LAUSANNE. Olympische Sportler von der Staatsanwaltschaft gejagt, von Polizeibeamten in Handschellen abgeführt, vor ein ordentliches Gericht gestellt und schließlich ins Gefängnis gesteckt: Das mag sich anhören wie die Handlung eines schweißtreibenden Kriminal-Albtraums, der sensible Hüter der sportlichen Ideale vielleicht einmal unter ihren Plumeaus im Lausanner Luxushotel Palace heimsuchen könnte. Doch bei der Vorstellung, mit der sich dieser Tage die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an ihrer Residenz am Genfer See befassen muß, handelt es sich um mehr als eine Horrorvision nach einem allzu üppigen Diner. In Italien, am Schauplatz der Olympischen Winterspiele 2006 (10. bis 26. Februar), ist all dies möglich. Das im Jahr 2000 beschlossene italienische Gesetz Nummer 376 besagt nämlich, daß Dopingvergehen von Sportlern und ihren Betreuern mit Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu drei Jahren zu ahnden sind. Und daß die italienische Justiz mit der strengsten Anti-Doping-Gesetzgebung der Welt Ernst macht, konnte man zuletzt am vergangenen Montag erleben: Da befand ein Gericht in San Remo fünf Teilnehmer des Giro d'Italia 2001 und einen Masseur des Dopings für schuldig und verurteilte sie zu Haftstrafen zwischen fünf und sechs Monaten, wenn auch zur Bewährung ausgesetzt. Vor vier Jahren hatte es während der Rundfahrt eine breit angelegte Polizei-Razzia gegeben, in diesem Jahr gab es eine ähnliche Aktion.
Die Staatsgewalt im behüteten Tempel der edlen Wettstreiter? Der als moralische Überfigur vermarktete Olympia-Athlet auf das Niveau eines potentiellen Kriminellen heruntergezogen? Etwas Ähnliches darf, dieser Meinung sind sowohl das IOC als auch die Internationale Anti-Doping-Agentur (Wada), im Olympischen Dorf von Turin, das in weniger als hundert Tagen eröffnet wird, nicht passieren. Sowohl IOC-Präsident Jacques Rogge als auch der Wada-Vorsitzende Richard Pound sind der Ansicht, daß Dopingsünder vor die Sportgerichtsbarkeit gehören - wo man sie von den Wettkampfstätten verbannen kann -, aber nicht kriminalisiert werden sollen. Außerdem wird befürchtet, daß unter solchen Umständen wichtige Sportler auf ihren Olympiastart verzichten könnten. "Glauben Sie, daß millionenschwere amerikanische Eishockeyprofis das Risiko eingehen werden, in Turin in Handschellen abgeführt zu werden?" fragte etwa Multifunktionär Mario Pescante.
IOC fordert Aussetzung des Gesetzes
Das IOC verlangt also von der italienischen Regierung, daß ihr Gesetz für die Teilnehmer der Spiele in Turin, wenn es schon in der kurzen Zeit nicht mehr geändert werden kann, wenigstens ausgesetzt werden muß. Während Olympias, darauf besteht das IOC, dürfen für Dopingsünder nur seine eigenen Regeln gelten. Man pocht auf den vor sieben Jahren unterzeichneten Ausrichtervertrag, der dies zusichert. Damals gab es das rigide italienische Gesetz noch nicht. Die sieben olympischen Wintersportverbände setzen in diesem Streit auf Jacques Rogge. "Dieses Problem kann nur als Chefsache gelöst werden", sagte der Italiener Ottavio Cinquanta als Sprecher der Wintersportverbände.
Nicht nur Francesco Storace, der Gesundheitsminister des Landes, wettert: "Wir können nicht hinnehmen, daß italienische Gesetze nicht gelten, weil es irgendwo in der Welt Athleten gibt, die ungestört dopen wollen." Tatsächlich ist Mario Pescante, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und gleichzeitig Staatssekretär für Sport und Beauftragter der Regierung für die Spiele in Turin, am Mittwoch vergangener Woche mit dem Versuch gescheitert, das italienische Parlament zu einer Sonderregelung zu bewegen. Nun befindet er sich in heller Aufregung: "Es muß eine Lösung gefunden werden, ansonsten werden die Spiele nicht stattfinden", drohte er in Rom. In Lausanne ist er bereits eingetroffen und muß der IOC-Exekutive laut Tagesordnung am Freitag Bericht erstatten. Die Lage ist verzwickt, und der Mann dürfte sich vorkommen wie ein Chamäleon, das mit dem Farbwechseln nicht mehr nachkommt. Pescante muß dem IOC ganz besonders hingebungsvoll zu Diensten sein, weil er bei der Session unmittelbar vor Turin für einen Platz in der Exekutive kandidiert - übrigens als Gegenspieler des Deutschen Thomas Bach, der seine Anwartschaft am vergangenen Montag bekanntgab. Als Repräsentant der italienischen Regierung allerdings muß Pescante die Gesetze des Landes respektieren. Auch die Äußerungen seines Nachfolgers als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Italien (Coni), Gianni Petrucci, machen seine Lage nicht leichter. Petrucci sagte in einem Interview mit "La Stampa": "Wenn jemand wegen der anderen Anti-Doping-Gesetzgebung nicht zu den Spielen kommt, heißt das, daß er etwas zu verbergen hat."
Rogge berät mit Berlusconi
Am 17. November sollen Jacques Rogge und der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi zusammentreffen. Dann sind es keine drei Monate mehr bis zur Eröffnungsfeier der Winterspiele am 10. Februar. Im Moment allerdings sieht es nicht so aus, als gäbe die italienische Regierung nach: Der grüne Senator Fiorello Cortiana, der als einer der Väter des Anti-Doping-Gesetzes gilt, beharrt jedenfalls auf seiner grundsätzlichen Position: "Die Strafe aufzuheben bedeutet einen Anschlag auf die Gesundheit Hunderter von Athleten und eine Ermutigung für den Handel mit Dopingmitteln, bei dem die Mafia eine herausragende Rolle spielt." Doping, soll dies heißen, ist längst keine Familiensache mehr, sondern geht die ganze Gesellschaft an. Es wird einiger Kunstgriffe bedürfen, um solch tiefgreifende Unterschiede in der Beurteilung des Dopingproblems zu überbrücken.