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Tracy Edwards über den Fall Belounis : „Lauter mutlose Waschlappen“

  • Aktualisiert am

Wer bezahlt? Tracy Edwards 2005 in Qatar mit dem britischen Prinz Andrew (l.) und Abdulla al-Qahtani, dem Chef des Organisationskomitees der Asienspiele von 2006 in Doha Bild: privat

Fußballspieler Zahir Belounis sitzt seit zwei Jahren in Qatar fest und darf nicht ausreisen, ohne auf Gehaltsansprüche zu verzichten. Die englische Seglerin Tracy Edwards erlebte 2005 Ähnliches. Ein Interview über die Verhältnisse in Qatar.

          Frau Edwards, Sie haben sich über ihren Twitter-Account für den in Qatar festsitzenden Fußballspieler Zahir Belounis eingesetzt, der Qatar nicht verlassen kann, weil er kein Ausreisevisum bekommt, ohne auf Gehaltsforderungen zu verzichten. Sie sagen, Sie hätten sich 2005 in einer „beängstigend ähnlichen“ Situation befunden. . .

          . . . ich saß in Qatar fest, ich konnte nicht ausreisen, ich konnte meine Miete nicht bezahlen und musste meine Möbel verkaufen, um an Geld zu kommen. Zahir Belounis geht es offenbar ähnlich. Das ist beängstigend.

          Wieso waren Sie in Qatar?

          Wir hatten 2003 einen Vertrag abgeschlossen, sollten sechs Millionen Pfund von Qatar Sports International (QSI), einer Firma des Kronprinzen Scheich Tamim bin Hamad al-Thani bekommen, um Qatar zu einem der herausragenden Segelstandorte in der Welt zu machen. Teil dessen war die „Oryx Quest“-Regatta rund um die Welt, die 2005 auch gesegelt wurde und ein großer Erfolg war.

          Organisiert von Ihnen, finanziert von QSI.

          Organisiert und finanziert von mir. Denn Geld habe ich von QSI nie erhalten, mir gegenüber wurde behauptet, es habe nie einen Vertrag gegeben. Mir wurde dann für den großen Erfolg der Regatta gedankt – und für die Finanzierung. Ich musste für Privatkredite haften und war anschließend insolvent, insgesamt hat mich das rund zwei Millionen Pfund gekostet, mein Haus in England wurde gepfändet. QSI wurde noch während die Regatta lief abgewickelt und in Qatar Sports Investment umbenannt. Anderer Name, dieselben Leute.

          Die Firma, die 2012 den Fußballklub Paris Saint-Germain übernommen hat und Hunderte Millionen Euro investiert?

          Genau. Aber ich hatte Glück. Ich habe meine Tochter, meinen Manager und seine Familie ausgeflogen, bevor sie in Qatar festgesetzt wurden.

          Wieso saßen Sie dann fest?

          Ich flog zunächst mit meinen Leuten zurück nach England, aber dann bekam ich die Aufforderung meines Bürgen, des qatarischen Außenministers, zurückzukehren, um die finanziellen Angelegenheiten zu regeln. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, ich würde mein Geld bekommen. Also bin ich zurück geflogen, gegen den Ratschlag von Familie, Freunden – und gegen das schlechte Bauchgefühl. Dann wurden die Dinge sehr schnell sehr hässlich.

          Warum?

          Mir wurde das Ausreisevisum verweigert, wie Zahir Belounis. Zudem hatte ich das Gefühl, man verfolgt mich und mein Telefon wird abgehört. Ich habe wirklich Angst bekommen, mit meiner Familie habe ich nur noch über SMS kommuniziert, für die wir uns einen Code ausgedacht hatten. Außerdem war es unmöglich, meinen Bürgen zu erreichen – alle Leute, von denen ich dachte, ich hätte zu Ihnen ein Netzwerk aufgebaut verschwanden plötzlich.

          Wer war Ihr Bürge?

