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Tennis "Sandkastenspiele" der ATP

Boris Becker und seine Partner haben die Option für die Werberechte am Hamburger Tennisturnier 2004 verstreichen lassen. Nun verhandeln sie weiter mit dem Deutschen Tennis Bund, während die Spielervereinigung ATP schon mit Madrid als Spielort liebäugelt.

© AP Vergrößern Vorteil Becker? Neue Verhandlungen als Vermarkter

Vor ein paar Jahren wäre dieser Satz so undenkbar gewesen wie die Meldung, daß Bayern München aus der Fußball-Bundesliga abgestiegen sei: Mit Tennis ist in Deutschland kein Geschäft zu machen.

Mittlerweile aber steht diese These felsenfest, und für Dirk Hordorff, den Trainer des Australian-Open-Finalisten Rainer Schüttler, liegt der Grund auf der Hand. "Alles was der sportinteressierte Zuschauer über Tennis zu hören oder zu lesen bekommt, sind erst einmal schlechte Nachrichten."

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Becker verzichtet

Davon gab es am Wochenende wieder ein hübsches Paket. Erst schaltete sich das ZDF am Samstag aus der Live-Übertragung des Halbfinales in Halle ab - trotz ordentlicher Quote dank deutscher Beteiligung - und sendete statt Nicolas Kiefer Bravo-TV. Dann sickerte durch, daß Boris Becker mit seinen Partnern die Option auf die Werberechte für das Hamburger Masters-Turnier im kommenden Jahr nicht gezogen habe.

Schließlich machte noch ein geheimes Papier der Internationalen Spieler-Vereinigung (ATP) die Runde, in der Hamburg als Veranstaltungsort für das Turnierjahr 2005 nicht mehr vorkommt und der Termin statt dessen an Madrid und den früheren Becker-Manager Ion Tiriac gewandert ist. Und, um die negativen Meldungen abzurunden, soll die ATP auch noch dreißig Prozent mehr Preisgeld bei den Grand-Slam-Turnieren fordern und schon mit einem Boykott drohen.

Neue Verhandlungen

„So kann man ein Produkt auch kaputt machen", sagte Georg von Waldenfels. Der Präsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB) meint dabei weniger die bunte Mischung an negativen Neuigkeiten, sondern vor allem das Ausblenden von Kiefers erfolgreichem Halbfinale in Halle. Schließlich wird von den Fernsehsendern als Grund für das nachlassende Interesse in erster Linie das schwache Abschneiden deutscher Spieler genannt.

Für weniger aufsehenerregend hält der DTB-Chef die Tatsache, daß mit der Becker-Gruppe über das Turnier der Masters-Serie neu verhandelt wird. Es sei völlig normal, daß beide Seiten über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen reden müßten. Und egal, wie diese Gespräche ausgehen würden, sei eines gewiß: "Das Masters in Hamburg wird auch im nächsten Jahr stattfinden."

„No Paper“ der ATP

Im nächsten schon, aber für 2005 gibt es nicht erst seit der Indiskretion über das ach so geheime Papier der ATP einige Bedenken. Zwar ist der überaus wendige ATP-Präsident Mark Miles sogleich zurückgerudert und hat den provisorischen Turnierkalender zum "no paper" erklärt, aber daß Miles in Zukunft "Mini-Grand-Slams" fest im Turnierkalender installieren möchte, ist längst autorisiert. Wo solche Veranstaltungen mit Damen und Herren, angelehnt am wirtschaftlichen Erfolg der vier Grand-Slam-Turniere an Stelle eines Masters-Turniers, stattfinden sollen, hängt dabei vom jeweiligen Aufenthaltsort von Mark Miles ab. In Rom hält er Rom für ideal, in Hamburg natürlich den Rothenbaum, und als Druckmittel ist immer Madrid im Spiel. "Mit Tiriac geht ja sowieso alles", sagt von Waldenfels ironisch und hält alles für "Sandkastenspiele".

Guter Vergleich, denn auf Sand gebaut ist auch die Vorstellung der ATP (und ihrer Kollegen von der WTA), welches Preisgeld die Turniere aufbringen müßten. Weil darüber alle und nicht nur die deutschen Turnierveranstalter stöhnen, soll nun offenbar die einzige Kuh gemolken werden, die noch reichlich Milch gibt. Allerdings gab es zuletzt bei den French Open bei den Herren auch so schon 11600 Euro (Damen 10500) für den Verlierer der ersten Runde. Dreißig Prozent mehr Preisgeld weisen die Vertreter der Grand-Slam-Turniere als "nicht akzeptabel" zurück, was etwas vornehmer klingt als die Bezeichnung für Mark Miles: "Totengräber des Tennis". Möglicherweise ist er aber nur einer davon - es schaufeln ziemlich viele mit.

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