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Sturm im Wasserbecken

30.06.2008 ·  Zum Auftakt der amerikanischen Olympia-Qualifikation stellt Schwimmstar Michael Phelps einen Weltrekord über 400 Meter Lagen auf. Von Jürgen Kalwa

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NEW YORK. Ehe die Wettkämpfe begannen, wehte der Wind aus mehreren Richtungen auf Omaha zu. Der erste Sturm braute sich in der weiten Prärielandschaft von Nebraska zusammen, die nicht ohne Grund den Spitznamen "Tornado Alley", Tornadogasse, trägt. Die Schlechtwetterfront produzierte Hagel, beschädigte das Dach der modernen Schwimmanlage im Stadtzentrum und sorgte dafür, dass Regenwasser die Tribünen hinab Richtung Becken rann. Weil man die Schwimmer rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, war dem zweifachen Olympiateilnehmer Erik Vendt schon kurze Zeit später nach einem lockeren Spruch zumute: "Bei der Olympiaqualifikation 2000 in Indianapolis ist das Gleiche passiert. Da hat ein Gewitter das Hotel zum Zittern gebracht. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen."

Der zweite Wirbelwind war etwas länger unterwegs und kam aus dem fernen England, wo die Ausrüsterfirma "Speedo" ihr Entwicklungslabor namens Aqualab betreibt. Sie hatte Anfang des Jahres den mit ihr vertraglich verbundenen Sportlern neue Schwimmanzüge ausgeliefert. Und die hatten daraufhin eine Flut von 38 Weltrekorden aufgestellt. Da das aalglatte Synthetikmaterial namens LZR Racer von den Kontrolleuren des Internationalen Schwimm-Verbands zugelassen wurde, fühlten sich viele aussichtsreiche Schwimmer nicht mehr wohl in ihrer Haut. Sie sind an andere Firmen gebunden und sahen sich im Kampf um die Olympia-Teilnahme benachteiligt. Zwar bekamen kurz vor der amerikanischen Qualifikation, die in dieser Woche in Omaha ausgetragen wird, alle 1200 Teilnehmer ein LZR-Racer-Exemplar zugestanden, um eine vermeintliche Wettbewerbsverzerrung zu verhindern. Richtig glücklich waren die Umsteiger trotzdem nicht, da sie keine Gelegenheit hatten, ausgiebig Erfahrungen mit dem neuen Anzug zu sammeln. "Das ist so, als ob man ein Messer zu einem Revolverduell mitbringt", sagte die Texanerin Jennifer Blackman.

Einem Athleten wie Michael Phelps sind solche Beschwerden fremd. Der beste Schwimmer der Welt erhält von seinem Sponsor Millionen dafür, dass er dessen Produkte trägt und bewirbt. "Wenn ich ins Wasser tauche, fühle ich mich wie eine Rakete", sagte der 23 Jahre alte Amerikaner über den neuen Anzug. Er war bei den Spielen in Athen sechsmal ganz oben auf dem Treppchen, in Peking will er in fünf Einzel- und drei Staffelrennen antreten und peilt eine Ernte von acht Goldmedaillen an. Seinem stärksten Widersacher im eigenen Team, 200-Meter-Rückenweltrekordhalter Ryan Lochte, geht es ähnlich. "Wenn ich den Anzug trage, fühle ich mich wie der Held eines Action-Films, der bereit ist, die Welt anzugreifen." Das tat er am Sonntag auch und trieb Phelps zum Auftakt über 400 Meter Lagen zu einem spektakulären Weltrekord von 4:05,25 Minuten. Mit 0,97 Sekunden Rückstand blieb Lochte ebenfalls noch unter der alten Bestmarke. Die zweite Bestmarke über 400 Meter Lagen stellte die 19 Jahre alte Katie Hoff auf. Sie unterbot in 4:31,12 Minuten die knapp drei Monate alte Bestzeit der Australierin Stephanie Rice um 34 Hundertstelsekunden.

Doch die Kontroverse um den strömungsgünstigen Hightech-Anzug produziert unter der Oberfläche immer noch erheblichen Wirbel. So verklagte die kalifornische Ausrüsterfirma "TYR Sport" den Langstreckenkrauler Erik Vendt gemeinsam mit "Speedo", dem amerikanischen Schwimm-Verband und Nationaltrainer Mark Schubert. Der Grund: Der mit Phelps befreundete Vendt, der sich mit dem Star in Omaha ein Hotelzimmer teilt, hatte ebenfalls zum LZR Racer gegriffen, obwohl er eigentlich an "TYR" gebunden ist.

Der Streit ähnelt den alten "Schuhkriegen" zwischen den beiden Firmen Adidas und Puma. Denn die streitbare Konkurrenz hat natürlich nicht geschlafen und ebenfalls eine neue Wettkampfgarderobe entwickelt. Deren wahres Potential bleibt jedoch im Dunkeln, wenn alle Vertragspartner aus Angst vor Nachteilen in die "Speedo"-Modelle schlüpfen.

Schubert war in den Streit geraten, als er im April glaubte, den drohenden Sturm mit einer pragmatischen Idee beschwichtigen zu können: Er schlug vor, dass alle Teilnehmer in Omaha den LZR Racer tragen sollten, und stellte den Vertragspartnern von anderen Marken die Frage: "Geht es dir ums Geld oder ums Gold?" Tatsächlich ist der Trainer nicht unparteiisch. Auch er bekommt Geld von "Speedo".

Bei "TYR Sport" sah man angesichts dieser Kampagne keine andere Möglichkeit als eine Klage. Über die wird jedoch erst nach Olympia verhandelt. "Wir müssen uns bis dahin keine Sorgen machen", sagte Chuck Wiegus, Geschäftsführer des amerikanischen Schwimm-Verbands. "Und die Athleten und Trainer können sich ohne Ablenkung auf die Olympischen Spiele konzentrieren."

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