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Kuriosum bei Tischtennis-WM : „Das ist ein Riesending“

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Der sporthistorische Moment des vereinigten koreanischen Teams muss festgehalten werden. Bild: EPA

Eigentlich sollten die Tischtennis-Teams von Nord- und Südkorea bei der WM in Schweden im Viertelfinale gegeneinander spielen. Doch was dann passiert, verblüfft nicht nur die Deutschen.

          Das sporthistorische Ereignis wurde perfekt inszeniert. Bei der Tischtennis-WM in Schweden liefen die Damen-Teams von Nordkorea und Südkorea am Donnerstag zunächst ganz normal zu ihrem geplanten Viertelfinal-Duell in die Arena von Halmstad ein. Doch anstatt sich am Tisch warmzuspielen, versammelten sich alle Spielerinnen und Trainer auf einmal für ein gemeinsames Foto, nahmen sich in die Arme und winkten ins Publikum. Der Hallensprecher verkündete: Nord- und Südkorea werden bei dieser Weltmeisterschaft nicht gegeneinander spielen, sondern ab sofort ein gemeinsames Team bilden, das am Freitag im Halbfinale gegen Japan antreten wird.

          „Ja, wir respektieren die Regeln. Ja, wir haben sie geändert. Aber das hier ist größer als die Regeln“, sagte der deutsche Weltverbands-Präsident Thomas Weikert am Nachmittag bei einer Pressekonferenz in Halmstad. Für ihn ist die Bildung eines gemeinsamen koreanischen Teams „ein historischer Schritt“. Denn auch Nord- wie Südkoreaner sehen darin nicht weniger als „ein wichtiges Statement, um den Friedensprozess zwischen unseren beiden Ländern durch den Tischtennis-Sport unterstützen zu können“, wie der Vizepräsident des südkoreanischen Verbandes, Ryu Seungmin, betonte.

          Am Nachmittag zitierte der Weltverband ITTF in einer Mitteilung noch je eine Spielerin beider Länder. „Das ist wirklich unglaublich, jetzt sind wir ein vereintes Team“, sagte die Südkoreanerin Hyowon Su. „Ich habe zum ersten Mal letzte Nacht davon gehört, aber da war noch nicht klar, ob das auch tatsächlich klappt.“ Auch Nordkoreas beste Spielerin, Kim Song I, meinte: „Das ist eine Ehre für mich, dabei zu sein. Ich habe mir das immer vorgestellt, aber nie wirklich erwartet, dass ich eines Tages Mitglied eines vereinten Teams sein könnte.“

          Die beiden offiziell noch immer im Kriegszustand befindlichen Länder bildeten schon einmal bei der WM 1991 in Japan ein gemeinsames Team und hatten ohnehin vor, dies auch bei den Asien Spielen Ende August in Indonesien zu tun. Doch in diesen Tagen passt die Wiedervereinigung an der Tischtennis-Platte besonders gut in die politische Entwicklung. Erst vor einer Woche überquerte Nordkoreas Diktator Kim Jong als erster Machthaber seines Landes seit dem Ende des Koreakriegs vor 65 Jahren die Grenze zwischen beiden Staaten, um mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in ein Gipfeltreffen abzuhalten.

          Auch der Sport tut seit den Olympischen Winterspielen gern so, als habe er diese Entspannungs- und Annäherungspolitik überhaupt erst auf den Weg gebracht und könne sie auch weiter beeinflussen. In Pyeongchang gab es im Februar unter anderem einen gemeinsamen Einmarsch beider Länder, ein gemeinsames koreanisches Eishockey- Team und schon einmal Gespräche zwischen Moon Jae-in und einem hochrangigen nordkoreanischen General.

          Auch die Entwicklung bei der Tischtennis-WM wäre nicht ohne den Weltverband ITTF und das Internationalen Olympischen Komitee möglich gewesen. Die Entscheidung und das Okay für eine gemeinsame koreanische Mannschaft sei das Ergebnis eines Dreiergesprächs zwischen beiden Verbänden und der ITTF gewesen, heißt es in einer Mitteilung des Weltverbands. Die ITTF gab sofort ihr Einverständnis dazu, mitten in einem laufenden Wettbewerb ein neues Team zuzulassen. „Als ich unser Board of Directors über die Pläne informiert habe, haben die Delegierten darauf mit Standing Ovations reagiert“, sagte der deutsche Weltverbands-Präsident Thomas Weikert. Die Bildung eines koreanischen Teams nannte er einen „historischen Schritt“.

          Nord- und Südkorea spielen nicht gegeneinander sondern miteinander.

          Eine gemeinsame Mannschaft im Tischtennis hat in Nord- und Südkorea noch einmal eine größere symbolische Bedeutung als im Wintersport. Denn Tischtennis ist in diesem Teil der Welt ein Volkssport. Tischtennis sei „das perfekte Medium, um die Idee vom Frieden durch Sport zu unterstützen“, heißt es in der Mitteilung der ITTF. Auch der Präsident des nordkoreanischen Verbandes, Ju Jong Chol, erklärte: „Dies ist das Ergebnis einer starken Unterstützung durch die ITTF und das IOC. Wir werden unser Bestes tun, um durch den Zusammenschluss von Nord- und Südkorea noch bessere Ergebnisse zu erzielen.“

          Die Männer werden in Halmstad allerdings als Nord- und Südkorea weiterspielen. Ein gemeinsames Team werden beide Länder bei dieser WM nur bei den Frauen bilden. Die Gelegenheit dazu ergab sich auf einmal am späten Dienstagabend. Da war nach der Auslosung der K.o.-Runde klar: Wenn die Nordkoreanerinnen im Achtelfinale gegen Russland gewinnen, treffen Nord- und Südkorea im Viertelfinale aufeinander. Ihren Plan hielten beide Länder und die ITTF trotzdem bis zum Donnerstagvormittag geheim. „Das hat uns hier alle überrascht“, sagte der deutsche Sportdirektor Richard Prause. „Das ist ein Riesending.“

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