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Tennis Keine Atempause für den Goldjungen

 ·  Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Für Andy Murray geht der Tenniszirkus in Kanada gleich schon wieder weiter. Wenigstens einen Tag Pause konnte der Olympiasieger raus schlagen.

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© AFP Andy Murray: Keine Zeit zum Feiern

Ausgiebiges Feiern nach Gold und Silber? Ist ausgefallen. Eine Tour durchs olympische Dorf, um sich mit anderen erfolgreichen Athleten auszutauschen? Pustekuchen. Besuche in Fernsehstudios, um sich als ersten britischen Tennis-Olympiasieger seit 1908 interviewen zu lassen? Von wegen. Auch heim nach Schottland reisen, um mal eben die Beine hochzulegen und im Kreise seiner Familie den „größten Sieg meines Lebens“ zu genießen, war ein Ding der Unmöglichkeit für Andy Murray. Der Tennisprofi jettet zu seinem nächsten Job. Rein ins Flugzeug, abheben in Richtung Kanada, wo in dieser Woche ein Turnier der Masters-Serie auf dem Plan steht.

Eigentlich hätte Murray gleich am Tag nach seinem Gold-Coup von Wimbledon die Reise antreten und an diesem Dienstag in Toronto wieder auf dem Platz stehen sollen. Doch er konnte zumindest einen Tag Pause herausschlagen, ehe er den Abflug machen muss. „Das ist nicht gerade ideal, aber Tennis hat seine Regeln“, sagte der zweifache Medaillengewinner vom Sonntag. Dazu gehört, dass Spitzenkräfte der Branche eine bestimmte Zahl an Masters-Turnieren vorweisen müssen: „Ob ich aber wirklich spiele, wird davon abhängen, wie mein Körper sich fühlt.“ Keine Atempause, Geschichte wird gemacht.

Andy Murray, der im olympischen Einzelfinale Gold holte und anschließend seinen Mixed-Auftritt mit Laura Robson versilberte, konnte zwar kurz auskosten, dass er vier Wochen nach seinem verlorenen Wimbledon-Finale doch noch zum britischen Sporthelden taugte. Doch im Gegensatz zu ihm schenkte sich eine Reihe anderer Tennisprofis, darunter Murrays Finalgegner Roger Federer, die Reise nach Kanada. Erschöpft von der kurzen, intensiven Rasensaison mit zwei Höhepunkten in Wimbledon innerhalb kürzester Zeit regenerieren sie lieber, um Ende des Monats leidlich ausgeruht bei den US Open aufschlagen zu können.

„Ich muss in den nächsten zwei Wochen aufpassen, mich nicht zu überfordern“, sagte Murray nach seinem erstaunlich eindeutigen 6:2, 6:1 und 6:4-Finalerfolg über den Weltranglistenersten Federer: „Es liegen schon einige lange Monate hinter mir.“ Andy Murray wird vielleicht nicht in bester körperlicher Verfassung in New York ankommen, dafür aber mit einem Selbstbewusstsein, das ihm in den vergangenen Jahren noch abging. Dass er - nach vier vergeblichen Anläufen in Grand-Slam-Finals - endlich einmal ein großes Endspiel gewinnen konnte, habe ihn in die Lage versetzt, „mehr an mich zu glauben als in der Vergangenheit“.

Er liebt den Hardcourt, warum sollte er nicht auch demnächst in New York siegen, nachdem er in Wimbledon mit vier Wochen Verzögerung Champion geworden ist? Tim Henman, der einst jahrelang die britischen Tennishoffnungen enttäuschte, sieht den Schotten endgültig angekommen im Kreis der großen vier um Federer, Nadal und Djokovic. „Das war ein großer Schritt in seiner Karriere“, sagte der frühere Tennisprofi, der in Wimbledon selbst nie über das Halbfinale hinauskam.

Inspiriert von „Team GB“

Die meisten Athleten brauchen vier Jahre, um sich auf einen Olympiasieg vorzubereiten. Murray benötigte nur vier Wochen, um sich von einer Spitzenkraft zu einem Siegertypen der Sommerspiele zu wandeln. Die Viersatz-Niederlage in Wimbledon hatte ihn tief getroffen, selbst in der Stunde seines olympischen Triumphs rief er sie sich und aller Welt ständig in Erinnerung. Aber Murray hat aus der Niederlage die richtigen Schlüsse gezogen. Einen Halbfinalsieg gegen Djokovic im Rücken, wusste er auch, wie dem ausgelaugten Federer diesmal beizukommen war. Der olympische Ausnahmezustand tat ein Übriges: Bei dem alljährlichen Wimbledonturnier sind alle britischen Blicke auf ihn gerichtet; bei den Sommerspielen beflügelte ihn die geteilte Aufmerksamkeit.

Murray staunte über die Erfolge anderer Athleten aus dem „Team GB“, vor allem Mo Farahs Goldlauf am vergangenen Samstag hat ihn inspiriert. Obwohl 12.000 Zuschauer auf dem Centre Court ihn lautstark daran erinnerten, was das ganze Königreich von ihm erwartete, ließ sich Murray nicht einschüchtern wie vier Wochen zuvor, als er als erster Brite nach 74 Jahren wieder im Endspiel der All England Championships stand. „Ich habe mich überraschend ruhig gefühlt.“

Federer, „emotional erschöpft“, bekam diese Gelassenheit zu spüren, so dass er in seinem ersten olympischen Einzelfinale auf verlorenem Posten stand. Mit seiner Silbermedaille gab sich der Schweizer, der an diesem Mittwoch seinen 31. Geburtstag feiert, letztlich ebenso zufrieden wie mit Murrays famoser Darbietung. „Ich war glücklich zu sehen, dass er nach dem Wimbledon-Finale nicht in ein Loch gefallen ist“, sagte der Schweizer, „so reagieren nur Champions.“

Murray überlebte als Kind einen Amoklauf

Nur in einem kurzen Moment hatte Andy Murray nicht alles im Griff. Nachdem er hinauf zu seiner Box geklettert war, um Glückwünsche entgegenzunehmen, blickte er verdutzt auf einen Jungen, der ihn umarmen wollte. „Weil er in Rogers Ecke saß, dachte ich, er wäre aus seinem Umfeld.“

Der Kleine war ungefähr in jenem Alter, in dem Murray selbst eine traumatische Erfahrung verarbeiten musste. 1996 musste der Schotte in seiner Grundschule von Dunblane hautnah miterleben, wie ein Amokläufer 16 Erstklässler, ihre Lehrerin und dann sich selbst erschoss. Murray gehörte zu den Überlebenden. Sein Weg zum olympischen Champion war weitaus tragischer als sämtliche Finalniederlagen zusammen.

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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