          Hamid bin Jassim al-Thani, der qatarische Außenminister, ein sehr mächtiger Mann. Aber auch das britische Konsulat war absolut nutzlos für mich. Mir wurde gesagt, ich sollte mir einen Anwalt suchen, aber kein Anwalt wollte meinen Fall annehmen. Fawzia al-Obaidly hat die Lage dann schließlich geändert, sie hat meinen Fall übernommen. Zudem hatte meine Mutter in England Kontakt zu Terry Waite aufgenommen, der Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre vier Jahre in Geiselhaft im Libanon saß. Der wiederum kannte den früheren britischen Botschafter in Qatar, der wiederum den Emir Hamid bin Khalifa al-Thani angerufen hat. Eines Abends hieß es: Fahr‘ zum Flughafen. Meine Familie hatte aus England jeden Tag einen Flug für mich reserviert. Ich checkte ein, fünf Minuten, bevor das Gate schloss, kam jemand mit dem Ausreisevisum angelaufen.

          Letztlich hat der Emir Ihre Ausreise durchgesetzt?

          Ja. Aber weiß er, dass ich nie mein Geld bekommen habe? Ich habe keine Ahnung, bis heute nicht. Das Problem in Qatar sind aber nicht die Führungszirkel.

          Sondern?

          Auf den Ebenen darunter, im mittleren Management, sitzen wahnsinnig viele, vollkommen inkompetente Menschen, die von sich glauben, Sie seien unantastbar. Leider sind Sie das auch. Ich habe in vielen Ländern des Nahen Ostens Geschäfte gemacht, in Jordanien, im Libanon, in Abu Dhabi. Nirgends ist es so schlimm wie in Qatar. Nicht mal in Saudi-Arabien hat man Verständnis für sie.

          Das heißt, es gibt keine Möglichkeit, auf Qatar Einfluss zu nehmen?

          Doch, sicher gibt es die. Der Sport hat das Potential dazu. Die Verbände könnten riesigen Einfluss nehmen, gerade der Fußball und die Fifa. Durch die Aufmerksamkeit, den Fußball bekommt, wissen wir, wie furchtbar die Menschenrechtssituation ist, dass Hunderte Menschen auf den Baustellen sterben. Aber wenn so viele Gespräche ohne zählbares Ergebnis enden, muss man den Eindruck haben, dass dort zahnlose, mutlose Waschlappen sitzen, die ihren Einfluss nicht nutzen.

          Zahir Belounis hat sich in einem offenen Brief an Zinedine Zidane und Pep Guardiola gewandt, um auf seine Lage aufmerksam zu machen. Wird ihm das helfen?

          Er muss weiter Wirbel machen, damit er nicht vergessen wird. Die Qataris stört natürlich sehr, dass der Rest der Welt von ihnen den Eindruck gewinnt, sie seien inkompetent. Ich wünschte, Twitter hätte schon existiert, als ich dort festsaß. Aber es ist so leicht, sich in dem Irrgarten zu verlieren, in dem sie dich verlaufen lassen. Ich habe teilweise geglaubt, ich würde verrückt, als ich dort festsaß, dass ich mir meine Probleme nur einbildete – und ich wurde nur 28 Tage festgehalten.

          Belounis ist seit über zwei Jahren in Qatar. Glauben Sie, er wird je bezahlt werden?

          Nein. Falls er die Gelegenheit hat, sollte er ausreisen. Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Geld. Freiheit, zum Beispiel.

          Sie sagten, Qatar wollte damals zu einem der Segelzentren der Welt werden, Hat das eigentlich geklappt?

          Nein, dort liegt alles brach. Fußball wurde plötzlich viel interessanter für sie. Aber Oman hat die Ideen der Qataris übernommen. Das ist ohnehin besser in meinen Augen. Dort werden Verträge eingehalten und sie bezahlen, was sie versprechen.

          Das Gespräch führte Christoph Becker.

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