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Weltweite Empörung der Ringer Lausanner Selbstentweihung

Der weltweite Protest gegen den angekündigten Ausschluss von Ringen aus dem olympischen Programm hat die Exekutivmitglieder des IOC verunsichert. Ihre Entscheidung scheint nicht unantastbar.

© Wonge Bergmann Vergrößern Zähes Ringen: Der Weltringerverband wehrt sich nach anfänglicher Verschlafenheit gegen das drohende Olympia-Aus (Symbolbild)

Wenigstens in Griechenland erinnert sich noch jemand an den Text des salbungsvollen Weihelieds: Die Herren des Internationalen Olympischen Komitees, wetterte an diesem Mittwoch der dortige Ringerpräsident Kostas Thanos, ignorierten nämlich sogar ihre eigene Hymne. Tatsächlich heißt es in deren zweiter Strophe in wörtlicher Übersetzung: „Beim Laufen, Ringen und beim Werfen...“.

Also bei drei olympischen Ur-Disziplinen aus der Antike. Niemand hätte bis zum vergangenen Dienstag für möglich gehalten, dass die Olympier es jemals wagen würden, eine davon, das Ringen, mutwillig aus dem Programm der Sommerspiele zu entfernen.

„Sie töten den olympischen Geist“

Aber genau diesen Prozess hat die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne eingeleitet. „Sie töten den Olympischen Geist“, schimpfte der aufgebrachte Funktionär daraufhin im Fernsehen. Er brachte damit die Gedanken nicht nur der Ringergemeinde in 177 Nationen, sondern auch der Sportanhänger auf den Punkt, die den symbolträchtigen Zeremonien und den hehren Legitimationsreden rings um Olympia bisher noch eine Bedeutung abgewinnen konnten. Sollte Ringen nach Rio 2016 wirklich aus dem Programm fallen, sagte Thanos weiter, dann könnten die Spiele gleich in „Business Games“ umbenannt werden.

Bild Ringen 1 © picture-alliance/ dpa Vergrößern Schulterwurf: Der deutsche Ringer Wilfreid Dietrich (unten) schultert den Amerikaner Chris Taylor 1972 - spektakuläre Szenen aus einer langen olympischen Geschichte

Vielleicht wäre es ja Zeit. Die Weltöffentlichkeit jedenfalls wertet den - noch nicht endgültigen - Schritt der Exekutive als unfreiwilliges Bekenntnis zum totalen Kommerz. Die Coubertin’sche Gründungslegende ist plötzlich in Gefahr, mitsamt den traditionsreichen Griffkünstlern unterzugehen. Diese Selbstentweihung ist das Ergebnis eines verstörenden Ringkampfes auf der sportpolitischen Matte, bei dem sich die beiden Parteien an Arroganz und Verblendung nichts schenkten.

Hier die fünfzehn Mitglieder der IOC-Exekutive (wobei Präsident Jacques Rogge am Abstimmungsprozess nicht teilnahm) - dort der Internationale Ringerverband (Fila) mit seinem Schweizer Präsidenten Raphael Martinetti. Es ist schwer vorstellbar, dass das Kabinett der Olympier bei seinem Schritt umrissen hat, welchen schweren Imageschaden sein Beschluss verursachen würde. Noch am Mittwoch erklärte Rogge, er habe mit der öffentlichen Empörung gerechnet, den eine solche Entscheidung auslösen werde - die wäre seiner Meinung nach bei jeder anderen Sportart ähnlich gewesen. So als könnte er nicht fühlen, dass Ringen ein historischer Sonderfall ist.

Sportart zur Disposition gestellt

Und seine Kollegen können die Verbindung zu ihren Spielen nicht mehr gefühlt haben, als sie mit energischem Griff an den eigenen Wurzeln rissen und eine Sportart zur Disposition stellten, die seit 708 vor Christus zum olympischen Programm gehört und der älteste Sport ist, in dem Athleten zum direkten Zweikampf antreten. Und dafür dann Squash ins Programm, oder Rollschuhlaufen, oder den chinesischen Kampfsport Wushu?

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Bestraft wurde vom IOC die - physisch eher untypische - Unbeweglichkeit der Ringer, die glaubten, ihr archaischer Sport mit seinen undurchschaubaren Regeln und zwei für Laien schwer zu unterscheidenden Stilarten stehe über dem Zeitgeist und müsse sich nicht wandeln. Und sie müssten auch nicht mit dem IOC kooperieren, das von allen Fachverbänden die Bereitschaft einfordert, sich zu modernisieren und fürs Fernsehen attraktiv zu machen. Weil das Fernsehen schließlich dem olympischen Sport das Auskommen sichert und auch die Ringer mit einem zweistelligen Dollarmillionenbetrag pro Olympiade am Leben erhält.

Eine sträfliche Verschlafenheit

Keiner der internationalen Ringerfunktionäre ahnte überhaupt, dass die Lebensader ihres Sports in Gefahr war - eine sträfliche Verschlafenheit, die den Weltpräsidenten das Amt kosten könnte. Dass die IOC-Exekutive die Sportart bereits vor ihrer Abstimmung in Lausanne im Visier hatte, zeigt das klare Ergebnis: In allen vier Runden lag Ringen vorn.

Und jetzt? Im Netz ging ein Entrüstungssturm los. In verblüffender Einmütigkeit machen sich Russland, die Vereinigten Staaten und Iran für die Ringer stark. Und die wollen endlich kämpfen. Am Wochenende tritt der Weltverband in Thailand zusammen, um Sofortmaßnahmen zu beschließen. Am Tag nach ihrer folgenschweren Abstimmung wirkten die Exekutivmitglieder auch nicht mehr ganz so selbstsicher wie zuvor - und ihre Entscheidung nicht mehr so unantastbar.

Immer zahlreicher wurden die Hinweise, dass die endgültige Verabschiedung des Beschlusses bei der IOC-Vollversammlung im September in Buenos Aires mehr sein könnte als nur eine Formalität. „Wir werden sehen, was die Mitglieder wollen“, sagte das Exekutivmitglied Ser Miang Ng aus Singapur. „Alles kann passieren“, ergänzte sein Kollege Willy Kaltschmitt aus Guatemala.

Zunächst einmal wählt die Exekutive im Mai in St. Petersburg aus acht Kandidaten - darunter auch wieder Ringen - die neue olympische Sportart aus. Mit einem peinlichen Revisionsmanöver könnte Ringen so zum eigenen Nachfolger erklärt werden, das Programm bliebe, wie es war. Ein eleganteres Wendemanöver deutete IOC-Vizepräsident Thomas Bach an diesem Mittwoch an: „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass der Vollversammlung mehr als eine Sportart präsentiert wird.“ Darunter Ringen.

Sollten die 115 Mitglieder Ringen dann wieder ins Programm zurück wählen, hätte der Reformprozess einen Null-Fortschritt gemacht. Das IOC hätte es lediglich geschafft, den Ringer-Weltverband endlich zur Mitarbeit zu bewegen. Als ginge so etwas nicht auch ohne selbstgemachte Identitätskrise.

Quelle: F.A.Z.

 
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