Home
http://www.faz.net/-gu9-s1bf
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Springstein-Prozeß Das Zeitalter des Gendopings hat begonnen

28.01.2006 ·  Aus Prozeßunterlagen des Verfahrens gegen den Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein folgert Doping-Experte Werner Franke: „Das ist nicht nur Doping, das ist kriminell.“ FAZ.NET-Spezial.

Von Michael Reinsch, Berlin
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Womöglich ist Gendoping im Sport bereits Realität. Thomas Springstein, der in Magdeburg wegen Dopings von Minderjährigen vor Gericht steht, hat in einer E-Mail die Substanz Repoxygen erwähnt - ein praktisch nicht nachweisbares Mittel zur gentechnischen Leistungssteigerung. Dies könnte der erste aktenkundige Hinweis darauf sein, daß die Manipulation mit der menschlichen Erbsubstanz im Sport schon etabliert ist.

„Das neue Repoxygen ist schwer erhältlich. Bitte gib mir bald neue Instruktionen, so daß ich die Produkte vor Weihnachten bestellen kann“, heißt es in einer Notiz aus dem beschlagnahmten Computer von Springstein. Im Verfahren gegen den Leichtathletik-Trainer verlas das Gericht am zweiten Verhandlungstag am 16. Januar einige E-Mails von und an Springstein. Sollte er alles eingesetzt haben, wofür er sich interessierte, hätte er möglicherweise schwere Gesundheitsschäden riskiert.

Für den Heidelberger Wissenschaftler Werner Franke, der - zusammen mit seiner Frau Brigitte Berendonk - unter anderem das Staatsdoping der DDR dokumentierte, ist diese Mail der Beleg dafür, daß ein neues Zeitalter angebrochen ist: „Es geht ganz konkret um transgenes Doping.“ Nach seinen Informationen wird in Chat-Rooms im Internet breit über die Anwendung des Präparates der britischen Gentechnologiefirma „Oxford Biomedica“ diskutiert. Nichts spricht dafür, daß Springstein das Mittel als einzigem zur Verfügung gestanden haben könnte.

Die Substanz, die als Medikament nicht zugelassen ist, verankert das Epo-Gen in Muskelzellen. Damit löst es die Produktion von Erythropoetin (Epo) und dann im Knochenmark die Bildung von roten Blutkörperchen aus, also mittelbar die Versorgung der Muskeln mit dem roten Blutfarbstoff, was wiederum die Fähigkeit zur Erholung und die Ausdauerleistung eines Sportlers erhöht.

Nicht nachzuweisen

Mit herkömmlichen Verfahren ist die Wirkung von Repoxygen über das körpereigene Epo in der Blutbahn nicht nachzuweisen. Bis zu den Olympischen Winterspielen in Turin, die am 10. Februar beginnen, läßt sich ein solches Verfahren auch nicht mehr entwickeln. Der Vorteil von Repoxygen für Doper liegt darin, daß es sich je nach Sauerstoffbedarf „an- und ausschalten“ läßt. Der amerikanische Dopingexperte Larry Bowers sagt: „Repoxygen ist eine ernsthafte Bedrohung.“ Er glaubt aber, daß man dessen Wirkung „durch ständiges Überwachen des Blut-Hämoglobins“ entdecken könnte.

Laboraffen haben bei Experimenten schwere Krankheiten bekommen und verendeten nicht selten an einer Immunreaktion. Auch in der Frühzeit des Dopings mit Epo Anfang der achtziger Jahre starben Leistungssportler an Herzstillstand durch Embolien. Offiziell ist Repoxygen erst in der vorklinischen Erprobung. Womöglich wird die Risikobereitschaft von Sportlern und Trainern unterschätzt.

„Hier geht es um Absprache zur Körperverletzung“

Springstein tauschte sich etwa mit dem Arzt Berend Nikkels aus, der in einem niederländischen Team Eisschnellauf-Olympiasieger Gianni Romme und Weltmeister Erben Wennemars betreute, sowie mit einem Doktor Pareita über Dopingmittel wie Anabolika, Epo, Wachstumshormon und reines Koffein. Pereita warnt ihn im Zusammenhang mit dem Blutverdünner Perfluorkarbon vor synthetischem Hämoglobin, das zu einer lebensgefährlichen Abwehrreaktion führen könne. Gleichzeitig verspricht er zu versuchen, es aus amerikanischen Krankenhäusern zu bekommen.

Franke folgert aus dem Mail-Verkehr: „Das ist nicht nur Doping, das ist kriminell. Hier geht es um Absprache zur Körperverletzung. Das ist schlimmer als in der DDR und brutaler als beim Balco-Skandal.“ Der Balco-Skandal um das gleichnamige kalifornische Labor erschütterte zuletzt den amerikanischen Sport.

Neben der Nennung der Substanzen sind auch die Hinweise auf eine mögliche Anwenderin in den Mails deutlich. Bei der Hausdurchsuchung bei Springstein im September 2004 fand die Polizei zwanzig Wirksubstanzen; fünf von ihnen Anabolika, zwei Wachstumshormonpräparate und eine Menge Insulin zum Injizieren. Springstein behauptete gegenüber den Ermittlern, die Dopingmittel selbst gebraucht zu haben; er sei Bodybuilder.

Springstein nicht zum ersten Mal auffällig

Der heute 47 Jahre alte Springstein machte zum ersten Mal von sich reden, als in einem Trainingslager im Januar 1992 in Südafrika mehrere seiner Sportlerinnen identische Dopingproben abgaben, darunter die Doppelweltmeisterin im Sprint, Katrin Krabbe, und die Europameisterin über 400 Meter, Grit Breuer. Ein halbes Jahr später wurden sie der Einnahme des in der Kälbermast gebräuchlichen Clenbuterol überführt und - weil das Mittel noch nicht auf der Dopingliste stand - wegen Medikamentenmißbrauchs gesperrt.

Schon 1984 bis 1987 habe der junge Trainer Springstein ihr in Neubrandenburg Oral-Turinabol verabreicht, hat eine ehemalige Hürdensprinterin nach der Wende bei der Kriminalpolizei ausgesagt. Der Fall gehörte zur ursprünglichen Anklage im großen Berliner Dopingprozeß gegen Manfred Ewald und ist ausdrücklich als Schädigungsfall in vielen rechtskräftigen Urteilen zum DDR-Doping genannt.

„Ich sehe keinen Ausweg aus der Dopingproblematik“, sagte Thomas Springstein vor vier Jahren dieser Zeitung. In jenem Jahr war er von seinen Kollegen im Deutschen Leichtathletik-Verband zum „Trainer des Jahres“ gewählt worden.

Ein Dutzend der in seinem Haus in Gerwisch bei Magdeburg beschlagnahmten Substanzen ist noch nicht identifiziert.

Quelle: F.A.Z. vom 28. Januar 2006
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

1899 Hoppenheim

Von Michael Horeni

Wer eine Viertelmilliarde in sein Hobby steckt, will mehr als den besten Platz im Stadion. Doch Dietmar Hopp wird derzeit zum Problem für seinen Klub TSG Hoffenheim. Mehr 1