04.02.2009 · Seit mehr als fünfzig Jahren ist Walther Tröger Sportfunktionär - und ein Stück deutsche Sportgeschichte. Seine schwärzeste Stunde erlebte er als Bürgermeister des Olympischen Dorfs in München. Heute wird der Mann der Praxis und des geradlinigen Denkens 80 Jahre alt.
Von Evi Simeoni„Manche Leute hauen ab“, sagt Walther Tröger ein bisschen unwirsch. „Das kann ich eben nicht. Aber damit werde ich fertig.“ Verkraften muss der in Frankfurt lebende Franke an diesem Mittwoch seinen achtzigsten Geburtstag, der längere Nachwirkungen haben wird. Am Ehrentag ist die Familie dran, am Freitag geben die Stadt Frankfurt und der Deustche Olympische Sportbund (DOSB) einen Empfang für den Multi-Sportfunktionär, der es mit Beharrlichkeit und – wenn es so etwas gibt – pragmatischer Leidenschaft geschafft hat, ein Stück deutsche Sportgeschichte zu werden.
Jacques Rogge, der höchste Olympier, wird im Römer eine Festrede auf Tröger halten. Außerdem Thomas Bach, DOSB-Präsident und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Trögers langjähriger Weggefährte und Rivale. „Herr Bach genießt hohes Ansehen im IOC“, betont Tröger. „Das Gleiche will ich für mich selbst aber auch in Anspruch nehmen.“
„Wer Visionen hat, gehört zum Arzt“
Seit mehr als fünfzig Jahren ist Tröger Sportfunktionär, und er war bei den meisten wichtigen Ereignissen des Sports hautnah dabei. Viele Jahre im Hauptamt, von 1961 bis 1992 als Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), danach für zehn Jahre als ehrenamtlicher NOK-Präsident in der Nachfolge von Willi Daume. Seine Abwahl aus dem Amt 2002 zugunsten von Steinbach war eine der schmerzlichsten Niederlagen für Tröger.
Die Art und Weise, wie er sie durchstand, charakterisiert ihn ganz besonders: Obwohl die Stimmen längst verteilt waren, ließ er sich bei der NOK-Mitgliederversammlung in Nürnberg auch mit Versprechungen nicht von seiner Kandidatur abhalten. Den Vorwurf, er sei nur ein Verwalter, aber kein Visionär des Sports, konterte er damals schroff: „Wer Visionen hat, gehört zum Arzt.“
Bürgermeister des Olympischen Dorfs in München
Auch die vergebliche Kandidatur für die IOC-Exekutive 1992 war eine Enttäuschung für Tröger. Aber nicht zu vergleichen mit der schwärzesten Stunde in seiner Laufbahn, 1972 als Bürgermeister des Olympischen Dorfs in München. Der Terroranschlag, der das kollektive deutsche Bewusstsein prägte, hat in seinem Leben eine tiefe Zäsur hinterlassen.
Fleißig, verantwortungsvoll und mit großer Sachkenntnis hat Tröger all seine vielen Ämter ausgefüllt. Von 1983 bis 1990 war er Sportdirektor des IOC und saß damit an einer der wichtigen Schaltstellen der Macht. Im Oktober wird er aufgrund der Altersregel nach zwanzig Jahren seine aktive IOC-Mitgliedschaft aufgeben müssen, aber er hat vor, seine Rechte als IOC-Ehrenmitglied wahrzunehmen. „Ich habe das Recht, an Olympischen Spielen, Kongressen und Sessionen teilzunehmen und mich zu Wort zu melden“, sagt Tröger.
Zudem bleibt er Vorsitzender der Kommission „Sport für alle“ und ist Beauftragter des IOC für den Behindertensport. Er war und bleibt ein Mann der Praxis und des geradlinigen Denkens. All die Auswüchse des Hochleistungssports kennt er genau. Doch er hält den Sport nicht für schlechter als den Rest der Gesellschaft: „Wir leben mit der Erbsünde. Das ist menschlich.“