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Wolfgang Maennig im Interview : „Deutschland ist sportlich und wirtschaftlich olympiareif“

Wolfgang Maennig, Professor an der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, in seinem Büro der Hamburger Universität Bild: dpa

Wolfgang Maennig ist Professor und Ruder- Olympiasieger im Achter 1988. Im F.A.Z.-Interview spricht er über das Nein der Hamburger Bevölkerung vor einem Jahr und die zukünftige Entwicklung der Spiele.

          Vor einem Jahr haben die Bürger Hamburgs gegen die Olympiabewerbung ihrer Stadt votiert. So wie gerade die Fertigstellung der Elbphilharmonie gefeiert wird: Würde Hamburg sich, hätte man nicht abgestimmt, 2024 über eine teure, aber glückliche Entscheidung pro Olympia freuen?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ich kann mir das gut vorstellen. Der Soziologe Harry Hiller hat dargestellt, wie die Zustimmung systematisch steigt, je näher die Spiele kommen. Was gab es zum Beispiel für beißende Kritik an den Plänen für London, an der Kostenexplosion, an den Zeitplänen und den Sicherheitskonzepten. Heute schwelgen die Londoner in Erinnerungen an die schönen Spiele von 2012.

          Glauben Sie, dass es bei den projektierten Kosten von achteinhalb Milliarden Euro geblieben wäre und Hamburg davon nur 1,2 Milliarden hätte aufbringen müssen?

          Insgesamt waren es sogar 11,2 Milliarden Euro, Hamburg legte eines der großzügigst kalkulierten Konzepte vor. Allerdings sind die Menschen geprägt durch die Erfahrung, dass bei Olympia immer um mindestens hundert Prozent überzogen wurde. Studien weisen dies statistisch inzwischen nach.

          Hat Hamburg eine Riesenchance verpasst, oder war die Volksabstimmung ein Riesenglück?

          Eine Chance war da, auch wenn es schwer geworden wäre, sich gegen Paris und Los Angeles durchzusetzen. Hamburg hätte jedenfalls die Chance gehabt, noch ein weiteres Jahr lang internationales Stadtmarketing zu betreiben. Und hätte die Chance gehabt, bei der Abstimmung achtbar abzuschneiden. Das hätte die Möglichkeit geboten, beim zweiten, dritten oder meinetwegen sechsten Versuch erfolgreich zu sein. Paris hat sich für 1992, 2008 und 2012 vergeblich beworben - und gilt nun als Favorit.

          Damit wären wir bei 2032 oder 2048.

          Wir Deutschen glauben immer, dass wir so perfekt arbeiten, dass wir sofort Erfolg haben müssen. Als ich in Hamburg angedacht habe, mit langem Atem an eine Reihe von Bewerbungen zu gehen, hat man mir Defätismus vorgeworfen. Aber Sportler wissen, dass sie einige Niederlagen erleben müssen und nicht gleich Olympiasieger werden.

          Sie empfehlen eine anhaltende Olympiabewerbung?

          Warum nicht? Istanbul ist fünfmal angerannt. Wenn sich die Türkei wieder dem Westen annähert, wird sie sich - mit guter Aussicht - wieder bewerben. Detroit hat sich siebenmal beworben.

          Eine Olympia-Kampagne um der Kampagne willen?

          Eine Olympiabewerbung kann ein Wert an sich sein, auch wenn man nicht gewinnt. Wenn man es gut macht, ist es eine einzigartige Möglichkeit, die Stadt international zu präsentieren und der Stadtgesellschaft und -verwaltung einen Impetus zu geben. Und: Es kann sich immer ein gutes, eventuell unerwartetes Zeitfenster ergeben. Es war doch unwahrscheinlich, dass die Bewerbung Pekings um Olympische Winterspiele Erfolg haben könnte: eine Stadt ohne Schnee und ohne Berge. Dann zieht sich München, der einzige namhafte Kandidat, nach einem verkorksten Referendum zurück, und auf einmal ist der einzige Gegenkandidat Almaty in Kasachstan. Schon ist die Sommer-Olympiastadt von 2008 auch die Winter-Olympiastadt von 2022.

          Ist nicht das Resultat vom ersten Advent 2015 eine Aufforderung an die Sportorganisationen, sich mit ihrem Selbstverständnis, ihren Aufgaben und ihrer Verantwortung zu beschäftigen?

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