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THW Kiels Trainer Gislason Der Unersättliche

 ·  Handball, immer nur Handball: Der Kieler Trainer Gislason gibt sich nach dem vorzeitigen Meistertitel als Griesgram. Seine Spieler sollen noch mehr Trophäen holen.

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© dpa Gefühlsausbruch: Im Laufe des Abends hat Alfred Gislason doch noch gelacht (Foto: Während des Champions-League-Spiels gegen Zagreb am 29. April)

Im Laufe des Abends ist er doch noch ein bisschen lockerer geworden und hat ein paar Mal laut gelacht. Vor allem eine Frage schien Alfred Gislason gut zu gefallen - was denn geschehen müsse, damit er mal vor Freude durch die Halle tanze? „Also zuerst mal müsste ich allein in der Halle sein“, sagte Gislason grinsend.

Fünfzehn Minuten vorher saß der Kieler Meistertrainer noch auf dem Podium und wirkte wie einer, der zum Lachen in den Keller geht. Das Parkett der Ostseehalle hatte er nach einer Bierdusche durch Rückraumspieler Filip Jicha gleich nach dem Abpfiff stocksteif verlassen. Sollten die anderen doch jubeln, im Konfetti waten, mit Champagner spritzen.

Gislason sagte: „Ich will gar nicht feiern. Wenn wir anfangen zu feiern, werden wir mit Sicherheit verlieren.“ Der Trainer des THW Kiel spielte die Rolle des Griesgrams am Dienstag kurz nach 22 Uhr perfekt.

Gerade hatte seine Mannschaft den Meistertitel durch ein 32:27 gegen den SC Magdeburg zurück an die Förde geholt und ein paar Rekorde aufgestellt - so früh wie nie Meister, bislang ohne Minuspunkt -, doch der 52 Jahre alte Isländer dachte nur an das kommende Wochenende und an Ende Mai: Dann will der THW Kiel auch im nationalen Pokal und in der Champions League triumphieren.

Gislason trainiert Musterprofis

Von der Übungseinheit am Mittwoch um zehn Uhr wich Gislason deshalb auch keinen Millimeter ab: „Ich werde im Training schon sehen, wer wie gefeiert hat.“ Er wirkte, als käme ihm die 17. deutsche Meisterschaft des THW Kiel richtig ungelegen.

Gislason muss die Zügel gar nicht anziehen. Er trainiert ja eine Gruppe Musterprofis. Aber seit dem vergangenen Jahr gibt es das Negativbeispiel schlechthin: Nach der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte vergnügte sich der HSV Hamburg drei Tage auf Mallorca, verlor die Form und schied anschließend im Halbfinale der Champions League nach schwacher Leistung aus.

Einen ähnlichen Spannungsabfall will Gislason unbedingt vermeiden, denn für den THW ist diese Saison nur gelungen, wenn sich zur erwarteten Meisterschaft zwei weitere Titel gesellen. So sind sie in Kiel. So ist Gislason.

Sechs Stunden Videostudium am Tag

„Alfred ist unser Leitwolf“, sagte Jicha, „aber wir machen es ihm auch leicht: Wir sind in jedem Training motiviert.“ Gislason gab das Lob zurück: „Sie machen es mir leicht, weil sie mitdenken. Ich erkläre den Jungs, warum sie Sachen machen sollen. Wenn sie etwas anders meinen, reden wir drüber. Ich bin selbstbewusst genug, mir ihre Meinung anzuhören.“

Es ist auch Gislasons Streben nach Perfektion, das den THW so stark macht. „Ich bin von Berufs wegen unzufrieden“, sagt er, „ich schaue nicht auf das Ergebnis. Ich schaue nur: Wer macht was falsch?“ Sechs Stunden Videostudium am Tag sind für ihn ganz normal. Ihn treibt ein unbändiger Ehrgeiz an. „Ich glaube, der ist angeboren“, sagt der studierte Historiker aus Akureyri im Norden Islands.

Gepaart mit dem ungestillten Erfolgshunger des Teams wächst daraus die Überlegenheit des THW Kiel in diesem Jahr. Schon 2002 holte Gislason mit dem SC Magdeburg die Champions League; seit er den THW 2009 von Zvonimir Serdarusic übernahm (und der THW Kiel 750.000 Euro Ablöse nach Gummersbach überwies), sind fünf der neun möglichen Titel in den drei relevanten Wettbewerben hinzugekommen.

Umzug in die City

Gislason könnte als König von Kiel residieren, ist dafür aber viel zu normal geblieben. Gerade ist er mit seiner Frau Kara und zweien der drei Kinder aus dem beschaulichen Rammsee bei Kiel direkt in die City gezogen; mit dem Rad braucht er fünf Minuten zur Ostseehalle. „Ich kannte Kiel ja gar nicht“, sagt er. Berührungsängste in dieser handballbesessenen Stadt kennt Gislason nicht. Er sagt: „In Kiel ist der THW die Hauptfigur. Da kann ich mich als Trainer nicht verstecken.“

Zum Erfolg der Gegenwart gehört auch die aus THW-Sicht enttäuschende Saison 2010/2011, als nur der deutsche Pokal heraussprang. Da erlebte Gislason das Dilemma, das der HSV gerade durchmacht: „Unser Verletzungspech vom letzten Jahr hat der HSV jetzt. Ich habe da überhaupt keine Schadenfreude. Du hast nur eine Chance in allen Wettbewerben, wenn du von Verletzungen verschont bleibst.“

Rosen, Geschichtsbücher, zwei Wochen Island

Der THW hat dieses Glück und kann sich schon die ganze Saison leisten, munter durchzuwechseln. Am Dienstag ließ Gislason zeitweise fünf Stammspieler draußen. Bei aller Hingabe zum Handball sehnt der Naturliebhaber den 2. Juni herbei. Gleich nach dem letzten Bundesligaspiel wird er wieder in seinen ehemaligen Bauernhof bei Wendleben nahe Magdeburg ziehen. Rosen züchten, Geschichtsbücher lesen, dann noch zwei Wochen in die isländische Heimat - und für ihn kann die Saison 2012/2013 beginnen.

Gislason wäre nicht Gislason, hätte er sich über das Kommende noch keine Gedanken gemacht: „Wenn ich an die nächste Saisonvorbereitung denke, kriege ich Migräne“, sagt er. Wegen der Olympischen Spiele bekommt er einige seiner Spieler erst eine Woche vor Saisonbeginn Ende August zurück.

Gislasons Albtraum, denn der Grund dafür, dass der THW so viele Spiele in den letzten zehn Minuten dreht, sind seine anstrengenden Sommertrainingslager. Gislason sagt: „Wir fahren nie Ski oder spielen Golf. Wir trainieren immer.“ Das mag nicht jedem Kieler gefallen. Aber es zahlt sich aus.

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