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Sportrechtler Nolte Geht nicht gibt’s nicht

14.04.2010 ·  Martin Nolte ist der erste Rechtswissenschaftler mit einer eigenen Professur für Sportrecht in Deutschland. Der Jurist hat klare Vorstellungen von der rechtlichen Bedeutung des Sports - und verwahrt sich gegen den Vorwurf des Lobbyismus.

Von Christoph Becker, Kiel
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Die nächste Aufgabe. Martin Nolte kennt keinen Arbeitsmangel. Noch vor seiner Antrittsvorlesung am Mittwoch an der Kieler Christian-Albrechts-Universität war der erste Rechtswissenschaftler mit einer eigenen Professur für Sportrecht in Deutschland anderswo gefragt: Die arabischen Sportverbände, intensiv um eine stetig wachsende Rolle im internationalen Sportgeschäft bemüht, wollen ein eigenes Sportschiedsgericht bestellen. Nolte möchten sie als Schiedsrichter gewinnen.

Sein Arbeitsalltag an der Kieler Universität nimmt sich deutlich nüchterner aus als die hochfliegenden Pläne am Persischen Golf. Seit dem Wintersemester lehrt der 42 Jahre alte Nolte an der eigenen Professur, die ersten Arbeitsseminare hat er zwischen Kisten in seinem Büro im vierten Stock der Sportfakultät gehalten. Die Professur ist von der Deutschen Telekom gestiftet, sie war seine Idee: „Die Stiftungsprofessur hilft beiden. Hintergrund ist ein Konzept, dass ich erarbeitet habe, über Forschung im Sportrecht. Dieses Konzept habe ich 2007 der Deutschen Telekom vorgestellt. Ich hatte mich gefragt: Wer hat wohl genügend Interesse und Potential und den Blick für solche Querschnittsfragen? Und da bot sich Telekom als einer der größten Sportsponsoren in Europa geradezu an.“

Was soll der Staat eigentlich rechtlich steuern?

Auf drei Jahre ist das Projekt angelegt, Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Die Disziplin boomt in Deutschland, rechtlich umstrittene Fragen gibt es zuhauf, Claudia Pechsteins Fall zeigt das seit Monaten. Nolte lässt bis zu zehn Doktoranden zeitgleich bei sich promovieren, der Andrang, sagt er, sei noch größer, mit der Begrenzung wolle er auch die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit wahren. Die Telekom, die den Lehrstuhl aus ihrem Sportsponsoringetat von schätzungsweise 100 Millionen Euro im Jahr finanziert, lasse ihm freie Hand bei der Auswahl der Forschungsthemen. Natürlich interessiert die Geldgeber des Sports, wen und in welchem Umfang sie zu den von ihnen finanzierten Wettkämpfen einladen können, ohne sich strafbar zu machen. Wie sich erworbene Rechte exklusiv verwerten lassen, welche Werbeverbote nach Alkohol und Tabak noch drohen. Probleme des Wirtschaftsrechts, die den Sport mittelbar beeinflussen, in der Sache nicht anders als etwa Kulturveranstaltungen – der Unterschied liegt oft in der Höhe des Etats.

Die großen, öffentlich diskutierten Themen des Sportrechts aber sind andere — und seit Jahren dieselben: Über Sinn oder Unsinn der Festschreibung des Sports als Staatsziel im Grundgesetz streiten Sportfunktionäre, Politiker, Juristen und Journalisten ebenso wie über die strafrechtliche Verfolgung von DopingVergehen. „Ich habe durch meine bisherige wissenschaftliche Arbeit einen allgemeinen Schlüssel bekommen, um jedes Thema im Bereich des Sports aufzuschließen: Was soll der Staat eigentlich rechtlich steuern im Sport? Soll sich der Staat zurückhalten, einen zivilrechtlichen Rahmen schaffen, innerhalb dessen der Sport sich eigene Regeln setzen kann, eine eigene Schiedsgerichtsbarkeit schaffen kann? Oder soll sich der Staat so weit in den Sport hineinwagen, dass er Verhaltensweisen mit strafrechtlichen Mitteln pönalisiert, also Doping, Gewalt und Wettbetrug?“ Die These, die Aktivitäten des Staats im Sport seien ein hochpolitisches Thema, unterstreicht er: „Absolut.“

