20.07.2006 · Andreas Klöden überlegte, die Teilnahme an der Tour abzusagen, jetzt ist er auf dem Weg zum Podium in Paris. Die Jan-Ullrich-Rolle nahm er früher als erwartet an, doch seine Solidarität mit dem ehemaligen Mannschaftskapitän bleibt ungebrochen.
Von Rainer Seele, La ToussuireEr ist ja auch so etwas wie ein Schmerzensmann, immer wieder ist Andreas Klöden aus der Bahn geworfen worden durch eine körperliche Malaise. Im vergangenen Jahr war das beispielsweise so bei der Tour de France, als er wegen eines Handgelenkbruchs aufgeben mußte. Diesmal ereilte ihn das Malheur im März, Klöden stürzte im Training schwer und zog sich eine Schultereckgelenksprengung zu.
Operation, mehrwöchige Pause und das Bangen, ob er rechtzeitig zur 93. Tour wieder in Form kommen würde. Das hat der Cottbuser geschafft. Und mehr noch: Er ist sogar in der Lage, mit den Besten mitzuhalten - und vielleicht sogar einen Platz auf dem Podium in Paris zu ergattern. Der Mittwoch, als Klöden in La Toussuire Etappenfünfter wurde, brachte ihn diesem Ziel ein gehöriges Stück näher; Klöden ist vorläufig Tour-Dritter.
Wichtigster Helfer seines Kapitäns Jan Ullrich
Neulich erst hatte er wieder darauf hingewiesen, „aus welcher Situation ich komme“ - fast ein Jahr lang hatte Klöden vor dieser „Großen Schleife“ keine schweren Rennen mehr bestritten. Erst bei der Bayern-Rundfahrt im Mai hatte Klöden nach seiner jüngsten Verletzung sein Comeback gegeben. Wenn er damals an seinem Lenker zog, tat ihm das noch weh. Wenigstens konnte ihm sein Team die Trikottaschen tiefer setzen lassen, das erleichtert Klöden den Griff nach Trinkflaschen oder anderer Verpflegung.
Aus seinem Auftritt bei der Tour de Suisse nach dem bayerischen Intermezzo zog er jedoch die Zuversicht, daß er seine Aufgabe bei der Tour de France würde erfüllen können - er sollte einer der wichtigsten Helfer seines Kapitäns und Freundes Jan Ullrich sein. Er hatte sich ja, obwohl er 2004 schon einmal Tour-Zweiter war, immer wohl gefühlt in dieser Position, in der zweiten Reihe; Klöden war ein loyaler Gefährte. Seine Zeit als Anführer eines Teams sollte erst später kommen, vielleicht 2007, Klöden hatte dies stets hervorgehoben. Nun ist er, wegen des Ausschlusses von Ullrich, doch früher als gedacht in diese Rolle geschlüpft. „Ich bin bereit, sie zu übernehmen“, sagte Klöden, auch wenn er offensichtlich zunächst damit Schwierigkeiten hatte.
Hält Ullrich unverbrüchlich die Treue
Die Suspendierung von Ullrich, dem er unverbrüchlich die Treue hält, hatte ihn schwer getroffen. Klöden hatte damals sogar daran gedacht, auch das Mannschaftshotel, die Tour zu verlassen, „weil ich den Eindruck hatte, daß alles einstürzt“. Er läßt ja immer noch nichts auf Ullrich kommen, trotz des schweren Dopingverdachts, der auf dem Rostocker lastet. Klöden steht ständig in Kontakt mit Ullrich, auch während der Tour de France, er läßt sich Ratschläge von dem Kompagnon geben, und er betont, daß sich seine Einstellung zu Ullrich niemals ändern werde. Thomas Schediwie sagt, daß er dies zwar registriere, ansonsten hält er sich bei diesem Thema zurück. Er will Klöden in dieser Angelegenheit nicht beeinflussen, obwohl er dem 31 Jahre alten Rennfahrer sehr nahesteht: Schediwie ist der Trainer von Klöden, und er erfährt in diesen Tagen, da häufig über die Betreuung von Profis diskutiert wird, besondere Aufmerksamkeit.
Schediwie ist Diplom-Sportlehrer und Trainingswissenschaftler, kein „Medizinertrainer“, wie er betont. Schediwie will sich damit klar abgrenzen von Männern wie den Italienern Michele Ferrari oder Luigi Cecchini, die als umstrittene Experten mit Fahrern wie Patrik Sinkewitz, Michael Rogers oder Ullrich zusammenarbeiteten. Weil T-Mobile diese Kooperationen nun unterbinden will, glaubt Schediwie, künftig andere Perspektiven zu besitzen; das soll heißen, daß seine Zunft größere Wertschätzung als bisher erfahren wird. Schon jetzt spüre er, sagt Schediwie, daß er und sein Wirken stärker wahrgenommen werde, „das ist ein angenehmes Gefühl“. Er versteht sich als reiner Praktiker. Kokett sagt der Coach, daß seine Methoden altmodisch seien. Einen Tour-Sieger, sagt Schediwie, könne man nicht vom Schreibtisch aus entwickeln.
Trainer Schediwie traut Klöden alles zu
Seit 2003 trainiert er Klöden, bis 2005 war Schediwie auch Teil des Teams von T-Mobile; er wurde von den Bonnern auf Honorarbasis bezahlt. Das hat sich mit dem Wechsel von Walter Godefroot zu Olaf Ludwig in der Teamleitung geändert. Ludwig wollte den Rennfahrern mehr Pflichten übertragen, und so muß Klöden seinen Coach nun selbst finanzieren. Die Investition dürfte sich allemal lohnen. Schediwie hat seinen Partner vorangebracht - und er selbst genießt diese Herausforderung, da Klöden ein „furchtbar mitdenkender Sportler“ sei, ein Profi mit höchsten Ansprüchen. Sie begegneten sich, sagt Schediwie, auf Augenhöhe.
Er ist ja nun auch ein bißchen überrascht, wie überzeugend sich Klöden nach seinen gesundheitlichen Problemen bei der Tour präsentiert, er zollt ihm Anerkennung dafür, daß der Profi sich der neuen Verantwortung in seinem Rennstall stellt. Vor zwei Jahren hätte er sich eine so selbstbewußte Haltung Klödens noch nicht vorstellen können. Er rechne nicht damit, sagt Schediwie auch, daß Klöden noch einen Einbruch erlebe bei der Tour. Die Etappe am Mittwoch, als Klöden im Gegensatz zu dem Amerikaner Floyd Landis keine Schwäche offenbarte, hat ihn mehr als bestätigt: „Jetzt traue ich Andreas alles zu.“ Neulich erzählte Klöden von den Veränderungen bei der Frankreich-Rundfahrt im Jahr eins nach Lance Armstrong, vom Fehlen eines dominierenden Teams. „Die Tour ist irgendwie anders“, sagte Klöden. Auf ihn selbst trifft das 2006 auch zu.