13.05.2004 · Der große Favorit Südafrika hatte bei der Wahl des Austragungslandes 2006 nur knapp gegen Deutschland verloren. Weil es die Niederlage klaglos hingenommen hat, dürfte es diesmal wohl belohnt werden.
Von Sven GartungDer Mann ist am Ende, erkältet, ausgezehrt. Hustend nimmt er den Anruf eines Journalisten entgegen, entschuldigt sich mit einem heiseren "Sorry", schneuzt sich die Nase. Dann erklärt Danny Jordaan, der Generalsekretär des südafrikanischen Fußballverbandes (SAFA) und Exekutivdirektor des Bewerbungskomitees, noch einmal ausführlich, warum sein Land der beste jener vier Kandidaten ist, um im Jahr 2010 die erste vom Internationalen Fußball-Verband (FIFA) an Afrika vergebene Weltmeisterschaft auszurichten.
Jordaan braucht Urlaub. Seine ganze Energie hat er in dieses Projekt gesteckt. Er kann es kaum erwarten, bis FIFA-Präsident Joseph Blatter am morgigen Samstag nachmittag in Zürich das Ausrichterland bekanntgibt. Trotzdem fühlt sich Jordaan gut. Nie zuvor in den vergangenen sieben Jahren waren die Aussichten auf einen erfolgreichen Ausgang seines unermüdlichen Schaffens nämlich so gut wie jetzt.
Umdisponieren und weitermachen
So lange ist Danny Jordaan, der von 1994 bis 1997 als Abgeordneter im ersten demokratisch gewählten südafrikanischen Parlament saß, als Handlungsreisender in Sachen Fußball bereits unterwegs. Seitdem preist Jordaan die Vorzüge seines Landes an. In seinem Masterplan war die südafrikanisch gefärbte WM bereits für 2006 vorgesehen - doch am Ende fehlte dem Land bei der Abstimmung des FIFA-Exekutivkomitees in Zürich vor sechs Jahren eine sicher geglaubte Stimme, und es gewann Deutschland.
Jordaan mußte umdisponieren und machte weiter. "Wir hatten ja damals schon ein sehr gutes Dossier zusammengestellt." Danach führte die FIFA das kontinentale Rotationsprinzip ein, und schon sah sich Südafrika von neuem in der Favoritenrolle. "Wir haben die beste Offerte aller afrikanischen Kandidaten", stellte Jordaan damals fest. Die in der vergangenen Woche erstmals öffentlich gemachte Expertise der fünf FIFA-Inspektoren gibt ihm fürs erste recht. Südafrika, eine Attraktion für Millionen Touristen, sei hinsichtlich Stadien, Telekommunikation, Hotels, finanzieller Absicherung und dem zu erwartenden Reingewinn imstande, "eine exzellente Weltmeisterschaft auszurichten". Allerdings muß das Land am Kap mit dem Makel einer vergleichsweise hohen Kriminalitätsrate leben.
Wichtige Rolle für Mandela
Wenn sich die Prognosen der meisten FIFA-Insider erfüllen und die Inspektoren bestätigt werden sollten, wird Südafrika an diesem Samstag mit der WM-Ausrichtung beauftragt. Allerdings befürchtet Jordaans Team ein spätes (und erfolgreiches) Lobbying der Marokkaner in Zürich. Ein derartiges Gebaren komme für Südafrika nicht in Frage, sagt Irvion Khoza, der Vizepräsident der SAFA. "Wir halten unsere Karten nicht so eng an der Brust wie die anderen Bewerber." Jedermann wisse, welche Trümpfe Südafrika besitze.
Auf der politischen Ebene spielt Nelson Mandela, die Ikone der Anti-Apartheid-Bewegung, eine wichtige Rolle. Seit Jahren läßt sich "Madiba", wie die Südafrikaner ihren ersten demokratisch gewählten Präsidenten liebevoll nennen, für mitunter fragwürdige PR-Aktionen einspannen. So ließ sich der 82 Jahre alte frühere Staatschef sogar wieder in jene Zelle auf Robben Island sperren, in der er 18 Jahre lang gefangengehalten wurde, und begrüßte die peinlich berührte FIFA-Delegation.
Die starke Verquickung von Sport, Wirtschaft und Politik in Südafrika bekam FIFA-Präsident Blatter, ein erklärter Freund des Landes, kürzlich zu spüren. Bei der Vereidigung des wiedergewählten Präsidenten Thabo Mbeki wurde der Schweizer wie ein Staatsgast hofiert. Ihm wurde zugesagt, daß die Regierung, falls Südafrika den WM-Zuschlag bekomme, 830 Millionen US-Dollar für die Verbesserung der Infrastruktur bereitstellen will.
Sportbegeistertes Land
Daß das Land am Kap Massenveranstaltungen wie eine Fußball-WM zu organisieren weiß, hat nicht nur die Ausrichtung des Rugby World Cups 1995 gezeigt. 1996 war Südafrika Gastgeber des Afrika-Cups im Fußball und im vergangenen Jahr des Cricket World Cups. Die meisten Sportstätten sind in Betrieb und wären mit überschaubarem finanziellen Aufwand zu renovieren. Das Land ist sportbegeistert. Kommt das Gespräch auf den Vereinsfußball und die Nationalmannschaft, gerät Danny Jordaan allerdings in Erklärungsnot.
Der südafrikanische Fußballverband (SAFA) und sein Aushängeschild erwecken derzeit nicht den stärksten Eindruck. Dabei hat Blatter immer hervorgehoben, daß er gern einen WM-Ausrichter 2010 sähe, der sportlich das Seine zum Gelingen einer emotionsgeladenen, spannenden WM-Endrunde beitragen könne. Andererseits ist der Fußball heutzutage in erster Linie ein Geschäft - und deshalb werden sich auch in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der 44 Millionen Einwohner unterhalb der Armutsgrenze leben, genügend Leute finden, die im Schnitt 169 US-Dollar für ein Ticket zu zahlen bereit sind. Das, hat die FIFA bereits moniert, müsse überarbeitet werden. "Später", sagt der erschöpfte Danny Jordaan, "erst muß Südafrika die WM bekommen."
Der große Favorit Südafrika hatte bei der Wahl des Austragungslandes 2006 nur knapp gegen Deutschland verloren. Weil es die 11:12- Niederlage klaglos hingenommen hat, dürfte es diesmal wohl von der FIFA belohnt werden.