Im Zentrum verschiedener Interessen zu stehen macht ihm offensichtlich Spaß. „Ich will darauf hinweisen, was man rechtlich miteinander in Ausgleich bringen kann. Mir geht es darum, Probleme zu lösen, und nicht darum, irgendetwas kaputt zu machen.“ Viele Juristen hätten gelernt zu sagen: Das geht nicht, das funktioniert nicht, das ist schlecht. „Aber mal etwas anders zu machen, Lösungsansätze zu erarbeiten – das fehlt häufig.“

Sport als Staatsziel im Grundgesetz

Seine „Lösungsansätze“, seine eigene Haltung vertritt Nolte offensiv, wirbt für sie in einer eigenen Kolumne, die er seit ein paar Monaten im „Handelsblatt“ schreibt: Den Sport möchte er dringend als Staatsziel im Grundgesetz sehen, einen eigenen Straftatbestand, der Sportbetrug sanktioniert, lehnt er bis auf weiteres ab. Damit vertritt er die Standpunkte der Sportverbände in diesen Fragen, allen voran des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und dessen Vorsitzenden Thomas Bach. Wie dieser schätzt und schützt Nolte die Autonomie des Sports. Zudem ist er Rechtsvorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur, Vorstand des Landessportverbands Schleswig-Holstein und Nolte schreibt Gutachten, unter anderem für den DOSB. Das hat Nolte Kritik an seiner „Rolle im System“ eingebracht.

Die Agenda der Professur, die Vorstandsarbeit bei der Nada und im Landessportverband, seine Expertisen – Nolte muss sich fragen lassen, ob er selbst Politik macht. „Wenn es Politik ist, eine eigene Meinung zu einem bestimmten Thema zu haben, dann mache ich Politik. Ich finde es auch wichtig, nicht als personifiziertes Verhältnismäßigkeitsprinzip durch die Gegend zu gehen und von praktischer Konkordanz der Grundrechte zu reden, sondern zu machen! Wichtig ist doch: Was kommt hinten bei raus? Da muss ich als Wissenschaftler Antworten geben.“

Korruption, Machtmissbrauch und Ämtervielfalt im Sport

Ihm ist schon vorgeworfen worden, Lobbyist für die sportpolitischen Entscheidungsträger in Deutschland zu sein. Nolte erhebt Einspruch: „Erstens: Ich sehe meine ehrenamtlichen Tätigkeiten im Sport nicht als Lebenserfüllung an. Für mich ist es wichtig zu erkennen, was im organisierten Sport läuft. Ich könnte mich auch in meinen Elfenbeinturm zurückziehen und sagen, mich interessiert nicht, was in den Sportorganisationen passiert. Und zweitens, wenn es heißt: Du bist ein totaler Vertreter des Sports, einer der nur für den Sport ist und sich an den Sport verkauft – da sage ich: Wenn ich mich verkaufen wollte, kann ich etwas anderes machen. Die Kritiker verkennen die Lebensrealität.“ Nolte verweist darauf, dass er als Anwalt deutlich mehr Geld verdienen könnte.

Korruption, Machtmissbrauch und Ämtervielfalt sind ständige Begleiter im Sport und in seinen Verbänden. „Das sind absolute Gefahren“, sagt Nolte. „Ich würde sie aber nicht systemimmanent nennen, sondern gesellschaftsimmanent. Ich erkenne Handlungsbedarf in allen Gesellschaftsbereichen, nicht nur im Sport.“ Aus seiner Sicht kommt es darauf an, neben den Regelwerken und Gesetzen auch weiche Steuerungsinstrumente, die man aus der Wirtschaft kennt – Stichwort: Compliance –, im Sport einzubeziehen. „Da gibt es einigen Steuerungsbedarf, um Machtmissbrauch und Korruption zu verhindern. Du kannst nicht Präsident eines riesigen Verbandes sein und an dessen Aufträgen in anderer Form partizipieren. Da sehe ich große Gefahren.“

An diesem Mittwoch hält er seine Antrittsvorlesung in der Kieler Kunsthalle. Das Thema: „Was ist und mit welchem Ziel studiert man Sportrecht?“ Die Antworten auf diese Fragen wird Nolte maßgeblich mitgestalten — dann wird sich zeigen, wer von ihnen profitiert.

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Jahrgang 1978, Sportredakteur.

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