunehmen und den Vertrag nach drei Jahren zu verlängern. "Das ist einfach nicht wahr", empört sich die neue T-Mobile-Hoffnung. Nie habe er seinem bisherigen Mentor sein Wort gegeben.

„Ich kann Lefeveres Frust verstehen“

Nur in einem Punkt kann er Lefeveres Zorn nachvollziehen. "Ich wollte ihm persönlich als erstem meine Entscheidung mitteilen. Doch da stand es bereits in L'Equipe. Ich weiß nicht, woher die die Information haben." Dumm gelaufen. "Ich habe versucht, ihm die Sache zu erklären. Aber er hat kein Interesse, mit mir zu reden. Ich finde das albern." Sinkewitz wundert sich, daß er sich überhaupt mit dieser Geschichte herumärgern muß. Schließlich habe er einen Manager, den er dafür bezahlt, den Transfer ordnungsgemäß zu regeln. Manager ist der einstige Schweizer Radstar Toni Rominger. "Ich kann Lefeveres Frust verstehen, denn wer verliert schon gern einen so hoffnungsvollen Fahrer", sagt der Manager. "Aber für die Art und Weise, wie sich Lefevere verhält, habe ich kein Verständnis." Es habe keine "definitive Zusage" gegeben. "Aber", räumt Rominger ein, "wir standen kurz vor dem Abschluß." Da meldete sich T-Mobile-Manager Olaf Ludwig, der schon Sinkewitz' Kumpel Michael Rogers verpflichtet hatte.

"Ich schlage mich so durch", sagt Sinkewitz trotzig. Mit den Besten könne er ohnehin nicht mithalten. "Ob ich nun eine Viertelstunde oder dreißig Minuten verliere, ist egal. Beides ist Mist." Er könne sich ja sagen: "Ich habe einen Vertrag für drei Jahre bei T-Mobile. Was will ich mehr? Mir könnte alles andere egal sein." Aber Sinkewitz sagt auch, er sei eben ein Profi, der bis zuletzt sich "hundertprozentig" für die Mannschaft einsetze, deren Trikot er trage. Wenn man ihn denn läßt. Der Radprofi aus Künzell bei Fulda muß befürchten, daß ihn Lefevere zur Strafe nach der Tour nicht mehr zu Rennen einsetzt. Auch nicht zur Deutschland-Tour. "Aber das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, schließlich geht es auch um Werbung für den Sponsor." Sinkewitz hatte letztes Jahr die Deutschland-Rundfahrt gewonnen.

Bis Paris durchkommen, Tour-Erfahrung sammeln und sich Fluchtgruppen in den mittelschweren Bergetappen anschließen - diese Ambitionen hat er sich bewahrt. Dann ist Lefevere Vergangenheit und Ludwig die Zukunft.

Quelle: F.A.Z., 15.07.2005, Nr. 162 / Seite 66
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