25.09.2001 · Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wirft ihre Schatten voraus: Sie stammen von den Stadien, die derzeit überall gebaut werden.
Von Dirk MeyhöferDie Fußball-WM 2006 in Deutschland sorgt für neue Großarenen im Land und macht deutlich: Der Stadionbau wird zum Synonym für kulturelle Erosionsprozesse, und Deutschland muss Abschied nehmen vom freiheitlichen Volksstadion.
Wenn der Hamburger Architekt und Stadionbaumeister Volkwin Marg - er baut und plant derzeit an Arenen in Berlin, Köln, Frankfurt, Cottbus und in China - Stellung zur heutigen Stadionbaukunst bezieht, poltert er gern richtig los: Vom „schieren Kulturverfall“ spricht er dann, beschwert sich, „wie Stadien zur reinen Gewerbemaschine verkommen“ und aus der Sicht des Städtebauers alle nur „vom Himmel fallen und keinerlei Rücksicht auf städtische Strukturen und Räume nehmen“.
Sündenfall um 1960
Harter Tobak, aber diese Vorwürfe haben ihre Berechtigung. In dem Maße, wie das Stadion wegen der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 als Thema aktuell wurde, hat sich der Stadionbau verändert. Bis etwa 1960 stand „das sportliche Ereignis im Mittelpunkt, hingegen der Komfort und zusätzliche Unterhaltung der Zuschauer hinten an“, schreibt Architekturhistoriker Gerwin Zohlen in einem Aufsatz über veränderte Nutzung von Sportbauten. Zohlen datiert denn Sündenfall auf exakt 1960, dem Zeitpunkt der Olympischen Spiele von Rom: Das Fernsehen übertrug erstmals flächendeckend und „näher dran“. In der Folge wurden der Luxus ausgesuchter Besuchergruppen und die mediale Vermarktung des Sportereignisse zu den eigentlichen Heroen.
Von der Massenhysterie zur Marketingstrategie
Seit der griechischen Antike ist die Unterhaltung der Massen in der Kulisse mächtiger Bauwerke inszeniert worden: Kein Tempel, keine Burg, kein Dom, kein Schloss, aber trotzdem ein anspruchsvoller Monumentalbau: Die jüngsten Prototypen wie die Arenen in Amsterdam und „Auf Schalke“ sind nach Meinung Volkwin Margs zu „aufgedunsenen Klößen“ verkommen. Sie mutieren zu Wollmilchsäuen, weil sie vom touristischen Museum (HSV), über das Einkaufszentrum (Basel oder Amsterdam) bis zu Erlebnisgastronomie und VIP-Oasen so ziemlich alles anbieten, was den Betreibern Geld bringt.
Die öffentliche Aufgabe Stadion ist zum kommerziellen Spekulationsobjekt verkommen, merkt Volkwin Marg süffisant an: „Ab jetzt werden Defizite sozialisiert (bei den alten reparaturanfälligen Kommunalstadien) und die Profite privatisiert (bei den neuen vereinseigenen Superdomen).“ TV und später Pay-TV haben die Begehrlichkeit von Investoren, Fußballklubs und -verbänden gesteigert. Auf dem Punkt und zur Bruchlandung gekommen sind in Deutschland die Diskussion und der Aufbruch zu neuen Ufern im Bundesland des FC Bayern, wo zwischenzeitlich sogar das Nationalheiligtum Münchner Olympiastadion geopfert werden sollte - einst die Inkarnation eines demokratischen Stadions im Nachkriegsdeutschland.
Eine deutsche Nachkriegskarriere: das Münchner Olympiastadion
Denn nach 1945 hatte der Typus der prächtigen Monumentalarena in Deutschland ausgedient, weil Adolf Hitler genau diese Kulisse für sich und seine Großmannssucht vereinnahmt hatte, als er 1936 bei den Berliner Olympischen Spielen in der Ehrenloge saß. Es ist wäre zu einfach und zu oberflächlich gedacht, Werner Marchs phantastisches Reichssportfeld-Ensemble in das Schächtelchen für faschistische Architektur zu packen (die Engländer benutzten es nach dem Krieg um die Umstände wohlwissend und gern als ihre Hauptquartier!), aber spätestens mit Leni Riefenstahls Olympiafilm „Fest der Völker“ haben sich Bilder in den Köpfen festgesetzt, die Macht, Sport und Architektur unglücklich vermischen.
Letztendlich auch, um in den Städten die gigantischen Trümmermassen sinnvoll zu entsorgen, entstand nach dem Weltkrieg der Antitypus des landschaftsverbundenen, weitläufigen Stadions mit Tribünen aus Erd- und Trümmerwällen, „demokratisch“, weil tauglich für Leichtathletik, Kirchentage, Spiel und Spaß. Das war in Hannover, Hamburg, später in Gelsenkirchen im „Parkstadion“ der Fall und erreichte den Höhepunkt in München mit dem „freiheitlichen Volksstadion“ im Olympiapark, wie dessen Architekt Günter Behnisch sagt. Die schwingenden luftigen Zeltdächer von München wurden zum Symbol für ein anderes „Wir sind wieder wer“. Es geriet zum gefeierten Briefmarkenmotiv und Demokratiesymbol.
Auf Schalke hat sich die Welt geändert
Als aber gut vermarktbare VIP-Lounges auch in Deutschland wichtiger als die Stehplatzkurve für Fans wurden, so wie bereits in Italien, den Niederlanden und Frankreich, die in den letzten Jahren schon mit Welt- oder Europameisterschaften im Fußball gesegnet waren, schrien die Beckenbauers und Co. in puncto Olympiastadion: „Wir sind nicht mehr konkurrenzfähig“ und leiteten damit eine ignorante Diskussion ein, an deren Schluss der Ruf des Denkmals Olympiastadion beschädigt, dessen Architekt Günter Behnisch hilflos und die Münchner Administration fast zu Verrätern einer alten Idee wurden.
Auch wenn es jetzt so aussieht, dass das multifunktionale Leichtathletik-Stadion neben einem neuen Bayern-Superdom bestehen bleibt, ist das Ende einer Ära erreicht. „Auf Schalke“ ist das erste Ufo ist gelandet - ein aufgedunsener Kloß, der alle konstruktive und architektonische Kulturen eines traditionellen Stadions zur konstruktiven Notdurft verkommen lässt.