29.10.2005 · Giovanni Trapattonis Trainerstuhl wackelt wieder etwas weniger. Dank des 3:3 gegen Hertha BSC konnte der stark in der Kritik stehende Stuttgarter Trainer seine Schonfrist verlängern.
Von Oliver Trust, StuttgartBei Klassentreffen geht es sicher genau so zu. Man legt die Arme um die Schultern alter Bekannter, knufft den Kameraden mal eben keß in die Rippen, erzählt von unbeschwerten Zeiten und bindet einen bunten Strauß aus lustigen Erinnerungen. Als die Fußballschaffenden Giovanni Trapattoni, Falko Götz und Dieter Hoeneß von ihren Kabinen herüber schlenderten, wirkten sie wie alte Kameraden, die wie aufgedreht dem Alltag entfliehen.
Es sah aus, als stünde nun das gemeinsame Abendessen nach einem Kaffeenachmittag unmittelbar bevor. Das Trio hielt auf seinem kurzen Weg immer wieder inne, wenn eine Anekdote besonders unterhaltsam ausfiel. So dauerte es, bis die beiden Trainer, der Berliner Götz und der Stuttgarter Trapattoni, nach dem 3:3 vor 40.000 Zuschauern im Gottlieb-Daimler-Stadion zwischen dem VfB Stuttgart und Hertha BSC endlich Platz genommen hatten.
Gomez rettet dem Trainer den Job
Dem, was am Ende doch noch zum unterhaltsamen Krimi auf dem Feld taugte, folgte eine ebenso unterhaltsame Comedyshow im Nachprogramm. Die aber erfüllte einen anderen Zweck. Sie überdeckte, was in Stuttgart weiter gärt: Die Frage, ob das Arbeitsverhältnis zwischen dem redseligen Maestro Giovanni Trapattoni und dem VfB Stuttgart dauerhaft eine Chance hat. Trapattoni hatte nicht verloren. Mario Gomez, ein Nachwuchsmann aus dem VfB-Kader, hatte ihn mit dem Ausgleich nach 85 Minuten gerettet. Vielleicht ist es menschlich, wenn sich ein mit schauspielerischem gesegneter Trainer in solch angespannter Situation, in die Rolle des vereinnahmenden Entertainers schlüpft. Trapattoni tat das mit kräftiger Unterstützung des Kollegen Götz.
Schnell war abgehandelt, daß beide, vor allem Götz, enttäuscht waren, weil es nicht zum Sieg reichte. Wirklich zufrieden konnte keiner sein, Trapattoni hätten nur drei Punkte wirklich Linderung gebracht. In den vergangenen Tagen war schon über Nachfolger und den baldigen Rauswurf diskutiert worden. Kurz lobte „Trap“ den Einsatzwillen der zweiten Hälfte, als der VfB ein verloren geglaubtes Spiel aus dem Feuer riß, weil der nachlässige Gegner trotz zweimaliger Führung eine frühe Entscheidung versäumte. Kaum ein Wort zur fatal defensiven Formation, die Trapattoni zunächst aufs Feld schickte. Eine Elf, die verunsichert und ratlos wirkte. Erst nach den Wechseln Grönkjaer für Soldo und Cacau für Streller zur Pause steigerten sich die Schwaben. „Es war noch nie so leicht in Stuttgart zu gewinnen wie heute“, klagte Götz. Vor allem der starke Marcelinho hielt die zu zögerliche Hertha weiter im Rennen. Ein Tor schoß er selbst, und dazu bereitete der Brasilianer die meisten Angriffe der Hertha vor.
Lustiger Kameradschaftsabend
Dann hob sich der Vorhang zum Höhepunkt des Kameradschaftsabends. Herthas Manager Dieter Hoeneß prustete getrennt von den Kameraden zu deren Füßen erheitert im Auditorium, während Götz und Trapattoni oben im Scheinwerferlicht zur Hochform aufliefen. Hoeneß drängte zur Eile. Das Flugzeug wartete. „Falko muß, eh, fliegen, muße weg, eh?“, sagte Trapattoni. „Giovanni, du bist so gut drauf, da verpasse ich gerne mein Flugzeug“, konterte Götz. Und: „Ich bleibe hier sitzen, ich will keine Minute verpassen“. Beide machten mit Kommentaren dem bedauernswerten Dolmetscher, der für Trapattoni übersetzen sollte, das Leben schwer. „Das müssen sie nicht übersetzen, das war Deutsch“, sagte Götz nach einem radebrechenden Kommentar von Trapattoni. Anschließend gemeinsames lautes Lachen.
Im Feuerwerk der Späßchen ging unter, was Trapattoni hinter der Maskerade wirklich umtreibt. Er wolle den Klub nicht kritisieren, aber man müsse bei fünf neuen Spielern einfach Geduld haben. Und dann zog Trapattoni verklausuliert die Qualität seiner Mannschaft in Frage. „Auch als wir führten, sind Dinge passiert, die nicht passieren dürfen“, sagte er. Eine starke Mannschaft habe solche Momente nicht, „in denen die Konzentration so nachläßt“. Als die Aufführungen endeten, die Berliner zum Flughafen eilten, war schnell klar: das Unentschieden war für Trapattoni allenfalls eines zweiter Klasse. Schon am Donnerstag wird er sich mit seinem Team im Uefa-Cup beweisen müssen und nächsten Sonntag steht die Reise zum 1. FC Nürnberg an. Die Diskussionen um seine Zukunft gehen weiter. „Ein Punkt“, sagte Sportmanager Herbert Briem, „das war zu wenig. Positiv ist, daß die Mannschaft eine Charakterleistung vollbracht hat.“