Als die Nachricht von seinem Rücktritt die Runde machte, stellten viele die verwunderte Frage: „Ach, der hat noch gespielt?“ Nein, ist die Antwort, gespielt hat er schon seit Mitte Januar nicht mehr. Die Karriere von Rainer Schüttler ist still und leise zu Ende gegangen, mit einem Abschied zu Beginn des Jahres in der dritten Qualifikationsrunde in Doha, wo er einst sein erstes Turnier als Profi-Tennisspieler gewonnen hatte. Auch in Melbourne sagte Schüttler kurz danach noch „good-bye“ - dort hatte er mit dem Erreichen des Finales der Australian Open 2003 seinen größten Erfolg errungen.
Warum er sich das immer noch antue, wurde der mittlerweile 36 Jahre alte Korbacher in den vergangenen Jahren häufiger gefragt. Weil es immer noch Spaß mache, war die verblüffend einfache Antwort. Und weil er eben immer noch Freude daran hatte, zu trainieren und sich mit viel jüngeren Gegnern zu messen, machte der langsame Abstieg in der Weltrangliste dem Hessen auch viel weniger aus, als man glauben mochte.
Einst die Nummer fünf der Welt
Schließlich war er einst die Nummer fünf der Welt (2003) und erreichte das Halbfinale des Saisonabschlussturnieres. Das hätte er sogar gewinnen können, wenn er sich in jenem Spiel nach gewonnenem ersten Satz gegen Andre Agassi nicht so über einen verlorenen Punkt - der Schläger war ihm aus der Hand geglitten - geärgert hätte: Anschließend verlor er seine Linie völlig.
Schüttler war immer hart zu sich selbst - nicht nur im Training, sondern auch auf dem Platz, wo er sich unflätig beschimpfte, wenn die Dinge nicht so liefen, wie er sie sich gewünscht hätte. So wenig Vorbild er in solchen Momenten auf dem Platz auch war -, seine Laufbahn dient als leuchtendes Beispiel, wie weit es einer bringen kann, der extrem an sich arbeitet. Schüttler galt lange als einer der fittesten Spieler überhaupt auf der Profitour. Sein Trainingsfleiß hat manchen Partner überfordert.
Jedem Abschied aber wohnt auch ein Anfang inne, und das gilt in diesem Fall gleich doppelt. Für Schüttler war es mit 36 Jahren Zeit, die Karriere zu beenden, für den World Team Cup in Düsseldorf kam nach 35 Jahren das Aus. Dieser Mannschaftswettbewerb war lange Zeit ein Aushängeschild im deutschen Tennis, alle Stars fanden den Weg in den Rochusclub, der so über die deutschen Grenzen hinaus zu einiger Berühmtheit gelangte. Aber der Zahn der Zeit nagte an diesem Wettbewerb, auch weil sich die Stars unmittelbar vor den French Open mittlerweile lieber in aller Abgeschiedenheit auf das Turnier in Paris vorbereiteten.
Mit dem nachlassenden Interesse an Tennis in Deutschland begann der schleichende Niedergang des World Team Cup. Dass Schüttler nun gemeinsam mit Ion Tiriac, dem einstigen Manager von Boris Becker, zu je 50 Prozent die Lizenz übernommen hat und die beiden zum gleichen Termin im Mai ein Profiturnier der 250 Punkte-Kategorie (wie in Halle und München) veranstalten, ist die gute Nachricht. Schüttler bleibt dem Tennis erhalten, und mit Tiriac an der Seite sind alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche zweite Karriere gegeben.