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Sportwissenschaftler Emrich : „Der Spitzensport muss sich neu bestimmen“

Eike Emrich: Empirische Befunde zeigen, dass die olympische Idee an Strahlkraft verliert Bild: picture alliance

Hat der Spitzensport ein Problem? Eike Emrich glaubt ja. Im Interview spricht er über moderne Zirkusaufführungen, humanen Leistungssport und notwendige Reformen.

          Wem hat Hamburg mit seinem Nein zur Olympia-Bewerbung einen Korb gegeben, der olympischen Idee, Politikern, Verbänden?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Da überlagert sich vieles. Empirische Befunde zeigen, dass die olympische Idee an Strahlkraft verliert. Korruption, Gigantismus und Doping werden zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Trotzdem hat die olympische Idee noch Zugkraft. Enorm an Zustimmung verloren haben aber die internationalen Verbände, auch das Internationale Olympische Komitee. Dazu kommen die aktuellen Befunde von systematischem Doping in Russland, Spekulationen über Ähnliches in Kenia. Das schaukelt sich hoch. Die Terrorgefahr für Massenveranstaltungen spielt zudem eine große Rolle. Und nicht zu vergessen die Unsicherheit bei den Kosten. Die Ansätze wurden immer überschritten. In der Vergangenheit war das ein quasi normaler Vorgang. Städte, die Olympische Spiele ausrichteten, haben etwas für ihr Image getan und auf Kosten der Steuerzahler ihre Infrastruktur auf Vordermann gebracht. Auch dies sieht man heute offensichtlich kritischer.

          Hat der Spitzensport ein Problem?

          Wir erleben eine Krise des Spitzensports. Stets stellt sich die Frage, ob der Sieger sich tatsächlich an die Regeln des Fair Play gehalten hat, ob er wirklich der Beste ist oder ob er manipuliert hat. Der Verdacht schwingt überall mit. Nationen konkurrieren heute nicht mehr nur mittels Medaillenspiegel miteinander, sondern eher mit Exportquoten, Modernisierungsraten, Gleichberechtigung, OECD-Statistiken. Ich habe das Gefühl, dass sich die Haltung zu einem absoluten Leistungssport, einem Wettbewerb, in dem nur der Sieger zählt, verändert hat. Ich glaube, dass diese Form des an Rekorden orientierten Erfolgsprinzips überholt ist.

          Welche Konsequenzen sollte man vom IOC und vom Deutschen Olympischen Sportbund erwarten können?

          Es ist an der Zeit für eine inhaltliche Neubestimmung. Welche Form von Sport wollen wir in einer offenen Gesellschaft haben? Ein junger Mensch muss nach seiner Sportkarriere sagen können: Es hat sich auch ohne Medaille gelohnt. Medaillen können nicht das Ziel all dieser Aktivitäten sein, sie sind aber das Mittel in einem sekundären Wettbewerb, in dem Verbände und Funktionäre ihre eigene Leistungsfähigkeit zu beweisen versuchen. Sie verwenden dazu Athleten als Mittel zum Zweck. Wir müssen die Frage beantworten, was humaner Leistungssport ist beziehungsweise sein soll.

          In Deutschland ist das Bekenntnis zur dualen Karriere, zu sauberem Sport und gegen den Rekordwahn weitgehend Konsens. Warum ist das international anders?

          Die olympische Bewegung als Idee steht für ein Wertebündel mit einem hohen Maß an utopischen Versprechen. Das fasziniert nach wie vor viele. Deshalb tragen das IOC, die internationalen und die nationalen Verbände sowie die Athleten im olympischen Betrieb große Verantwortung – für den richtigen Umgang mit dem Athleten, mit dem Wettbewerb, mit dem Konkurrenten und mit der olympischen Idee. Wenn das IOC dies nicht wieder ernst nimmt, wird aus olympischem Sport sensationslüsterner Zirkus. Ich fürchte, dass nicht alle, die daran beteiligt sind, wissen, dass eine solche Entwicklung ihnen letztlich die ökonomische Grundlage entziehen wird. Das Besondere Olympischer Spiele war immer ihr Wertekontext. Wenn stets der Verdacht von Doping und Korruption mitschwingt, wenn die Utopie von Fairness und Völkerfreundschaft verschwindet – warum sollte man dies staatlich und gesellschaftlich fördern? Theoretisch ist vorstellbar, dass die Zuschauer in unserem Land sich verweigern, das IOC aber mit neuen, spektakulären Produkten woanders auf der Welt Erfolg hat. Doping, extreme Bestleistungen, Unfälle – das alles sorgt dann dafür, dass vielleicht mehr neue Zuschauer am Fernsehen ein- als alte abschalten. Ich sehe dabei die Gefahr, dass eine zynische Vermarktung von unrealistischen und unverantwortlichen Zirkusaufführungen Verbände in die extreme Vertrauenskrise führen könnte – und damit vielleicht sogar als nicht intendierte Folge einen echten Neubeginn ermöglichte.

          Ein Land, eine Stimme, das hat sich mehr als Instrument zum Machterhalt denn als angemessene Vertretung des Sports der Welt erwiesen. Haben internationale Verbände zusätzlich zu Gier und Korruption, Doping und Manipulation das Problem einer vorgetäuschten Demokratie?

          Die olympische Bewegung ist so etwas wie die ehrenamtliche Revitalisierungsarmee Olympias. Weltweit engagieren sich Menschen ehrenamtlich für die Sache und verschaffen einem IOC immer wieder unentgeltlich Reputation, das sich verhält wie ein Wirtschaftsunternehmen und die Demokratie demonstrativ ins Schaufenster stellt. Ich glaube, dass Personen wie Thomas Bach (IOC-Präsident, Anm. d. Red.) durchaus Reformen anstreben. Aber in einem Umfeld, in dem die verschiedensten Kulturen vertreten sind – in den Sportverbänden sind bis zu mehr als zweihundert nationale Verbände vertreten, egal, ob sie Hunderte oder Millionen Sportler vertreten –, in einem solchen Umfeld sind die Chancen auf Veränderung gering. Man vertritt seine Interessen, eigene und nationale, man lenkt Einkommensströme, man erfährt Bedeutung. Dies führt zu großem Beharrungsvermögen. Angesichts der großen Summen, um die es in den Verbänden geht, stößt die Organisationsform des eingetragenen Vereins wohl an ihre Grenzen. Praktisch sind dies multinationale Konzerne. Die Interessen sind viel zu verwoben, um wirklich Transparenz zu riskieren und ein Abstimmungsverhalten im Sinne der olympischen Idee zu begünstigen. Dies verhindert praktisch Reformen.

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