12.01.2001 · 135 m tief mit nur einem einzigen Atemzug. Beim freien Tieftauchen ohne Sauerstoff geht es darum, so tief wie möglichst in begrenzter kurzer Zeit abzutauchen.
Von Carmen MarkowskyDer reine Nervenkitzel. 135 Meter tief mit nur einem einzigen Atemzug, das ist der aktuelle Rekord des Italieners Gianluca Genoni im Tieftauchen ohne Sauerstoff. Diese Art zu Tauchen wird auch "Apnoetauchen" genannt, da man ohne Sauerstoff-Nachschub auskommen muß. Der Taucher springt ins Wasser, meist von einem Boot oder von einer Plattform aus. Er hält sich an einem Gewichte-Schlitten fest, der mit dem Taucher in die Tiefe schnellt, sobald man die Verankerung löst. Mit Hilfe eines Ballons als Auftrieb gelangt der Taucher schnell genug wieder zurück an die Oberfläche.
Diese Art zu Tauchen ist mit Sicherheit eine Grenzerfahrung, ein ungewöhnlicher Sport, der mit dem eher gemütlichen Gerätetauchen nicht viel zu tun hat. Beim Gerätetauchen geht es darum, die Schönheit der Unterwasserwelt in seiner Vielfalt und Farbenpracht zu bewundern, oder vergangene Zeiten in einem Wrack zu erkunden und die absolute Ruhe und den Frieden möglichst lange (meist eine halbe bis dreiviertel Stunde) zu genießen. Beim freien Tieftauchen ohne Sauerstoff geht es darum, so tief wie möglichst in begrenzter kurzer Zeit abzutauchen.
Gefahr: Atemstillstand
Das ist nicht ungefährlich. Wer das tut, bringt sich freiwillig in Lebensgefahr. Er riskiert, unter höllischen Schmerzen ein geplatztes Trommelfell zu erleiden. Er riskiert, durch den Atemstillstand in 50 oder 100 Meter Tiefe bewußtlos zu werden. Was ist dran am Extremsport Tieftauchen ohne Sauerstoff?
Mit Sicherheit verleiht diese Aktivität ein Erfolgserlebnis der besonderen Art. Man vollbringt eine Leistung, die kaum ein anderer Mensch freiwillig erbringen würde. Man stellt sich seiner eigenen Angst und besiegt sie. Man ist stolz auf sich und auf die erreichte Tiefe, fühlt sich großartig, stark und mächtig. Man glaubt, neue Handlungspotentiale für sich geschaffen und alte Alltagsängste abgebaut zu haben. Doch was bewirkt und "leistet" ein Extremsport-Erlebnis wirklich?
Stärke durch Taten
Selbstwertgefühl von Extremsportlern ist regelmäßig sehr stark leistungsbezogen. Stärke durch Taten. Je ungewöhnlicher, desto besser. Jedoch hält die euphorische Stimmung nach einem solchen Erlebnis nicht lange an. Der Alltag kommt rasch zurück und die damit bestehenden persönlichen Probleme ebenfalls. Die neue persönliche Bestmarke verändert weder die berufliche Situation noch läßt sich damit eine Beziehungskrise meistern. Nur die Arbeit an der konkreten Situation und an sich selbst kann das leisten. Gerade in der Partnerschaft wirkt sich der Extremsport manchmal sogar negativ aus, da das Spiel mit dem Leben auf Unverständnis und Ablehnung stößt.
So bleibt es meist beim Versuch, mangelnde Akzeptanz oder Anerkennung im Alltag mit extremen Taten zu kompensieren. Dafür eignet sich das Tieftauchen ohne Sauerstoff hervorragend. Man hebt sich ab von der Masse. Man muss nicht nur körperlich fit sein. Man muss auch mental seinen Körper im Griff haben und den Atemreflex zeitweise ausschalten können. Dazu braucht man einen eisernen Willen und Durchhaltevermögen. Man muß "ein ganzer Kerl" sein. Das ist nicht der sportliche Ausgleich für Menschen, die dem Alltag entfliehen möchten und Ruhe und Erholung suchen. Das ist für den Körper Stress und für die Psyche die Suche nach Selbstbestätigung, außergewöhnliches geschafft zu haben.