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Studie der Sporthilfe : Die Wahrheit über Athleten

Laufen, kämpfen, gut drauf sein: Sportler funktionieren - was in ihrer Seele vorgeht, sieht man nicht Bild: AP

Atemraubende Befunde der Sporthilfe: Ein Drittel der deutschen Spitzensportler leidet an psychischen Erkrankungen. 8,7 Prozent von ihnen haben Wettkämpfe verschoben.

          Die dunkle Seite des Spitzensports bildet sich üblicherweise in Schlagzeilen ab: Lance Armstrong und seine Doping- und Einschüchterungsmaschinerie, an Wettsyndikate verkaufte Fußballspiele, ein Athlet, der seine Freundin erschießt und sich als Waffennarr entpuppt. Aber auch die stillen Abgründe des Spitzensports, auch des olympischen, auch in Deutschland, sind alarmierend.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          5,9 Prozent von 1150 Sportlerinnen und Sportlern, welche die Stiftung Deutsche Sporthilfe fördert, haben bei einer anonymen Befragung angegeben, regelmäßig zu Doping-Mitteln zu greifen. 40,7 Prozent beantworten die Frage nicht, könnten hypothetisch also auch dopen. An Absprachen über den Ausgang von Spielen oder Wettkämpfen waren nach eigenen Angaben schon 8,7 Prozent beteiligt; zusätzliche 37,2 Prozent antworten auf die Frage danach nicht mit Nein.

          Sportler unter starkem Druck

          Die Zahl ist um so erstaunlicher, als Fußballspieler, die üblichen Verdächtigen, nicht zu den Befragten gehörten. Auch das jahrtausendealte Bild vom gesunden Geist in einem gesunden Körper wird von der Untersuchung beschädigt, die den Titel trägt: „Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdung“. Demnach dürfte, wenn nicht massenhaft multiple Befunde vorliegen, knapp ein Drittel der deutschen Spitzensportler an psychischen Erkrankungen leiden.

          9,3 Prozent gaben Depressionen an, 9,6 Prozent Essstörungen, 11,6 Prozent ein Burn-out-Syndrom. Auch dies wird ergänzt um jeweils rund vierzig Prozent, die keine Antwort gaben, eine solche Krankheit also nicht ausschließen wollen. Die Sporthilfe stellte die Untersuchung, mit welcher sie die Kölner Soziologen Christoph Breuer und Kirstin Hallmann beauftragt hatte, am Mittwoch in Berlin Journalisten und dem Sportausschuss des Bundestages vor, der wie üblich unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagte.

          „Es ist frappierend, wie brüchig das Fundament des Spitzensports ist“, konstatierte der Vorstandsvorsitzende der Sporthilfe, Michael Ilgner. Er wies darauf hin, dass Sportler offenbar unter starkem Druck stehen. Das geht aus den Gründen hervor, die sie generell für Fehlverhalten, also nicht unbedingt ihr eigenes, angaben. Erfolgsdruck (88,6 Prozent), Druck aus dem Umfeld (79,8), Streben nach Anerkennung (69,8) und Existenzangst (57,7) nannten sie am häufigsten.

          40,5 Prozent nehmen Risiken bewusst in Kauf

          Die Konsequenz: 40,5 Prozent stimmten der These zu, dass sie gesundheitliche Risiken bewusst in Kauf nähmen. Ilgner wies darauf hin, dass schon die ersten Ergebnisse der Studie dazu geführt hätten, Medaillenprämien zugunsten kontinuierlicher Förderung zu streichen. Durch eine duale Karriere, also eine den Sport begleitende Berufs- oder akademische Ausbildung, soll den Athleten die Angst vor der Zeit danach genommen werden.

          „Es gibt den Bedarf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, sagte Ilgner, „das ist Teil unserer Aufgabe.“ Breuer wies darauf hin, dass es keine Erkenntnisse darüber gebe, ob der hohe Anteil von psychischen Erkrankungen eine Frage der Selektion oder eine der Sozialisation sei, ob also der Spitzensport psychisch Erkrankte verstärkt anziehe oder ob er Athleten krank mache. Die Manipulation von Spielen und Wettkämpfen stelle die größte Gefahr für den Sport dar, sagte Breuer.

          Jeder zehnte nehme regelmäßig Sportmittel

          Nach seiner Untersuchung haben Doping und absichtliche Regelverstöße kaum einen Effekt auf die Einstellung der Bevölkerung zur Förderung des Spitzensports, gesundheitliche und psychische Risiken sogar einen leicht positiven. Im Schnitt rechnet das Publikum laut Befragung ohnehin damit, dass jeder dritte Athlet gedopt sei. Illegale Absprachen aber ließen die Zustimmung rapide schwinden und gefährdeten die ökonomische Basis des Sports.

          Mehr als jeder zehnte Athlet räumt ein, regelmäßig Schmerzmittel einzunehmen (keine Antwort: 37,8 Prozent), 34,4 Prozent bekennen sich zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln (25,4). Die Antworten gelten als glaubwürdig, da die Untersuchung die Technik der Randomized Response verwendete, die sich in der Rassismusforschung bewährt hat.

          Ein zufällig ausgewählter Anteil der Probanden wird dabei aufgefordert, Antworten unabhängig vom Wahrheitsgehalt, etwa nach Doping oder Spieleverschiebung, mit Ja zu beantworten. Dieser Anteil wird herausgerechnet. Die übrigen Antworten gelten als wahr, weil sich der Befragte zusätzlich zur Anonymität im Einzelfall darauf verlassen kann, dass nicht nachvollziehbar ist, ob er vom Computer aufgefordert wurde, Doping zuzugeben, oder ob er das von sich aus tat.

          Die berufliche Absicherung von Athleten steht im Sport ohnehin auf der Tagesordnung. Anfang des Jahres richtete der Deutsche Olympische Sportbund in seinem Geschäftsbereich Leistungssport eine Stelle für die Förderung der dualen Karriere ein.

          Quelle: F.A.Z.

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